Exzellenz-Wettbewerb

„Die TU München ist eine unternehmerische Universität“

Wolfgang Herrmann

Wolfgang Herrmann

03. November 2006 

Die Exzellenz-Wettbewerb verändert die Hochschullandschaft nachhaltig: Die Prämierten erhalten Fördermittel in Millionenhöhe. Professorensuche durch Headhunter, Auswahlverfahren für Studenten und Fundraising - Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, erklärt, warum München zu den drei besten Universitäten des Landes gehört.

Herr Hermann, Sie sind seit elf Jahren Präsident der TU München. Was macht Ihre Uni anders als andere Hochschulen?

Unsere Leute sind anders als anderswo. Ich sehe die TU als unternehmerische Universität, das ist unser Zukunftskonzept und das ist Grundlage für Veränderungsprozesse. Mit unseren 450 Professoren, den 8500 Mitarbeitern und den 21 000 Studenten sind wir ein „strammer Mittelständler“ mit drei Standorten. Wir gehen wie ein guter Unternehmer in die Welt, um starke Allianzen zu schmieden, wir lassen uns auf das Risiko und den Wettbewerb ein und kümmern uns um unsere Leute.

Viele ihrer Kollegen scheuen sich, private Geldmittel einzuwerben. Sie haben da keine Berührungsängste. Warum nicht?

Carl Linde war unser erster „Entrepreneur“, Wissenschaftler und Unternehmer zugleich. Wir haben ein professionelles Fundraising 1997 begonnen. Natürlich konnten wir das damals nicht und haben uns Profis geholt, eine Firma, die das in England mit Erfolg gemacht hat und wußte, wie man mit potentiellen Sponsoren umgeht. Das hat 1,8 Millionen gekostet, dafür haben wir eigens ein privatwirtschaftliches Unternehmen gegründet. Inzwischen können wir das selbst und haben mit der Kampagne „Allianz für Wissen“ über 100 Millionen Euro eingespielt und so zum Beispiel elf Millionen Euro in ein Zentrum für Ernährungsmedizin und in 20 Stiftungslehrstühle investiert. Dazu gehört auch, Flagge zu hissen wo die Musik spielt, zum Beispiel in Singapur, wo wir die erste Dependance einer deutschen Uni im Ausland haben. Dort gibt es Industriestipendien für unsere Studenten.

Sie sind dafür bekannt, daß Sie das starre Hochschulsystem kritisieren. Was stört Sie besonders?

Das ist richtig, das System ist statisch, die Bewirtschaftung behördlich, wenig unternehmerisch. Die dauerhafte Ausstattung von Professuren halte ich für problematisch. Ich hatte einmal eine Klage von einem Professor, der zwei Assistentenstellen verkommen ließ, die wir aber für andere Projekte benötigten. Das zeigt das Besitzstanddenken. Es gibt eine riesige Zahl von Gremien, die aber nicht das Verantwortungsprinzip verinnerlicht haben. So bewegt sich nichts. Harvard ist ein durchorganisiertes Wissenschaftsunternehmen.

Immerhin haben Sie die Experimentierklausel, Artikel 35 des bayrischen Hochschulgesetzes, mit durchgesetzt.

Ja, diese Klausel stärkt bei uns die Dekane in ihrer Handlungsfähigkeit, es gibt klare Führungskompetenzen, aber auch einen starken Aufsichtsrat. Mehr Freiheit, aber auch mehr Kontrolle. Aus dem Gremienschutzkartell ist eine unternehmerisch handelnde Verantwortungsgemeinschaft geworden.

Sie haben schon vor acht Jahren begonnen, ihre Bewerber auszusuchen. Weshalb?

Da muß ich biographisch ausholen. Ich komme aus einer Lehrerfamilie in einem Dorf in Niederbayern, wo der Vater nach dem Krieg froh war, eine Stelle zu haben. Er war eine soziale Instanz und hat sich darum bemüht, früh Talente zu entdecken. So entsteht emotionale Kohärenz in einer Gemeinschaft, das ist ein großer Unternehmenswert. Damit schafft man, auf Bayerisch gesagt, Corporate Identity. Die TUM versteht sich als Talentschmiede.

Wie funktioniert das Auswahlverfahren?

Es ist zweistufig und gilt derzeit für etwa 50 Studiengänge. Zunächst schauen wir uns die schriftliche Bewerbung an, den Lebenslauf und das Abiturzeugnis. Die Noten werden etwa zu 50 Prozent bewertet und zwar für alle Fächer, wir wollen, daß ein Ingenieur einen breiten Bildungshintergrund hat. Aber Noten sind nicht alles. Wir laden etwa 60 Prozent der Bewerber ein und führen dann 20 Minuten lange Einzelgespräche. So retten wir zum Teil auch mittelprächtige Abiturienten, wir wollen die Typen mit den leuchtenden Augen. Und es geht um gute Beratung. Häufig paßt ein anderes Fach besser zu den Bewerbern. Übrigens geht die Nachwuchsbetreuung früh los, wir haben Partnerschaften mit 150 Gymnasien. Das ist unsere „Rückwärtsintegration“ ins Bildungswesen. Wir haben auch eine „Vorwärtsintegration“ in den Beruf. Die Studenten organisieren hier komplette Berufsmessen. Es kommt nicht von ungefähr, daß 89 Prozent unserer Absolventen nach sechs Monaten einen Job haben. Bei uns sind 30 000 Alumni erfaßt.

Wieviele Studentinnen sind an der TU eingeschrieben?

Unser Frauenanteil beträgt 28 Prozent, bei den Doktorandinnen sind es 32 Prozent. Aber danach bricht es ab. Das ist nicht in Ordnung, und das sage ich auch als Vater von vier Töchtern. Wir investieren aus der Exzellenzinitiative rund sieben Millionen in die Frauenförderung und möchten bessere Rahmenbedingungen für Wissenschaftlerinnen schaffen, so daß auch Familie möglich ist. Demnächst möchte ich hier auf dem High-Tech-Campus Garching ein Kinderhaus für die Betreuung bauen lassen, dafür brauche ich 600 000 Euro, das kriege ich hin. Es ist eben so: Mit Geld kann man steuern. Und natürlich neue Wege gehen.

Was meinen Sie konkret mit neuen Wegen?

Nichts von dem was wir machen ist genial, aber gemacht werden muß es eben! Wir binden zum Beispiel die Studenten mit ein, das sind unsere frischesten Reformgeister. So bilden wir die älteren Studenten zu Tutoren aus - die müssen nicht bei McDonalds jobben - und geben ihnen HiWi-Verträge, damit sie die Jüngeren ausbilden. Stolz bin ich auch auf das Projekt UnternehmerTUM, das sind Vorlesungen, Übungen und Projekte, die den Studenten unternehmerisches Denken und Handeln beibringen. Beispielsweise hat eine Gruppe einen Formel-2-Rennwagen gebaut, vom Geschäftsplan über die erste Schraube bis hin zum siegreichen Wettrennen läuft das ab.

Offenkundig haben die ausführlichen, institutsübergreifenden Bewerbungen um die Forschungsgelder die Exzellenz-Jury beeindruckt. Woran liegt das, daß die TU-Wissenschaftler zumindest nach außen so an einem Strang ziehen?

Um komplexe Forschung zu ermöglichen, braucht man Verschränkung und muß Brückenbauen. Sehen Sie zum Beispiel den Standort Weihenstephan, inzwischen ein Life Sience Standort von Weltrang. Da haben wir die molekularen Biowissenschaften miteinbezogen, es gibt ein Wissenschaftszentrum für Ernährung, Landnutzung und Umwelt. Die ganze Lebensmittelkette von der Pflanzenzucht bis zur Ernährungsmedizin ist dort vertreten.

Das hört sich einfach an, war es aber doch sicher nicht?

Ein entscheidender Punkt ist die gute Kommunikation, nach innen und nach außen. Das mußte ich als Wissenschaftler lernen. Als ich vor elf Jahren Präsident geworden bin, bin ich ins kalte Wasser geworfen worden und wurde ständig wegen der Neutronenquelle in Garching angegriffen. Da müssen Sie reden, mit den Grünen, mit den Müttern gegen Atomkraft, an den Stammtischen der Kommunalpolitiker und mit den Landtagsabgeordneten. Wir haben eine öffentliche Bringschuld, unsere Wissenschaft zu erklären. Es ist letztlich ja die Aufgabe der Universität, der Gesellschaft zu dienen. Dazu gehört auch, zwingende Gründe für eine Neutronenquelle mit hochangereichertem Uran erklärlich zu machen in einer verständlichen Sprache.

Mit der Ludwig-Maximilians-Universität haben Sie die Konkurrenz gleich vor Ort, nicht nur was die Medizin, die Chemie und die Physik betrifft. Ist das ein Problem?

Natürlich gibt es da einen Wettbewerb, das aber die Leistungsspirale nach oben dreht. Ich sage zu meinem Freund Bernd, also dem Rektor Bernd Huber, einem Volkswirt, wir müssen die besten Köpfe zusammenbringen. So nutzen wir gemeinsame Spezialapparaturen, die wir in der Forschung aufgebaut haben und arbeiten in Sonderforschungsbereichen zusammen. Das spart Kosten und beschleunigt die Forschung. In unseren Berufungskommissionen sitzt jemand von der LMU dabei, auf diese Weise erweitern beide ihren Radius. Wir haben die „Wissenschaftshauptstadt München“ im Blick.

Gibt es ein Lieblingsprojekt, das die TU durch die Forschungsgelder ermöglichen kann?

Wir haben ein „TUM Institute for Advanced Study“ in Garching gegründet. Das Institut soll Treffpunkt unsere eigenen und der international besten Forscher werden. Ein „Tauschplatz des Wissens“. Hier sollen sich Forscherpersönlichkeiten ungestört entfalten und austauschen können. Denn Spitzenwissenschaftler brauchen Freiheit - Freiheit von Bürokratie, Sitzungen und Papierfluten.

Die Geisteswissenschaften sind bei dem Exzellenzwettbewerb weitgehend leer ausgegangen. Stört Sie das?

Eine moderne Technische Universität kann nur bestehen, wenn sie einen Rückbezug zu den Geisteswissenschaften hat. Wir sind dabei, in allen Studiengängen allgemeinbildende Ausbildungsmodule verpflichtend einzuführen. Wir haben acht Millionen Euro von Linde bekommen und nicht in Tieftemperaturforschung investiert, sondern in die Carl von Linde-Akademie, einer neuen geisteswissenschaftlichen Plattform. Ethik im Zusammenhang mit Biotechnologie ist sehr gefragt. Es gibt auch Seminare in Kunstgeschichte. Wir setzen auf Horizonterweiterung, wir wollen umfassend gebildete Absolventen.

Sie haben gesagt, daß Sie in fünf Jahren zu den besten 25 Hochschulen der Welt gehören möchten. Klappt das?

Der Weg ist das Ziel!

Die Technische Universität München gehört zu den drei Spitzenhochschulen, die sich im Exzellenz-Wettbewerb durchgesetzt haben. Die TU wird in den nächsten fünf Jahren rund 100 Millionen Euro Forschungsgelder bekommen. Der Chemiker Wolfgang Herrmann ist seit elf Jahren TU-Präsident und treibt die Reformen voran.

Das Gespräch führte Ursula Kals



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: TU München

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