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Schulbank 2.0 Bologna für Lehrer Von Deike Uhtenwoldt
Helge Delank ist jetzt 23 Jahre alt und froh, nicht mehr 19 zu sein. Jedenfalls was seine Ausbildung für das Lehramt an der Oberstufe betrifft. Hätte der Hamburger erst 2007 sein Abitur gemacht, hätte ihn die neu eingeführte gestufte Lehrerausbildung voll erwischt. Statt des Staatsexamens hätte er dann erst den Bachelor of Arts für das Lehramt an Gymnasien und anschließend den Master of Education erwerben müssen - so sehen es die als Bologna-Beschlüsse bekannten Vereinbarungen der europäischen Kultusminister vor. Die neu strukturierten Studiengänge gibt es an der Uni Hamburg seit Semesterbeginn, noch aber fehlen eine amtliche Prüfungsordnung und fachspezifische Bestimmungen. Das reine Chaos und Bürokratie hoch drei, findet Delank. "Früher bin ich zu Beginn des Semesters einfach in die Seminare gegangen und habe dann entschieden, ob ich bleibe oder nicht." Aber seit er mit den "Bachelors" die Seminare teilt, muss er sich anmelden und seine Anwesenheit jedes Mal dokumentieren. "Die erste Doppelstunde geht dann für den Formularkram drauf", bedauert der Siebtsemestler, der sich sein Studium anders vorgestellt hat. "Ich studiere Geschichte, nicht Organisationswissenschaft." Kaum Wahlmöglichkeiten
Mit dem Hamburger teilt Martina Düdder die Fächerkombination und die Option auf die Sekundarstufe II. Aber im Unterschied zu Helge konnte die 24 Jahre alte Bochumer Studentin die Reihenfolge ihrer Pflichtveranstaltungen nicht frei bestimmen: Im ersten Semester hatte sie 28 Semesterwochenstunden, kaum Wahlmöglichkeiten und war heilfroh, dass ihr die Geschichtsseminare relativ leichtfielen. "Mathe war für mich super aufwendig." Jetzt hat die Dortmunderin den Bachelor in der Tasche und den Master of Education in greifbarer Nähe: "Ich bin mit meinem Studium bisher sehr zufrieden. In meinen Fächern fühlte ich mich immer sehr gut betreut." Die Ruhr-Universität in Bochum hat als eine der ersten in Deutschland schon zum Wintersemester 2002 das Lehramtsstudium in zwei inhaltlich getrennte Phasen aufgeteilt. Auf ein überwiegend fachwissenschaftliches Studium in sechs Semestern, das auch Präsentationstechniken und Fremdsprachen vermittelt, folgt der erziehungswissenschaftliche Master-Studiengang und damit auch erst die Theorie der Vermittlung, die Fachdidaktik. Aus Sicht von Martina Düdder kommt dieser praktische Bezug relativ spät. "Aber ich denke, dass die Frage ,Wofür brauche ich das später im Unterricht?' auch in der alten Lehrerausbildung oft gestellt wurde", sagt sie. Lehrerbildung im Schatten Eine Frage, so alt wie die universitäre Lehrerbildung. Sie beschäftigt Kultusministerkonferenzen, Hochschulen und Lehrer. "Die Lehrerbildung führt immer noch ein Schattendasein an den Unis", klagt David di Fuccia, Vorsitzender der Jungen Philologen im Deutschen Philologenverband. "Die Fachdidaktik wird nur als Anhängsel betrachtet. Dabei ist sie das, was den Lehrerberuf ausmacht." Er selbst arbeitet im Fachbereich Chemiedidaktik der Universität Dortmund. Prinzipiell hat er nichts gegen das gestufte Studium, schon gar nichts gegen die Modularisierung. "Sie zwingt die Universitäten dazu, ein besser strukturiertes Angebot zu machen." Aber das Studium müsse auch das Handwerkszeug für den Beruf vermitteln. "Eine Vorlesung zur Geschichte der Pädagogik reicht nicht aus." Das sieht Helge Delank anders. Er will es mit den Kommilitonen aus dem Mathematik-Department fachlich voll aufnehmen können "Nur weil ich auf Lehramt studiere, bin ich ja nicht dümmer." Auch sollten angehende Lehrer ruhig mal über den Tellerrand schauen: "Ich würde mich gerne auch mal in eine Theologievorlesung reinsetzen, aber das ist durch das Anmeldeverfahren kaum noch möglich." Mit dem Master kämen die Studenten zwar schneller zum Abschluss, aber dafür fehle ihnen die Zeit zur Reflexion. Auch di Fuccia sieht seine Studenten unnötig unter Druck: "Schon Zweitsemester schreiben Prüfungen, die in ihre Abschlussnote einfließen und damit zukunftsentscheidend sind. Das ist zu früh." So scheiden sich an der Reform die Geister: Die einen fürchten die Verschulung des Studiums und klagen über den Verlust universitärer Traditionen, die anderen sind froh über das Ende der Beliebigkeit und die Orientierung an der Praxis. Fest steht, dass die Studenten im gestuften System seltener abbrechen, betont Schulpädagoge Ewald Terhart. Dafür büßten sie aber auch