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Jobs der Woche

Studienobjekte

Der Bachelor, das unbekannte Wesen

Von Sebastian Balzter



Was ist ein Bachelor-Abschluss wert?
02. April 2008 
Manuel Koser fühlt sich nicht wie ein Studienobjekt und auch nicht wie ein Pionier. Und doch dürfte der 23 Jahre alte Aachener seines Bachelor-Abschlusses wegen zu der am besten erforschten Gruppe deutscher Hochschulabsolventen aller Zeiten gehören. Eine Armada von Instituten, Projekten und Experten hat sich ihr an die Fersen geheftet; in Fachbeiräten, Feuilletons und Vollversammlungen wird hitzig über ihr Leiden und Leisten debattiert.

Auf dem Arbeitsmarkt ist dafür keine Zeit. Auf ihm ist Manuel Koser schon angekommen, genauso wie rund 10 000 andere junge Frauen und Männer mit dem großen B im akademischen Grad. Sie sind die erste Generation deutscher Hochschulabsolventen, die so studiert haben, wie Europas Bildungsminister es 1999 in Bologna verabredet haben. Kürzer, strukturierter und näher dran an den Bedürfnissen der Arbeitgeber sollte das Studium werden, das waren damals die Ziele.


In Endlosschleifen hatten Unternehmensvertreter gerade in Deutschland zuvor geklagt: Das Hochschulstudium dauere zu lange, es sei praxisfern, der Einstieg in den Beruf werde den Studenten dadurch geradezu vergällt. Jetzt haben die meisten Hochschulen in einer beispiellosen Reformwelle ihre Studiengänge umgestellt - die einen früher, die anderen später, nur Mediziner-, Juristen- und Lehrerverbände wehren sich weiterhin prinzipiell dagegen. Doch auch ihr Protest hält den Prozess nicht mehr auf: An den Universitäten sind insgesamt schon mehr als die Hälfte der Studienprogramme auf die Bachelor- und Masterstruktur umgestellt, die einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss schon nach sechs Semestern möglich macht. An den Fachhochschulen sind es fast 90 Prozent.

Wirtschaft nimmt wenig Notiz vom Wunschkind

Die Wirtschaft aber hat von ihrem Wunschkind bislang bemerkenswert wenig Notiz genommen. So jedenfalls sieht es Hans Klaus. "Acht Jahre nach der praktischen Einführung der Reform herrscht immer noch ein großes Informationsdefizit", fasst er seine einschlägigen Erfahrungen mit den Personalverantwortlichen vieler deutscher Unternehmen zusammen. Klaus ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Kiel und zudem Vorstandsvorsitzender der Bundeskonferenz Wirtschaftswissenschaften. Das macht ihn zu einem gefragten Redner und Seminarleiter. "Weil die Unternehmen nicht genug über die neuen Studiengänge wissen, glauben sie, dass sie vor ungelösten Problemen stehen", beschreibt er die Lage.

Die Diskussionen, die Hans Klaus deshalb immer wieder führen muss, drehen sich um Fragen wie diese: Was verbirgt sich eigentlich hinter den neuen Abschlüssen? Ist der Bachelor weniger wert als das Diplom oder der Magister? Wenn ja, sind für die Absolventen Schmalspurarbeitsplätze und spezielle Schulungen nötig? Und geht es auf den Fluren und in den Büros bald zu wie in der Jugendherberge, wenn die Grünschnäbel über die Stränge schlagen?

"Viele Unternehmen öffnen sich erstmals für Bachelors. Anlaufschwierigkeiten sind normal und sollten nicht überschätzt werden", sagt Manuel Koser. "Langfristig wird es sich sicher auszahlen." Er hat nach drei Studienjahren an der Universität von Maastricht im vergangenen Sommer seinen Abschluss als "Bachelor of International Business" gemacht. Danach ist er bei Boston Consulting in München eingestiegen, zunächst für ein Praktikum, seit Oktober als "Junior Associate". So heißt die Karrierestufe, die das Beratungsunternehmen eigens für Bachelor-Absolventen eingerichtet hat.

Kein Schmalspurjob

Nach einem Schmalspurjob klingt es nicht, was Manuel Koser schildert. 50 bis 60 Arbeitsstunden in der Woche, unter Unternehmensberatern mag das zwar nicht der Rede wert sein, sonst aber schon. "Ich mache das gerne für die steile Lernkurve, die ich hier habe", sagt er selbst. In seinem ersten Projekt hat er das Wertpapier- und Vorsorgegeschäft einer Bank analysiert. Jetzt arbeitet er mit 16 erfahreneren Kollegen daran, einen Energieversorger neu zu strukturieren. "Es fragt keiner nach dem Geburtsdatum. Was zählt, ist gute Arbeit", zerstreut Koser die Frage nach der Akzeptanz von Ratschlägen aus dem Mund eines 23-Jährigen.

Seine Kunden wissen aber, dass ein Bachelor mit ihnen spricht und kein Diplom-Betriebswirtschaftler. "Wir kommunizieren das klar", betont Just Schürmann, der für Boston Consulting in Deutschland das Recruiting leitet. Die "Junior Associate"-Laufbahn gibt es seit knapp vier Jahren, erdacht wurde sie für die Absolventen der Universität St. Gallen in der Schweiz, die früher als deutsche Hochschulen einen Bachelor-Studiengang eingeführt hatte. Inzwischen entfallen 10 Prozent der Neueinstellungen auf Bachelor-Absolventen.

Früher oder später noch dem Master

Der entscheidende Unterschied zwischen herkömmlich Diplomierten und der Generation Bologna: Just Schürmann rechnet damit, dass alle Bachelors nach zwei oder drei Jahren das Unternehmen wieder verlassen, weil sie dann ein Master-Programm aufsatteln. Das hält Schürmann nicht nur für sinnvoll, sonern für die Aufgaben bei Boston Consulting sogar für notwendig. Deshalb ist dieser Bildungsbaustein für die "Junior Associates" verpflichtend, während die "Associates" alter Prägung vergleichbare Weiterbildungspausen, etwa für eine Promotion, auf rein freiwilliger Basis einlegen konnten.

Eine interessante Option aber ist der nachgeschobene Master nicht nur für Jungberater, sondern für alle Bachelor-Absolventen - auch in anderen Unternehmen. Guten Mitarbeitern nach den ersten Jahren im Beruf diese zeitweilige Rückkehr ins Studentenleben zu ermöglichen und sie danach wieder einzubinden, das dürfte für viele Personalabteilungen deshalb nun zur eigentlichen Herausforderung werden. Der Berufseinstieg nach diesem Modell, das ist ein Dreisprung alla Bolognese: vom Bachelor-Examen ins Arbeitsleben, von dort ins Master-Programm und schließlich, stärker spezialisiert und auch mit genauer formulierten Karrierezielen, zurück in den Beruf. Auch Manuel Koser hat seinen Ausstieg auf Zeit schon fest im Blick. Im September 2010 will er ein 18 bis 24 Monate dauerndes MBA-Studium beginnen. Wenn alles so läuft, wie er und Just Schürmann sich das vorstellen, dann wird ihm Boston Consulting nicht nur die fünfstellige Studiengebühr bezahlen, sondern auch einen Sonderurlaub genehmigen, damit er sich das passende Programm aussuchen kann. "Bislang haben alle Teilnehmer eine MBA-Förderung erhalten", sagt Schürmann. Wer nicht zurückkehrt, das gehört zum Deal, muss die gewährte Förderung zurückzahlen.

„Bachelor welcome“-Initiativen

Unternehmensberatungen und große Kreditinstitute wie die Deutsche Bank und die Hypovereinsbank waren die Ersten, die sich mit "Bachelor welcome"-Initiativen auf die neuen, jüngeren Absolventen eingelassen haben. Die Orientierung ihrer Unternehmenskultur an angloamerikanischen Vorbildern machte ihnen das leichter, weil es die neuen Titel dort schon lange gibt - auch wenn sich hinter ihnen in Amerika und Großbritannien traditionell nicht dasselbe verbirgt wie in Deutschland und den anderen Bologna-Staaten. Den kleinen und mittelständischen Unternehmen dagegen, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, wurden größere Schwierigkeiten vorausgesagt.

Doch der Schock ist offenbar nicht eingetreten. Eine Umfrage der Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern in Hessen hat nun ergeben, dass schon 2006 rund 60 Prozent der im Land eingestellten Akademiker einen Bachelor-Abschluss hatten. Drei Viertel der befragten Unternehmen, die große Mehrheit von ihnen besteht aus kleinen und mittleren Arbeitgebern, gaben zudem zu Protokoll, dass sie mit den Absolventen zufrieden seien. Teamfähigkeit und Selbständigkeit seien wichtiger als das Fachwissen im Detail. Auch die Tatsache, dass in den neuen Programmen seltener Auslandserfahrung gesammelt wird als in klassischen Studiengängen, fällt dieser Umfrage zufolge kaum ins Gewicht: Die meisten Personaler sind der Meinung, dass sich diese Kompetenzen auch im Arbeitsalltag vermitteln lassen.

