Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
27. März 2007Manchmal, sagt Jana Pringsheim, ist es schon zum Verzweifeln. Dann zum Beispiel, wenn die Anmeldung für ein wichtiges Seminar oder eine Prüfung genau einen halben Tag lang möglich ist. Und zwar genau an dem halben Tag, an dem Lara morgens mit hohem Fieber aufwacht. Wenn Prüfungen, an denen man aus demselben Grund nicht teilnehmen kann, erst im übernächsten Semester wiederholt werden können. Oder wenn man aus einem Seminar "schlicht rausgeschmissen wird", weil man zwei Termine verpasst hat.
Sechs bis sieben Prozent aller Studenten in Deutschland haben ein oder mehrere Kinder. Eine Zahl, die mittlerweile schon fast seit Jahrzehnten konstant ist. Dennoch, so zeigen über denselben Zeitraum wiederkehrende Studien, wurden sie im Uni-Alltag bislang kaum wahrgenommen. Als das in Hannover ansässige Hochschul-Information-System HIS Ende 2002 Studenten nach der Lebenssituation von Studierenden befragte, konnte bei einigen Statements knapp die Hälfte der Befragten ohne Kind überhaupt keine Angabe zu den Belangen ihrer Kommilitonen mit Kind machen. "Die sind selbst so mit dem Studium beschäftigt", klagt eine studierende Mutter aus Bremen, "das interessiert die einfach nicht."
Dabei ist die Situation von Eltern auch an der Hochschule alles andere als einfach, wie unter anderem eine Befragung von 63 Vätern und 210 Müttern an der Universität Oldenburg ergab. 55 Prozent fühlten sich durch das Kind stark eingeschränkt, 32 Prozent immerhin noch mittelstark. Und auch andere Studien zeigen, dass sich das Studium von Eltern problematischer gestaltet als von kinderlosen Studienkollegen. 14 Prozent der Kinderlosen, aber 47 Prozent der Studierenden mit Kindern unterbrechen laut einer gemeinsamen Erhebung von HIS und Deutschem Studentenwerk (DSW) ihr Studium mindestens einmal. Und das keineswegs nur für Erziehungszeiten, sondern oft auch um Geld zu verdienen. Darüber hinaus steht ihnen aber auch während des Studiums weniger Zeit zu Verfügung: Mit 28 Stunden pro Woche investieren sie rund sechs Stunden weniger ins Lernen, wobei die verlorene Zeit dabei keineswegs dem Nachwuchs zugutekommt, sondern ebenfalls fürs Geldverdienen draufgeht.
"Aus eigener Leistung", findet Heinrich Prinzhorn, sei das eigentlich kaum zu schaffen. Der 22 Jahre alte Vater eines einjährigen Sohnes studiert in Göttingen Chemie. Weil auch seine Freundin bis vor kurzem noch studierte und außerdem einen Großteil ihres Lebensunterhaltes bei Obi an der Kasse verdienen musste, mussten die Großmütter helfen.
Dabei sind die Finanzen alleine noch nicht einmal das Problem, wie Beate Mittring betont, Referentin am Studentenwerk München und zuständig für die Beratung von Schwangeren und Studenten mit Kind. Auch wenn das vielbeschrieene Kinder-Bafög immer noch nicht in die Tat umgesetzt ist. Dennoch gibt es zahlreiche Transferleistungen, die zumindest dann gezahlt werden, wenn beide studieren oder jemand alleinerziehend ist. Das weit größere Hindernis, sagt Mittring, "ist auch und gerade für Studenten die Kinderbetreuung".
