Von Andrea Herzig
30. September 2008 Mathe war für Daniel Schneider das Killerfach. Der 22 Jahre alte Maschinenbaustudent, eingeschrieben an einer süddeutschen Universität, ist zweimal schriftlich durchgefallen, einmal mündlich. Das war's: Studienabbruch nach vier Semestern, gescheitert am scheinbar praxisfernen, für viele Studenten furchtbar drögen Grundwissen. Jetzt will er es bei den Bauingenieuren probieren, einem klassischen "Fluchtfach" für Maschinenbauwechsler.
Der Fall ist typisch. In kaum einem anderen Fach ist die Abbrecherquote so hoch wie in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Hier halten die neuen Bachelor-Studiengänge nicht, was sich vor allem die Industrie von ihnen versprach - dass die Studenten schneller ihr Studium abschließen, früher ins Berufsleben einsteigen. Eine Studie des Hochschulinformationszentrums (HIS) in Hannover hat für den Absolventenjahrgang 2006 der Fächer Maschinenbau und Elektrotechnik eine Abbruchquote von 34 beziehungsweise 33 Prozent an der Uni, 32 und 36 Prozent an der Fachhochschule ermittelt. Im Durchschnitt aller Fächer lag die Quote bei 21 Prozent.
Um herauszufinden, warum der Schwund ausgerechnet unter den angehenden Ingenieuren so groß ist, hat der Soziologe Ulrich Heublein vom HIS für das Bundesbildungsministerium und die Impuls-Stiftung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Maschinenbau-Abbrecher von FHs und Unis zu ihren Motiven befragt. Seine Ergebnisse wird Heublein, der sich seit Jahren mit Erfolgen und Misserfolgen an deutschen Hochschulen beschäftigt, seine Stichprobe mit der Auswertung einer Befragung von mehreren tausend Studenten, die das Maschinenbaustudium entweder an den Nagel gehängt haben oder in ein anderes Fach gewechselt sind, statistisch unterfüttern. Eine seiner Empfehlungen steht aber schon fest: umfassende studienbegleitende Crashkurse, damit Mathematik nicht so häufig zum Abbruchgrund wird. Hier und da werden solche Kurse schon angeboten; besonders an den Fachhochschulen, erklärt Heublein, seien sie sinnvoll - denn dort gibt es viele Studenten, die schon eine Berufsausbildung hinter sich haben. Deren Mathekenntnisse seien oft "aktuell nicht abrufbar", die Studenten deshalb schnell frustriert, wenn sie zu Beginn des Studiums erst einmal gar nichts verstünden. "Das heißt nicht, dass sie mathematisch nicht begabt sind", sagt Heublein. "Aber wenn man sie haben will, muss man auch auf ihre Bedürfnisse reagieren."
Auch Daniel Schneider ist nicht einfach so durch den Notenrost gefallen. Nach dem Abitur arbeitete er ein Jahr für ein internationales Hilfsprojekt in Guatemala - das war löblich und gut für seine persönliche Entwicklung, aber schlecht für seine Mathekenntnisse. Denn diese haben bei Nichtgebrauch, so zeigt die Erfahrung vieler Dozenten, eine geringe Halbwertszeit. Für den jungen Abbrecher hat sich aber auch die Vorstellung, die er sich vom Maschinenbaustudium gemacht hatte, überhaupt nicht erfüllt. Er, der immer begeistert an seinem Mofa herumgeschraubt hatte und schon als Dreikäsehoch stundenlang Lokomotiven in Museen anstaunen konnte, fühlte sich mit Theorie vollgestopft. Technische Mechanik, Chemie und so weiter - Fächer, die er nur schwer in Verbindung zueinander und in Einklang mit seinem Bild eines Maschinenbauers bringen konnte. Denn niemand hatte ihm wirklich gesagt, was ihn erwartete. Seine Motivation sank rasch und mit ihr auch seine Leistungsbereitschaft.
"Der Ingenieur ist nicht erlebbar für die jungen Leute", kritisiert Heublein deshalb auch die Wirtschaft. Es gebe keine "tollen Leute", die als Vorbilder herhalten könnten. Dazu komme, dass es die Hochschulen oft versäumten, ihren Studenten plausibel zu erklären, warum sie die "harten Fächer" büffeln müssten und in welchem Zusammenhang diese Wissensfelder stünden.
Die TU Darmstadt hat das Problem erkannt. Maschinenbau-Dekan Peter Stephan berichtet von einem Einführungskurs, der die Erstsemester nach den Worten des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry die Sehnsucht nach dem weiten Meer lehren soll, die nötig sei, um ein Schiff zu bauen - und nicht nur die knallharten Kurse mit den hohen Durchfallquoten. Gleich im ersten Semester bekommen die Neulinge hier ein komplexes technisches Problem gestellt, das sie in Zehner-Teams lösen müssen. Hochleistungsgrills, Systeme zur Altölverwertung aus der Mensa-Friteuse und andere verwendbare Dinge, erzählt Thermodynamik-Professor Stephan begeistert, seien so entstanden.
Außer einem technischen steht den Studenten in dem Projekt auch ein psychologischer Betreuer zur Seite. Nicht nur für fachliche, sondern auch für arbeitsorganisatorische Prozesse sollen sie geeignete Bewältigungsstrategien erlernen. Inzwischen ist der Kurs Pflicht, sein Erfolg lässt sich an Zahlen ablesen. "2006 blieben 94 Prozent nach dem dritten Semester dem Maschinenbau treu", zitiert Stephan aus einer internen Statistik. "2003 waren es dagegen nur 79 Prozent."
Zeitmanagement und Arbeitsorganisation sind auch laut der HIS-Studie Stolpersteine, an denen viele eigentlich Lernwillige scheitern. Weitere Kritikpunkte der Hochschulforscher: "Betreuungs- und Kommunikationsdefizite tragen dazu bei, dass das Leistungsvermögen häufig unausgeschöpft bleibt und das Können der potentiellen Studienabbrecher nur unvollkommen abgerufen wird."
In den neuen Bachelor-Studiengängen haben manche Hochschulen außerdem ein Problem mit der Stoffverteilung. "Alle interessanten Themen haben sie rausgeschmissen und die harten Fächer dringelassen", urteilt Tobias Becker, der an der Uni Karlsruhe im siebten Semester Elektrotechnik auf Diplom studiert, über die Curricula jüngerer Kommilitonen. Ob es wirklich nötig ist, so viel Theorie gleich an den Studienbeginn zu packen, daran zweifelt auch Ulrich Heublein. "Der Bachelor muss studierbar bleiben", beschwört er die Hochschulen. Auch VDMA-Bildungsexperte Gabriel Ellis wünscht sich eine gründliche Überprüfung der Inhalte, gerade in den Anfangssemestern. "Welche Kenntnisse werden wirklich für den B.A.-Abschluss gebraucht?" An den Hochschulen gehe es immer noch zu sehr um exzellente Forschung, die Exzellenz der Lehre komme zu kurz. Und Ulrich Heublein überlegt, ob nicht unterschiedliche Bachelor-Abschlüsse - einer eher praktisch, der andere theoretisch orientiert - sinnvoll wären. "Das müssen sich die Hochschulen im Gespräch mit der Wirtschaft überlegen."
Ein großes Problem für viele Studenten ist aber nach wie vor auch die Finanzierung des Studiums. 40 bis 45 Stunden Lernen in der Woche können schon zusammenkommen. "Da nebenher jobben, das geht gar nicht", sagt Tobias Becker. Denn auch Semesterferien sind keine Ferien: Ingenieurstudenten schreiben da ihre Klausuren, im Rhythmus von zwei bis drei Wochen - und einige der Tests eben nicht nur einmal. Doch manche Kommilitonen - oft sind es die aus Familien mit bildungsfernerem Hintergrund - müssen sich ihren Lebensunterhalt trotzdem selbst finanzieren. "Man muss darüber nachdenken, ob wir schon die richtigen und ausreichenden Instrumente zur Studienfinanzierung haben", sagt Heublein deshalb.
Aus welchem Grund auch immer sie abbrechen, was wird später aus den vielen Studenten, die eigentlich Ingenieure hatten werden wollen? Viel zu viele Studenten, berichtet Jutta Gentsch, die in der Stuttgarter Agentur für Arbeit Akademiker berät und eigens Abbrecherseminare anbietet, beginnen das Ingenieurstudium uninformiert oder ohne Leidenschaft, aus "pseudo-vernünftigen" Gründen - weil das Fach auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist oder die Eltern dazu drängen, "was Rechtes" zu erlernen. Oft fehle aber auch schlicht die Anstrengungsbereitschaft. "Wir waschen denen den Kopf, sie überprüfen ihre Haltung - und dann wechseln sie oft erfolgreich in einen verwandten Studiengang oder von der Uni an die praxisnähere Fachhochschule."
Andere verlassen die Hochschule ganz. Gerade FH-Abbrecher haben mitunter schon eine Ausbildung hinter sich und kehren in den erlernten Beruf zurück. Viele Unternehmen zeigten sich interessiert an Abbrechern mit technischem Verstand und Interesse, die innerbetrieblich schnell weitergebildet und integriert werden könnten, hört Ulrich Heublein in Gesprächen mit den Industrie- und Handelskammern. Auch die Maschinenbau-Abbrecher, mit denen er selbst gesprochen hat, hatten alle schon eine Idee, einen Plan, wenn auch nicht immer einen Job. Ihr Traum vom Ingenieursein aber ist ausgeträumt. Wir nehmen keine Abbrecher, heißt es zum Beispiel aus der Personalabteilung von Bosch, ein Quereinstieg ist nicht möglich. Dazu seien die Anforderungen zu hoch. Der Bachelor-Abschluss reiche oft gerade so aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow