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Berufswege

Ein Abbruch ist kein Beinbruch

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel



Der moderne Studienabbrecher: Fahrgast, nicht Fahrer
28. Januar 2007 
Als Daniela Lier Anfang der neunziger Jahre die Schule beendete, stand für sie nur eines fest: Ein Studium musste her. BWL, Medizin und Jura, so erinnert sie sich, standen damals bei den Abiturienten ihres Jahrgangs hoch im Kurs. Sie entschied sich für Jura, weil ihre beste Freundin das auch tat und weil sie „ehrlich gesagt“ noch so keine rechte Vorstellung hatte, wohin der Berufsweg gehen sollte. Acht Semester hielt sie durch und legte sogar noch das 1. Staatsexamen ab. Bis sich dann, so formuliert sie es heute, „das Studium und ich uns einvernehmlich trennten“.

Damit befindet sich Lier in guter Gesellschaft. Die Geschichte von Bill Gates kennen fast alle, aber auch Paul Gardner Allen, Michael Dell oder Erich Sixt entschieden sich, vor dem akademischen Abschluss die Reißleine zu ziehen. Und viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik oder Showbusiness taten das Gleiche, manche von ihnen, wie Günther Jauch, sogar mehrmals: Erst stieg er vorzeitig aus dem Jurastudium aus, dann aus der Journalistenschule, und schließlich beendete er auch den Versuch, nebenbei ein Politikstudium zu absolvieren. Bereut, so sagt er bis heute gerne und oft in Interviews, hat er das nie.

Imageprobleme: Sind Abbrecher Versager?

Dennoch: Studienabbrecher haben in Deutschland keinen guten Ruf. Und wer die Anforderungen an Hochschulabsolventen kennt, ahnt auch, warum: Gefragt sind ein schnelles Studium, gute Noten und nebenbei noch mindestes zwei erfolgreich absolvierte Langzeitpraktika, am besten im Ausland. Schon wer das nicht schafft, dem sitzt mancher Personalchef argwöhnisch gegenüber. Wem nicht einmal der Abschluss gelingt, der hat ein Problem. Oder?

Ulrich Heublein, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der HIS Hochschul-Information-System GmbH in Hannover, sieht das anders. Das Bild, das auch heute noch in der Öffentlichkeit vorherrscht und das Abbrecher oft mit Versagern gleichsetzte, stimmt schon lange nicht mehr, sagt der Experte. Und gerade in der Wirtschaft steht man Abbrechern zunehmend offen gegenüber. „Ein halbes Jahr nach dem Ausstieg haben drei Viertel der Ex-Studenten den Einstieg ins Berufsleben geschafft.“ Seit Anfang der neunziger Jahre beschäftigt sich HIS in verschiedenen Untersuchungen mit Studienabbrechern. Zwei Ergebnisse stehen dabei im Vordergrund: Zum einen die reinen Zahlen, die auf den ersten Blick wenig erfreulich klingen.

Rund ein Viertel aller Studenten, so das Ergebnis der Studie 2005, verlässt die Universität vorzeitig. Und in einigen Fächern wie den Ingenieur-, den Sprach- oder Kulturwissenschaften sind es sogar noch deutlich mehr. Gleichzeitig aber, erläutert Heublein, geht es den Abbrechern in der Regel nicht schlecht. Insgesamt steigen sie zwar zumeist auf einer etwas niedrigeren Hierarchieebene ein und verdienen anfangs auch weniger. Dafür beginnen sie aber doppelt so häufig wie Hochschulabsolventen direkt, also ohne Wartezeiten, eine Berufstätigkeit und sind sie weitaus seltener arbeitslos als Kommilitonen, die durchgehalten haben. Das zeigte nicht nur eine repräsentative Erhebung 2001, das haben seitdem Exmatrikuliertenstudien bestätigt, die sich mit den Abgängen einzelner Unis beschäftigten.

Gesucht: „Abiturient mit Hochschulerfahrung“

„Eine hohe Motivation, viel Pragmatismus und dennoch akademisches Grundwissen“, das sind nur ein paar Pluspunkte, die Michael Kobl, Leiter Personalmarketing und Recruiting bei der Hypo-Vereinsbank, aufzählt. „Bei uns sind Abbrecher herzlich willkommen.“ Und Kobl steht mit dieser Meinung keineswegs alleine. Vor allem in der Handels- und Dienstleistungsbranche sind „Abiturienten mit Hochschulerfahrung“, wie die Aussteiger genannt werden, gerne gesehen. Allerdings steigen sie zumeist nicht als Trainee ein, sondern als Auszubildende, die dann den Vorteil haben, anders als Schulabgänger „schon ein bisschen mitbekommen zu haben vom Leben“.

Elke Schumacher, Karriereberaterin in Gütersloh, die in ihrem Alltag viel mit Abbrecherinnen zu tun hat, formuliert sogar noch deutlicher. Wer sich einmal bewusst gegen etwas entschieden hat, was andere vielleicht erwarten, so ihre Erfahrung, hat diesen anderen oft sogar etwas voraus. Sie spricht dann von den Ewiz-Menschen, die mit ihrer „Euch wird ich's zeigen“-Mentalität erst so richtig durchstarten. Eine Einschätzung, die Kobl teilt.

Gerade wer sich von der Uni abwende und die Praxis suche, der bringe oft genau die Eigenschaften mit, die diesen Weg erfolgreich machen: Spaß am Anpacken, am Umgang mit Menschen und oft auch Freude am Verkauf. Und danach, sagt Kobl weiter, stünden gerade im Bankbereich ohnehin alle Wege offen. Studienabbrecher, so seine Erfahrung, eigneten sich besonders für Führungspositionen im Vertrieb oder in der Ausbildung.

Im Studium nicht als Mensch ernst genommen

Eine Beurteilung, der die 34 Jahre alte Daniela Lier nicht nur zustimmt, sondern deren Richtigkeit sie auch selbst unter Beweis stellt. 24 Jahre war sie alt, als sie - „als Großmutter unter den Lehrlingen“ - ihre Ausbildung antrat. Dennoch empfand sie den Sprung von der reinen Lehre in die Praxis als Wohltat. Im Studium hatte sie sich als Mensch nicht ernst genommen gefühlt. Laut HIS-Studie ein Eindruck, den viele Abbrecher teilen. In der Bank fühlt sie sich von Anfang an am richtigen Platz. Heute ist sie Ausbildungsleiterin Süddeutschland und hat gemeinsam mit ihrem Chef auch schon überlegt, ob man nicht sogar gezielt Studienabbrecher anwerben sollte.

Ein Gedanke, der keineswegs abwegig ist und den andere längst aufgegriffen haben, wie unter anderem die Internet-Seite www.studienabbrecher.com zeigt. Honorige Unternehmen und Hochschulen offerieren dort Stipendien, Ausbildungsplätze und sogar Traineeprogramme, darunter die Aachen Münchener, die Debeka und die Deutsche Ärzteversicherung. Andere, wie das Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, schalten gleich eigene Anzeigenkampagnen für Hochschulflüchtige, denen sie eine Ausbildung zu Biologisch-Technischen Assistenten anbieten.

Aber gleich eine komplette Lehre absolvieren und so wie Daniela Lier mit 16 bis 18 Jahre jungen Leuten die Berufsschulbank drücken, das wollte Jens Steinigen nicht. Der heute 28-Jährige, der nach neun Semestern Angewandter Informatik und Betrieblicher Umweltinformatik schließlich an einer immer wieder verschobenen Prüfung scheiterte, sah sich auch nicht grundsätzlich im falschen Fachgebiet - auch das ist laut HIS durchaus typisch. Auffallend viele Aussteiger bleiben auch nach dem Verlassen des akademischen Wegs ihrem Fach verbunden und suchen nur einen anderen Weg. Ein Ergebnis, das nach Meinung von Experten vor allem die Lügen straft, die in einem Abbruch eine Vergeudung von Ressourcen sehen.

Die Exmatrikulation war noch ein Schock

Jens Steinigen entschied sich für ein Angebot des Berufsbildungszentrums Essen, BFZ. Anders als die klassische Lehre baut es bewusst auf das Studium auf. Mitmachen darf nur, wer sechs Semester Studium nachweist und außerdem noch eine Aufnahmeprüfung besteht. Wer das schafft, kann dann in nur 15 Monaten einen IHK-Berufsabschluss in den Bereichen Fachinformatik, Mikrotechnologie, Mechatronik und Betriebswirtschaft erwerben. Abbrecher Steinigen entschied sich für eine Ausbildung zum Fachinformatiker und hat seine Prüfung gerade bestanden. Ein Arbeitsplatz ist ihm sicher, denn es gibt so viele Arbeitgeber, die an den Absolventen dieses bundesweit einmaligen Projekts interessiert sind, dass das BFZ den Teilnehmern sogar eine Arbeitsplatzgarantie anbieten kann.

Im ersten Moment, sagt Steinigen, sei es schon ein Schock gewesen, plötzlich die Exmatrikulationsbescheinigung in Händen zu halten. Heute denkt er darüber etwas anders. Ein Jahr hatte er Zeit gehabt, zu der Prüfung, zu der er sich angemeldet hatte, auch anzutreten. Dass er den entscheidenden Schritt so lange vor sich hergeschoben und schließlich sogar „vergessen“ hat, sieht er heute als folgerichtig: „Ich habe mich gesammelt und schließlich den richtigen Weg gefunden. Die Uni war einfach der falsche.“

Text: F.A.Z., 27.01.2007, Nr. 23 / Seite C6
Bildmaterial: © fotolia.com
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Uni-Bildung 28.01.2007, 23:45
 
   
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