Scheibchenweise wurden zunächst die Studiengänge umgestellt, scheibchenweise gewöhnen sich nun die Unternehmen an neue Titel und jüngere Gesichter. Die Bachelor-Programme, die manche auflegen, sind bei genauerem Hinsehen Weiterbildungsangebote, die auch viele Magister und Diplomierte gerne angenommen hätten, wenn es sie immer schon gegeben hätte. Und gegen die Unübersichtlichkeit, die aus der wachsenden Zahl der Studiengänge resultiert, hilft das von den Hochschulen ausgestellte "Diploma Supplement", eine mehrseitige Zusammenfassung der Studieninhalte. Unternehmen, die sich auf das Papier nicht verlassen wollen, schließen Partnerschaften mit Hochschulen.

Eigentlich aber sollte auch diese Vorsichtsmaßnahme der neuen Studienwelt gegenüber nicht nötig sein. "Ein gut gemachter Bachelor müsste dem Diplom entsprechen", sagt Klaus. Wo das nicht der Fall sei, mangele es den Hochschulen schlicht an Ehrgeiz und Kreativität. Von solchen Ausnahmen abgesehen, bewerte er die Studienreform ausgesprochen positiv, betont auch Just Schürmann ohne Zögern. Die ersten "Junior Associates", die er eingestellt hat, sollen demnächst von ihren Master-Programmen zurückkommen.

Vom Bakkalaureas der Wissenschaften und anderen Abschlüssen

Diese sieben Bachelor-Abschlussbezeichnungen hat die Kultusministerkonferenz genehmigt:

  • Bachelor of Arts (B.A.)
  • Bachelor of Science (B.Sc.)
  • Bachelor of Engineering (B.Eng.)
  • Bachelor of Laws (LL.B.)
  • Bachelor of Education (B.Ed.)
  • Bachelor of Fine Arts (B.A.F.)
  • Bachelor of Music (B.Mus.)

Englisch ist dabei kein Muss, auch deutsche Formen sind erlaubt - etwa der „Bakkalaureus der Wissenschaften“. Nach den Regeln der Lateingrammatik lautet die Mehrzahl von „Bakkalaureus“ korrekt „Bakkalaurei“. Gemischtsprachige Bezeichnungen sind - von den lateinisch-deutschen Ausnahmen abgesehen - ausgeschlossen. Absolventen müssen ihre Abschlussbezeichnungen später im Berufsleben so führen, wie sie verliehen wurden, und dürfen nicht eigenmächtig eine andere Sprache wählen.

Inzwischen haben sich 46 europäische Staaten dem Bologna-Prozess angeschlossen, der die Studiengänge vergleichbar machen soll. Eine allgemeingültige Nomenklatur jedoch gibt es nicht. In Frankreich heißt schon das Abitur „baccalauréat“; um der Verwechslung zu entgehen ist das Äquivalent zum Bachelor-Abschluss dort die „licence“. Italiener nennen den ersten Hochschulabschluss „Laurea di primo livello“, Schweden „Kandidatexamen“.

34.599 Studenten haben bis zum Jahr 2006 Deutschlands Hochschulen mit einem Bachelor-Abschluss verlassen; neuere Zahlen gibt es in der offiziellen Statistik noch nicht. Die ersten 126 machten ihren Abschluss im Jahr 2000, 2006 waren es 15.505. Damit waren sie zwar, verglichen mit den anderen Abschlussarten, klar in der Minderheit, doch das wird sich in Zukunft ändern. Nach einer Studie des Unternehmens Hochschul-Informations-System (HIS) sind 75 Prozent der Bachelors neun Monate nach ihrem ersten Abschluss wieder an der Hochschule, um ihr Studium fortzusetzen. Allerdings variiert diese Quote von Fach zu Fach sehr stark. Besonders niedrig ist sie unter den Wirtschaftswissenschaftlern, von denen vier Fünftel ein Jahr nach dem Bachelor-Examen erwerbstätig sind. Die Schätzung, dass inzwischen 10000 Bachelor-Absolventen ihre ersten festen Jobs gefunden haben, ist also eher konservativ.

Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite C5
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Bestätigung! 02.04.2008, 16:49
 

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