Von Sebastian Balzter und Tilmann Lahme
02. November 2007 Deutschlands Hochschulen sind familienfeindlich: Von den rund 22.000 nordrhein-westfälischen Doktoranden, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Juniorprofessoren und Habilitanden sind nach einer Studie der Universität Dortmund 73,1 Prozent ohne Nachwuchs, für Frauen und Männer ist diese Quote vergleichbar schlecht, und in anderen Bundesländern sieht es nicht viel anders aus. Aber Frauen geben für die Familiengründung öfter ihre Karriere auf als Männer, in der Wirtschaft genauso wie in der Forschung. Deshalb ist auch die statistische Frauenfeindlichkeit der deutschen Universitäten ein Beleg für ihre Kinder- und Familienfeindlichkeit: 51,2 Prozent aller Deutschen sind Frauen, aber nur 9,2 Prozent aller deutschen C4-Professoren sind weiblich.
Seminare und Konferenzen, Lehrstuhlvertretungen und Exkursionen, prekäre Projektstellen und lange Examensphasen – der Weg zu akademischen Würden ist in Deutschland besonders steinig und besonders schlecht mit der Familienplanung zu vereinbaren. Im internationalen Vergleich zeigen das die Statistiken, die das neue Projekt Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft“ des Bonner Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung“ gesammelt hat.
Im Internet (www.bawie.de) stellt das Projekt außerdem auch seine eigenen Ziele vor: Qualitativ und quantitativ sollen die Zusammenhänge zwischen Wissenschaftsorganisation und Elternschaft, die universitären Barrieren für eine zufriedenstellende Work-Life-Balance, die Strategien zur Bewältigung beruflicher und familiärer Anforderungen und der Anteil der sogenannten Dual Career Couples im akademischen Milieu untersucht werden. Wenn die Daten ausgewertet sind, wollen die Projektforscher um die Entwicklungspsychologin Inken Lind der Hochschulpolitik Empfehlungen geben, die Wissenschaftlern das Elternsein leichter machen sollen. Bis es voraussichtlich im Sommer 2009 soweit ist, gewährt die Homepage auch Einblicke in die laufende Projektarbeit, außerdem bietet sie eine Sammlung von Links und Literaturhinweisen zum Thema.
Erleichtern, nicht erforschen
Nicht erforschen, sondern erleichtern will ein neues Programm aus dem Bildungsministerium den Spagat zwischen Universität und Krabbelstube. Zeit gegen Geld“ soll studierenden und promovierenden Eltern helfen, Familie und Forschung unter einen Hut zu bekommen. Sie sollen künftig Fördermittel gezielt für die Betreuung ihrer Kinder einsetzen können. Der erste Haken an der Sache ist allerdings, dass sie dafür schon in eines der elf vom Ministerium geförderten Begabtenförderwerke aufgenommen worden sein müssen. Dann können sie Mittel aus ihrem Stipendium – Promovierende beispielsweise erhalten drei Jahre lang 950 Euro monatlich – vorzeitig abrufen, um Engstellen bei der Kinderbetreuung wie Praktika, Examensphasen oder Auslandsaufenthalte zu überbrücken. Der zweite Haken: Diese Stipendienmittel sind dann verbraucht - es gibt also später kein zusätzliches Geld für Eltern.
Wir wollen und dürfen auf kein Talent verzichten, auch nicht auf die jungen Eltern in unserem Land. Deswegen unterstützen wir insbesondere Frauen bei ihrer wissenschaftlichen Karriere und geben ihnen die Chance, ihre berufliche Laufbahn mit der Familienplanung besser zu vereinbaren“, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan bei der Vorstellung von Zeit gegen Geld“ in Berlin. Große Worte für ein Programm ohne eigene Mittel. Immerhin hebt es eine völlig veraltete Regel auf: Stipendiaten mit Kind müssen künftig nicht mehr verheiratet sein, um elternunabhängig gefördert zu werden.
Dass es diese Beschränkung bis jetzt noch gab, zeigt vor allem eines: Bis zur Balance von Wissenschaft, Elternschaft ist es an den deutschen Hochschulen noch sehr, sehr weit. Dass es anders geht, belegt ein Blick in die vom Bawie-Projekt gesammelten Statistiken: In Tschechien sind demnach 15 Prozent, in Portugal 20 Prozent aller Professoren weiblich; ihr Anteil ist dort doppelt so hoch wie in Deutschland. Es gibt also neue Bildungsreiseziele für die Politiker, die nach dem Pisa-Schock so gerne nach Finnland gefahren sind.
Signal an die Begabtenförderwerke
Das Signal ist nicht geringzuschätzen, vor allem in Richtung der Begabtenförderwerke: Ermuntert Stipendiaten, Kinder zu bekommen! Keine Selbstverständlichkeit: Eine Umfrage der F.A.Z. unter den Begabtenförderwerken, wie sie es mit der Fördermöglichkeit eines Elternjahres für ihre Promotionsstipendiaten halten, ergab vor einem halben Jahr, dass dies unterschiedlich wahrgenommen wird (F.A.Z. vom 1. März). Von den elf Begabtenförderwerken vergeben das zusätzliche Förderjahr die Studienstiftung, die gewerkschaftlichen, die kirchlichen und die politischen Stiftungen im linken politischen Spektrum. Die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung nennt es nicht Elternjahr, vergibt in Einzelfällen aber eine Zusatzförderung. Nur die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung und die Konrad-Adenauer-Stiftung wollten vom Elternjahr nichts wissen. Nun ist auch die Hanns-Seidel-Stiftung ausgeschert: Mittlerweile habe man vier Stipendiaten ein Elternjahr gewährt, erklärt der Leiter des Begabtenförderwerks, Hans-Peter Niedermeier, gegenüber der F.A.Z..
Bleibt die der CDU nahestehende Adenauer-Stiftung, die nun mit ihrer Nichtvergabe des Elternjahres alleinsteht. Hier verweist man darauf, dass es im Einzelfall noch den Hilfs- und Sozialfonds der Altstipendiaten gebe. Kinder als Fall für den Sozialfonds? Das mag zwar finanziell keinen Unterschied machen, ist aber als Aufmunterung, die Zeit des Studiums und der Promotion mit Elternschaft zu verbinden, kaum zu begreifen. Es ist wohl diese Haltung, die Annette Schavan mit ihrem Signal für mehr Kinderfreundlichkeit ändern möchte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa