FAZ.NET
FAZFINANCE.NET
Märkte
F.A.Z.-Archiv
Abo

FAZJOB.NET

Umwelttechnologie-Channel

06. Juli 2009

Mein FAZjob.NET:
FAZJOB.NET
NEU FAZjob.NET - Tour




FAZjob.NET >Beruf und Chance >Campus >

   
 Beruf und Chance 
 
Arbeitswelt
Vergütung
Arbeitsrecht
Neue Köpfe
Personalprofi
Campus
Stellensuche
F.A.Z.-Community
 
   

F.A.Z.-Stellensuche

   (Hilfe)


Jobs der Woche

Sozialer Wandel

Vertreibung aus dem Paradies

Von Tonio Postel




25. Oktober 2008 
Noch ist der Hamburger Arbeiter- und Migranten-Stadtteil Veddel alles andere als edel. Zwischen Hafenkränen, Bahngleisen und Containerterminals reihen sich hier, sechs S-Bahn-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, rote Backsteinblöcke aneinander. Es gibt einen Call- und einen Afrika-Shop, ein Restaurant mit albanischen Spezialitäten, eine Apotheke und einen türkischen Lebensmittelladen. Schuhgeschäfte sucht man hier vergebens, ein einziger Penny-Markt versorgt alle 5400 Einwohner; statt einer Bankfiliale gibt es einen Geldautomaten. Der Ausländeranteil liegt bei über 50 Prozent, unter den Jungen sogar bei 75 Prozent. Jeder dritte Einwohner lebt von Hartz IV, zwei Drittel des Bestandes sind Sozialwohnungen.

Vielleicht ist das Schild an der Hauswand über dem "Café Unmut", dem einzigen Studenten-Café im Viertel, aber ein erstes Zeichen der Veränderung. "Fritz Cola" steht dort weiß auf schwarz, darüber die grinsenden Gesichter der Firmengründer. An dem Szenegetränk wird üblicherweise in Szenevierteln genippt. Ist die Veddel also auf dem Weg zur "Veredelung"? Soziologen und Stadtgeographen haben dafür den Begriff der "Gentrifizierung" geprägt, der Volksmund nennt es auch „Yuppisierung“. Wissenschaftler teilen das Phänomen in drei Phasen ein. Danach müssen Studenten und Künstler zunächst das Feld bestellen, indem sie in innenstadtnahe, günstige Wohnungen ziehen und - oft in geräumigen Altbauwohnungen - ihre Wohngemeinschaften und Ateliers gründen. In der nächsten Phase wird es für sie schon gefährlich: Restaurants und Cafés, Naturheilkundler und Bioläden ziehen nach und nach ein wohlhabenderes Publikum an. Dann werden die Wohnungen saniert und teurer vermietet. Schließlich werden in Phase drei aus "In-Vierteln" häufig Familien-Viertel - die Studenten sind dann meist längst weggezogen.

Attraktiv und erschwinglich ist selten

So wird das Angebot an erschwinglichen und zugleich attraktiven Wohnungen knapper. Auch deshalb werden in beliebten westdeutschen Studentenstädten, in Heidelberg und Marburg zum Beispiel, zu Semesterbeginn regelmäßig Notquartiere eingerichtet - für all jene, die noch kein Dach über dem Kopf gefunden haben. Auf der Veddel sorgte im Juli 2004 eine ganz andere Maßnahme für eine Überraschung: Der damalige CDU-Senat entwickelte gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, die immer wieder über Leerstände geklagt hatte, dem Studentenwerk und der Wohnungsbaukreditanstalt einen Plan, um eine drohende Ghettoisierung zu verhindern. Insgesamt 340 Studenten wurden mit subventionierten Mieten hergelockt - eine in Deutschland einmalige Aktion, die auf den benachbarten Stadtteil Wilhelmsburg ausgeweitet wurde. Einzige Bedingung war, dass sich die Studenten mit ihrem ersten Wohnsitz auf der Veddel anmeldeten, schon war ihnen ein WG-Zimmer mit mehr als 10 Quadratmetern für 178 Euro sicher. Schnell waren die 188 Wohnungen vergeben - und die Mieten vieler alter Mieter um 15 Prozent erhöht. So reagierte die Wohnungsbaugesellschaft auf die erste Phase der Gentrifizierung, und manche Ureinwohner fühlten sich plötzlich fremd in ihrem Viertel.

Auf Knopfdruck aber funktioniert die Veredelung nicht. Rahel Meyer, die 22 Jahre alt ist, auf Lehramt studiert und in der Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, hat ein Jahr in einer subventionierten WG auf der Veddel gewohnt. Warum sie nicht geblieben ist? Die Kakerlaken und der fehlende Boden in der Wohnung gaben nicht den Ausschlag. "Es ist so leblos hier", sagt sie stattdessen, bevor sie in einem der zwei Straßencafés auf der Brückenstraße an ihrem Milchkaffee nippt. "Ich fühle mich hier wie von der Stadt ausgespuckt." Dabei hätten sie und ihre drei Mitbewohner gedacht, "hier passiert etwas", als sie hergezogen sind. Inzwischen wohnen sie im schicken Schanzenviertel - trotz höherer Mieten.

Wenn man sich einen Stadtteil nicht mehr leisten kann

Wie es sich anfühlt, wenn man sich einen Stadtteil nicht mehr leisten kann, weiß Michael Markus aus Bremen. Der Asta-Vorsitzende lebt zurzeit noch in der Neustadt, sucht aber mit drei Kommilitonen und zwei Kindern ein Haus im "Viertel", wo Kreative, Architekten und Dienstleister aus verschiedenen Kulturen leben und arbeiten. Mieten von 15 Euro, Kaufpreise von 2500 Euro für den Quadratmeter sind in dem 35.000-Einwohner-Viertel längst üblich, sagt Ortsbürgermeister Robert Bücking. "Ein Haus dort zu mieten ist eh schwer, und dann kommen meist noch 3500 Euro Makler-Gebühren dazu", berichtet Markus. Nur hier aber gebe es genug potentielle Kunden aus dem links-alternativen Milieu für das geplante "Werkstatt-Projekt".

In einem ähnlichen Stadtteil wohnt Steffi Graf, nur in Berlin. In Sachen "Gentrifizierung" gilt der Prenzlauer Berg als das Paradeviertel schlechthin. Die Romanistik-Studentin lebt dort seit 2002 in einer Hinterhof-Wohnung an einer großen Straße, etwas entfernt von den hochglanzsanierten Straßenzügen. Die Miete von 270 Euro warm für 40 Quadratmeter hält sie immer noch für "erschwinglich". Es gebe aber Anzeichen dafür, dass auch ihr Haus bald saniert und danach teurer vermietet werden könnte; Nachbarn hätten schon entsprechende Briefe erhalten.

Doch noch hat Steffi Graf keine Angst. Zwar sei der Mietspiegel kürzlich gestiegen. "Aber das ist nach einer gewissen Zeit doch normal, oder?" Graf hat über die Jahre auch den Wandel der Bevölkerungsstruktur in Prenzlauer Berg beobachtet. "Wenige Alte und Jugendliche, viele Menschen zwischen 20 und 45" lebten nun hier. "Die haben offensichtlich den Aufstieg geschafft und verdienen ganz gut." Die Stimmung beschreibt sie als "nervig", man bewege sich in einer "gemachten Welt", die "nett und problemlos" erscheine. Wenn sie könnte, würde sie nach Kreuzberg ziehen, sagt Steffi Graf. "Aber das ist zu teuer."

Veredelungswelle schwappt weiter

Jakob Fetzner wohnt schon dort. Er ist in Marburg für den Studiengang Friedens- und Konfliktforschung eingeschrieben, schreibt seine Masterarbeit aber in Berlin und lebt seit acht Monaten auf dem "Grefe-Kiez" in Kreuzberg. Teure Cafés und Klamottenläden gibt es hier schon, Fetzner zahlt mit seinen drei Mitbewohnern trotzdem nur 1040 Euro - für 150 Quadratmeter. "Aber wohl nur, weil der Mietvertrag seit zehn Jahren weitergegeben wurde", sagt Fetzner. In der Nachbarschaft zahlten die meisten rund 330 Euro für ein Zimmer. Was, wenn auch seine Miete erhöht wird? "Dann würde ich nach Neukölln ziehen", sagt Fetzner.

Aber auch bis dorthin ist die Veredelungswelle schon geschwappt, "Neukölln rockt", hat das Stadtmagazin "Zitty" getitelt. Noch aber stehen alte Kühlschränke und anderer Sperrmüll auf der Straße, liegt Hundekot auf dem Trottoir, aus den Pfützen in den tiefen Beton-Bodenwellen im Norden des Viertels steigt ein modriger Geruch. Und die Mieten sind, verglichen mit jenen in anderen Großstädten, nach wie vor ein Traum: Für 90 Quadratmeter zahlt ein freier Journalist aus dem Viertel zusammen mit seiner Freundin 420 Euro - warm. "Es beginnt gerade angenehm zu werden", findet er. Vier nette Kneipen hätten aufgemacht, ein paar Häuser seien saniert worden, noch aber stünden soziale Probleme im Vordergrund - die Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent. "Ich wäre froh, wenn weiter saniert würde", sagt der Freiberufler. Für andere Bewohner könnte damit allerdings die Vertreibung aus ihrem persönlichen Paradies beginnen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow
 
 
   
 Zum Thema 
 
Interview: „Der Sanierungsstau ist groß“
Günstig ist nicht gleich beliebt
Süßes Studentenleben in Bologna
Berufsberatung gibt's von der Behörde - und vom "Educational Consultant"
 
   
   
 Artikel-Service 
 
Seite drucken
Versenden
Lesezeichen
Vorherige Seite
 
   
   
 Neue Köpfe 
   
 
Brilliance: Cremer kommt - Hirtz geht  
 
   
     
  FAZ JOB-Blog  
 
Per Anhalter durch die Arbeitswelt
 
 
 
 
 
Coach Me If You Can
 
     
 




Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Nutzungsbedingungen  |  Preise  |  Über uns

Alle freien Jobs und Stellen  |  Stellenangebote nach Firmen und Unternehmen  |  Vorteile auf einen Blick  |  FAZjob.NET - Tour