17 Krippen hat Jana Pringsheim abgeklappert und "dann mit mehr Glück als Verstand" den Platz bekommen, den sie brauchte, um ihr Studium überhaupt starten zu können. Zuvor hatte sie kurz nach der Geburt noch die Abschlussprüfung ihrer Erzieherausbildung bestanden. Allerdings: Von 9 bis 13 Uhr dauerte die Betreuung in der Krippe, ihr Traumstudium Diplompsychologie konnte sie somit gleich an den Nagel hängen, stattdessen sattelte sie auf Lehramt und Schulpsychologie um. Und auch als Lara mit knapp drei in den Kindergarten wechselte, wurde die Situation kaum besser. Bis 16 Uhr darf das Mädchen seitdem bleiben. Viele Veranstaltungen beginnen dann erst. Studium und Kinderbetreuungseinrichtungen passen einfach nicht zusammen (Lesen Sie auch über die andere Seite: Wer früh im Studium Kinder bekommt, hat es später leichter beim Berufseinstieg: Powerfrau zwischen Kind und Klausur).
So lautet auch das Fazit von Kristine in der Schmitten. Die heute 37 Jahre alte Frau entschloss sich 1997, nachdem sie ihr Magisterstudium beendet und als Cutterin volontiert hatte, zur Aufnahmeprüfung an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Sie bestand. Als jedoch fünf Jahre später ihr Kind geboren wurde, musste sie erst einmal knapp drei Jahre aussetzen. Da sie verheiratet ist, ihr Mann festangestellt und über ein festes Einkommen verfügt, bestand keine Aussicht auf einen Krippenplatz. Und das obwohl das Studentenwerk München mit immerhin 202 Plätzen weit besser ausgestattet ist als manch andere Stadt. Erst als der Nachwuchs drei war, hatte in der Schmitten Glück. Aber Abendveranstaltungen - "bei uns die Regel" - waren auch danach jedes Mal eine Herausforderung. Es gibt auch Kommilitoninnen, die ihre Kinder dann mitbringen, berichtet die Filmstudentin, "aber wer einmal mit einem weinenden Kleinkind eine volle Vorlesung verlassen musste, der macht das zumeist kein zweites Mal".
Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, sagt: "Die heutige Hochschule ist nicht unbedingt familienfreundlich." Und mit der laufenden Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge und der damit verbundenen Standardisierung werde sich das Problem eher noch verstärken. Das ist auch der Grund, warum das Studentenwerk für seinen 21. Plakatwettbewerb gerade 2007 das Thema "Familienfreundliche Hochschule" ausgewählt hat. 250 Designstudenten aus dem ganzen Bundesgebiet haben sich an dem Wettbewerb beteiligt. "Das ist ein guter Wert", freut sich Meyer auf der Heyde, "der auch zeigt, dass die Sensibilität in den letzten paar Jahren doch zugenommen hat."
Eine Einschätzung, die Stefan Becker, Geschäftsführer der von der gemeinnützigen Hertiestiftung gegründeten berufundfamilie gGmbH, teilt. Die Hertiestiftung setzt sich seit Jahren für praxisnahe Modelle der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein und vergibt hierfür auch Zertifikate an Unternehmen, das sogenannte Familien-Audit.
Seit fünf Jahren können sich nun auch Hochschulen in einem zweistufigen Verfahren beurteilen lassen. Das Grundzertifikat wird für einen auf drei Jahre angelegten Maßnahmenplan vergeben. Danach erfolgt dann eine Reauditierung, in der geprüft wird, ob und wie weit die gesetzten Ziele erreicht wurden. 41 Hochschulen, berichtet Becker, haben sich inzwischen zumindest zu dem ersten Schritt entschieden, erst vier allerdings haben das Zertifikat auch erhalten. Darunter die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, an der sich, laut Frauenbeauftragte Andrea Eickmeier, seit Beginn des Zertifizierungsprozesses die Situation von Familien eindeutig verbessert hat.
Das Entscheidende dabei, erläutert Eickmeier, sei allerdings nicht, dass es nun mehr Spielecken und Wickelmöglichkeiten gibt und Eltern die Möglichkeit haben, Bücher der Präsenzbibliothek übers Wochenende mit nach Hause zu nehmen. Entscheidend sei, dass das Thema nun in den Köpfen ist "und die Kultur sich verändert hat". Ein Thema das auch die in Oldenburg befragten Mütter und Väter ganz oben anstellten. Die Akzeptanz durch Lehrende stuften sie als wichtigste universitäre Rahmenbedingung überhaupt ein, die ein Studium mit Kind erleichtern würde.