Flexibilität ein. "Weil alles verschult ist, aber jeder Standort seine eigene Form von Verschulung hat, ist es heute - entgegen allen erklärten Absichten - unter Umständen schwierig, von Vechta nach Hildesheim zu wechseln", kritisiert der Erziehungswissenschaftler von der Universität Münster. Schule - Studium - Schule Den einseitigen Karriereweg von der Schulbank über das Studium wieder in die Schule zurück haben Kritiker Lehrern schon früher zum Vorwurf gemacht. So manch älteren Pädagogen hätten sie gerne zum Pflichtpraktikum in Unternehmen geschickt. Solche inhaltlichen Fragen müsse man trennen von der formalen Struktur, wie sie Modularisierung und Stufung darstellten, betont Martin Winter, Soziologe beim Institut für Hochschulforschung in Wittenberg. Die Uni Halle-Wittenberg ist die einzige in Sachsen-Anhalt, die Lehrer für allgemeinbildende Schulen ausbildet. Und zwar in einem modularisierten, aber ungestuften Studium, das auch künftig zum Staatsexamen führt. "Was bringt eine Entstaatlichung, wenn die Ministerien ein Einstellungsmonopol für Lehrer haben und in Studienangelegenheiten weiter mitbestimmen wollen?", fragt Winter. Die Modularisierung aber sei ein Gewinn, weil sie offenlege, welche Kompetenzen mit welchem Zeitaufwand in Lehrveranstaltungen und im Selbststudium erreicht würden. "Es wird explizit gemacht, was der Student am Ende können muss. Das ist sinnvoll." Weniger sinnvoll sei es, ihn dauernd mit Prüfungen und Anwesenheitspflichten zu drangsalieren. "Das schreiben die Bologna-Kommuniqués und die KMK-Strukturvorgaben auch nicht vor." Wohl aber hat die Kultusministerkonferenz 2005 in Quedlinburg ein integratives Studium von mindestens zwei Fachwissenschaften und von Bildungswissenschaften sowohl in der Bachelor- als auch in der Masterphase gefordert. Das bedeutet, genaugenommen, das Aus für Modelle, wie sie Bochum anbietet. "Wenn aber das Studium integrativ sein soll, wozu stuft man es dann noch?", wendet Martin Winter ein. In Bochum bleibt man angesichts der vor drei Jahren getroffenen Beschlüsse gelassen. "Die KMK ist da sehr widersprüchlich", sagt Franzjörg Baumgart, Studiendirektor am Institut für Pädagogik. Der Bachelor solle außerschulische Kompetenzen vermitteln und gleichzeitig Schulpraxis nahebringen. Und dies alles in sechs Semestern, qualifiziert und komprimiert. Praktische Qualifizierung nötig Für eine Qualifizierung auch jenseits der Schule spricht aus Bochumer Sicht nicht nur der Arbeitsmarkt, auf dem es für Lehrer von 2012 an wieder enger werden soll, sondern auch die breite Interessenlage der Studenten - um nicht von Orientierungslosigkeit zu sprechen. "Die Hälfte unserer Studienanfänger mit schulrelevanten Fächern weiß nicht, was sie werden will", sagt Baumgart. Statt sich nach dem Bachelor für den Fachmaster oder den Master of Education zu entscheiden, bevorzugten viele den Berufseinstieg. "Die Praxis zeigt, dass der Arbeitsmarkt das Grundstudium als ausreichende Qualifikation annimmt", berichtet Baumgart. Das mag ein Trost für alle sein, die künftig, wenn es wegen mangelnder Referendariatsplätze auch einen Numerus clausus für den Masterstudiengang geben könnte, den Sprung über diese Hürde nicht schaffen. Als Zugeständnis an die KMK hat Bochum ein Schulpraktikum in den Bachelor integriert, verbindlich für das sechste Semester. Das ist zu spät, moniert Waltraud Schreiber, Professorin an der Universität Eichstätt. "Ab dem dritten Semester sollten die Studenten wissen, wohin sie sich orientieren. Dazu benötigen sie einen frühen Kontakt zu den Schulen." Neben der Staatsprüfung, die in Bayern nach wie vor Voraussetzung für den Schuldienst ist, können die Studenten an der katholischen Hochschule jetzt unter dem Titel "Lehramt plus" gestufte Abschlüsse für den schulischen oder den außerschulischen Bereich erwerben. Auf der Homepage geben Lehramtsaspiranten ihre Fächerkombination ein und bekommen ein genau strukturiertes Angebot über drei Phasen. Im Angebot sind so ambitionierte Bausteine wie Wertereflexion in Erziehungswissenschaften, "Prinzipien und Methoden historischen Denkens" in Geschichte, Fallstudien und zwei verbindliche Projektarbeiten. "Weil Lehrer in Zukunft einfach mehr im Team arbeiten müssen", begründet Waltraud Schreiber dieses Modul. Wohnte er in Eichstätt, vielleicht wäre selbst Helge Delank gerne noch einmal 19 Jahre jung.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow, fotolia.com |
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