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Praxisprojekte Rezepte gegen das Bulimie-Studium Von Nina Brodbeck
Katharina Black, Marco Brauser und Mirco Schulz nehmen den Bewohnern eines Wohn- und Pflegezentrums im brandenburgischen Rathenow gegenüber kein Blatt vor den Mund. Jammern auf hohem Niveau“, bescheinigen sie ihnen. Positiv ausgedrückt: Die Senioren sind mit ihrer Wohnsituation ziemlich zufrieden und haben nur ein paar wenige Verbesserungsvorschläge. Wo die Schwachstellen genau liegen, haben Black, Brauser und Schulz in einer umfangreichen Kundenzufriedenheitsbefragung unter den Bewohnern ermittelt. Abgefragt hatten sie zum Beispiel, wie die Senioren die Qualität des Pflegedienstes, die behindertengerechte Ausstattung der Badezimmer oder die Helligkeit in den Zimmern beurteilen. In Fragebögen konnten die Bewohner auf einer Skala von eins bis sechs ankreuzen, wie wichtig ihnen der entsprechende Punkt ist, aber auch, wie zufrieden sie damit sind. Gut ist, wenn die Zufriedenheitsnote besser ausfällt als die Wichtigkeitsnote“, erklärt Marco Brauser das Verfahren. Dazu klickt er in seiner Powerpoint-Präsentation auf die Seite mit dem Endergebnis: Gesamt 1,62. Ein ziemlich guter Wert.“ Studenten in Profi-Optik Aufwendig gestaltete Grafiken und Fragebögen, detaillierte Handlungsempfehlungen - Marco Brauser und seine beiden Mitstreiter sind trotz dieser Attribute keine bezahlten Profis eines Marktforschungs-Instituts, sondern Studenten der Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Brandenburg (FHB). Ihre Kundenzufriedenheitsbefragung ist Teil einer Projektarbeit im Vertiefungsfach Dienstleistungsmanagement. Das ist eine Nische innerhalb der BWL mit guten Zukunftsaussichten“, sagt Anja Lüthy, die das Fach an der FHB lehrt. Schließlich sind wir hier in Deutschland auf dem Weg in eine reine Dienstleistungsgesellschaft.“ Die Professorin legt großen Wert darauf, dass die Methoden, die sie vermittelt, möglichst schnell in der Praxis angewendet werden. Studieren bedeutet deshalb bei ihr vor allem: raus aus der Hochschule, rein in die Betriebe der Region. Die enge Verzahnung von beidem ist das Geheimnis meines Erfolges“, erklärt die 46 Jahre alte Wissenschaftlerin selbstbewusst. Vom Legoland Berlin über das Potsdamer Hans-Otto-Theater bis hin zum Pflegezentrum in Rathenow – überall hat Lüthy ihre Studenten Kundenzufriedenheitsbefragungen durchführen lassen. Zur abschließenden Präsentation der Ergebnisse werden stets Vertreter der Unternehmen eingeladen. Wenn alles gut läuft, ergibt sich daraus ein längerfristiger Kontakt, manchmal mündet er in einer Anstellung für die Absolventen. Dann hat Anja Lüthy ihr Ziel erreicht. Denn mit dem engen Praxisbezug in ihren Seminaren will sie die Studenten fit machen für den Arbeitsmarkt. Heute muss man den Unternehmen etwas anbieten und einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Mitbewerbern haben“, sagt sie. Denn die Aussichten für Betriebswirtschaftler seien längst nicht so rosig wie für Ingenieure. Man muss sagen: Hallo, ich bin ein Macher. Ich mache Ihnen eine Kundenzufriedenheitsbefragung, ich präsentiere Ihnen die, ich setze ihnen Verbesserungsmaßnahmen um, ich führe bei Ihnen Qualitätsmanagement ein.“ Wolfgang Weiss hat dieses Angebot der Lüthy-Schüler gerne angenommen. Der Diplom-Ingenieur ist Geschäftsführer der Cleo Schreibgeräte GmbH aus Bad Wilsnack im Nordwesten von Brandenburg. Auf Lüthys Einladung besuchte Weiss vor zwei Jahren eines ihrer Seminare, um den Studenten sein Unternehmen vorzustellen. Eine der Studenten, Jana Stabenow, führte für ihre Diplomarbeit daraufhin eine Kundenzufriedenheitsbefragung unter Einzelhändlern durch, die Cleo-Produkte verkaufen. Die Zusammenarbeit lief so gut, dass Weiss die Betriebswirtin direkt nach ihrem Abschluss einstellte. Wir haben sie gut kennen lernen können und wussten, dass sie ins Unternehmen passt, sagt er. Praktika sind kein Allheilmittel Mit ihrem Sinn fürs Praktische liegt die Brandenburger BWL-Professorin im Trend. Immer mehr Hochschul-Verantwortliche verstärken den Praxisbezug im Studium, die Bologna-Reformer fordern dies ausdrücklich. Mittlerweile gibt es kaum einen Campus in Deutschland, der nicht mit einem Career-Center und einer Praktikumsbörse aufwarten kann. Und Studiengänge wie die BWL in Brandenburg oder der Maschinenbau in Magdeburg werben mit ihrer engen Verbindung zum Berufsalltag. Der Magdeburger Professor Sandor Vajna etwa prophezeit: „Meine Studenten haben keine Sorgen, einen Arbeitsplatz zu finden.” Tatsächlich scheinen die Studenten mit der Tendenz zufrieden zu sein. Nach einer Umfrage der Konstanzer Arbeitsgruppe Hochschulforschung aus dem Wintersemester 2006/2007 halten es 65 Prozent von ihnen für sehr wichtig, dass Praktika und Praxisphasen feste Bestandteile des Studiums sind. Unter den Fachhochschulstudenten liegt die Quote sogar bei 73 Prozent. Teststrecke für den Traumberuf Gegengewicht zur grauen Theorie in den Hörsälen, Teststrecke für den Traumberuf, Kontaktbörse zu möglichen Arbeitgebern - all das sollen Praktika sein. Wenig nutzbringend ist das Probeschnuppern an der Arbeitswelt allerdings, wenn es mit dem eigentlichen Studienfach nichts zu tun hat und von den Studenten mal eben so in den Semesterferien heruntergerissen wird – nur, damit im Lebenslauf das Zauberwort Praxiserfahrung“ steht. Sinnvoll ist es dagegen, wenn Praxisphasen eng mit den Studieninhalten verknüpft und in den Seminaren vor- und nachbereitet werden. Für Hochschulforscher Tino Bargel sind Praxiselemente und -bezüge im Studium selbst sogar noch wichtiger als Betriebspraktika. Übungen, Fallbeispiele, Gruppenarbeit - dadurch sollen Studenten neben dem Fachwissen Schlüsselqualifikationen wie Sozialkompetenz, Analysefähigkeit und Selbständigkeit erwerben. Die Hochschulen dürfen sich nicht auf den Praktika ausruhen“, fordert Bargel deshalb, sondern müssen die Lehre bezüglich dieser Aspekte verbessern.“ Professoren etwa dürften ihr Expertenwissen nicht so vermitteln, dass die Studenten nur Zuhörer sind, die den Stoff unreflektiert aufnehmen und auf Abruf quasi unverdaut wiedergeben. Bulimie-Studium“ nennen Kritiker diese Art der Lehre. Studenten im Zentrum Wissen veraltet sehr schnell. In unserer arbeitsteiligen Welt müssen wir deshalb weg von der reinen Wissensvermittlung“, begründet Peter Zervakis, der Leiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), sein Plädoyer für den Praxisbezug. Wir müssen deshalb Anwendungsfähigkeiten haben, durch die wir Wissen gezielt auf ein praktisches Problem hin anwenden können.“ Auch die Theorie- und Methodenfähigkeiten müssten immer wieder anwendungsorientiert geübt werden. Studierenden-zentrierte-Lehre heißt der Begriff dazu: Lernstoff soll nicht mehr abstrakt, sondern fallbezogen vermittelt werden. Da müssen wir den Lehrenden die entsprechenden fachdidaktischen Mittel an die Hand geben“, sagt Zervakis. Ausgangspunkt des akademischen Betriebs wäre dann nicht mehr die universitäre Wissensanstalt, sondern die Realität mit ihren täglichen Herausforderungen. Kann man sich dann die Universität nicht gleich ganz sparen? Nach Peter Zervakis' Meinung ganz und gar nicht. Wer gelernt hat, die wissenschaftliche Methodik der jeweiligen Fächer richtig anzuwenden, sagt er, der ist im Vergleich zu den Absolventen aller anderen Ausbildungswege ganz klar im Vorteil. Text: F.A.Z.Bildmaterial: Fotolia |
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