In Kiel trauen sich die Studentinnen mit Kind nun, auf Nachprüfungen zu bestehen und Seminarverlegungen einzufordern. Für Fälle, in denen das nicht geht, nimmt ab Sommer der Kinderpavillon seinen Betrieb auf, in dem Eltern bei Abendveranstaltungen privat Kinderbetreuung organisieren können, für eine entsprechende Vernetzung sorgt das Intranet. Eine speziell auf Studenten zugeschnittene Lösung, wie Andrea Eickmeier betont, "denn professionelle Anbieter wären für die meisten gar nicht zu finanzieren".
Neben den Studenten hat man in Kiel aber auch die Eltern - und dabei ganz besonders die Frauen - im Visier, die nach dem Studium promovieren oder habilitieren wollen. Eine Gruppe die ebenfalls mit großen Problemen zu kämpfen hat. Denn die ohnehin zu wenigen Krippen, die über Studentenwerke betrieben werden, sind für sie tabu, weil sie zumeist schon eine Arbeitsvertrag haben - und der lässt sie auch bei öffentlichen Betreibern ganz hinten auf die Warteliste rutschen. Angesichts von Frauenquoten von 52 Prozent beim Examen, 38 Prozent bei der Promotion und gerade noch 20 Prozent bei der Habilitation sei auch auf diesem Gebiet "enormer Handlungsbedarf", sagt Eickmeier. In Kiel gibt es daher jetzt eine spezielle Krippe für Unbedienstete und ein Kinderferienprogramm.
Jana Pringsheim übrigens macht gerade Examen - und das deutlich vor Ende der Regelstudienzeit. Geschafft, sagt sie heute, habe sie das aber nur mit eiserner Disziplin und auf Kosten der eigenen Gesundheit. Fast 20 Kilo hat sie während des Studiums zugenommen und sich manchmal mal gedacht, dass es einfacher gewesen wäre, wenn sie nach der Ausbildung einfach gearbeitet hätte. "Zumindest sind die Gesetze inzwischen so, dass nicht jede Krankheit zur Katastrophe wird."
Hilfen für Studierende mit Kindern
In den meisten Bundesländern sind Studierende mit Kindern von den Studiengebühren befreit.
Bafög: Grundsätzlich sind die Voraussetzungen nicht anders als bei Studierenden ohne Kinder. Allerdings kann es länger gezahlt werden, wenn die Kinder der Grund für die Verlängerung des Studiums sind - und dann sogar als reiner Zuschuss. Außerdem haben Eltern Vergünstigungen bei der Rückzahlung. Wer bereits vorher ein Kind hat, erfüllt zumeist die Voraussetzungen für elternunabhängiges Bafög. Derzeit gibt es noch kein Kinder-Bafög.
Arbeitslosengeld II: Bei Beurlaubung besteht Anspruch auf Arbeitslosengeld II.
Elterngeld: Wer vorher kein Einkommen hatte, stellte sich mit dem Erziehungsgeld besser. Jetzt erhält er zwölf Monate 300 Euro.
Kindergeld: Wer noch unter 27 ist und wenig Einkommen hat, bekommt sowohl für sich selbst als auch für das Kind Kindergeld.
Wohngeld: Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, haben Studenten Anspruch auf Wohngeld.
Betreuungskosten: Bei geringem Einkommen übernimmt das Jugendamt die Kosten für die Kinderbetreuung.
Sonstige Zuschüsse: Sind von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden. Es gibt Zuschüsse für die Erstausstattung, Landeserziehungsgeld, Härtefonds oder Darlehenskassen.
Text: F.A.Z., 24.03.2007, Nr. 71 / Seite C6
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.-Tresckow