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Karrierewege Heute Hiwi, morgen Abteilungsleiter Von Anna Loll
Die Spezies Hiwi gibt es in den verschiedensten Ausführungen, je nach Arbeitsgebiet: In der Welt der Universitäten findet man zum Beispiel den Bibliotheks-Hiwi, den Labor- oder den Verwaltungs-Hiwi. Das klassische Exemplar aber ist der Lehrstuhl-Hiwi. Auch er hat, entsprechend seiner Fakultäts- und Professor-Zugehörigkeit, unterschiedliche Aufgaben. Die meisten allerdings haben irgendwie mit Kopieren und Büchersuchen zu tun. Politisch korrekt heißt der Hiwi "studentischer Beschäftigter". Die Bezeichnung "Hiwi" ist die Kurzform für "Hilfswilliger". So wurden im Zweiten Weltkrieg schönfärberisch die von der Wehrmacht zum Teil unter Zwang rekrutierten Hilfsarbeiter aus besetzten Gebieten genannt. Heute noch bezeichne man jemanden als "Hiwi", der für vergleichsweise niedrig qualifizierte Tätigkeiten eingeteilt sei, lässt sich bei Wikipedia lesen. Die perfekte Nebentätigkeit Auf den universitären Hiwi, von dem es etwa 100 000 Exemplare in Deutschland gibt, trifft das allerdings nicht zu. Ganz im Gegenteil: Unter den Studenten ist der Hiwi ein privilegiertes Wesen. Er sieht zwar aus wie alle anderen, auch Hausarbeiten und Prüfungen muss er wie seine Kommilitonen absolvieren, nicht einmal am Kaffeeautomaten hat er Vorfahrt. Trotzdem ist er nicht nur Student, sondern gehört gleichzeitig zur Sphäre der Forschenden und Lehrenden. Zu denen also, die ein eigenes Büro mit Computer und Drucker haben, Zugang zum Teekocher und oft sogar zum Pulver-Cappuccino der Lehrstuhl-Sekretärin. Ein Hiwi kommt nicht in die Bibliothek, um die wichtigsten Bücher möglichst nah an sich ranzurücken, damit niemand anders sie wegnehmen kann. Das hat er gar nicht nötig. Er trägt sie einfach stapelweise hinaus. Am Kopierer ist er Dauergast, 40 Minuten sind keine Seltenheit. Deshalb beherrscht er nicht nur das streifenfreie Kopieren wie kein anderer. Papierstaus und Tintenausfälle geben ihm auch immer wieder Gelegenheit dazu, seine technischen Fähigkeiten zu erweitern. Raus aus der Anonymität Die perfekte Nebentätigkeit für einen Studenten, findet Katja Guske. Die 26 Jahre alte angehende Theologin hat ihre Erfahrung als studentische Beschäftigte an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität gesammelt. Abgesehen davon, dass man Geld verdienen, die Infrastruktur vom Bibliotheksausweis bis zum Kugelschreiber mitnutzen und sich im besten Fall die Arbeitszeit frei einteilen könne, bestehe der Vorteil vor allem in der intensiven Verbindung zur Fakultät und zum Fach. "Als Hiwi kommt man aus der Anonymität raus", sagt sie. Man lerne den Professor und die Dozenten kennen, wochenlanges Warten auf die Sprechstunde sei nicht mehr nötig. "Man wird ein bisschen mehr Individuum an der Uni." Nicht nur für Katja Guskes Studentenzeit war der Job am Lehrstuhl vorteilhaft. Durch ihn hat sie auch ihre jetzige Stelle bekommen. "Katja, wir finden schon was für dich", habe ein Assistent zu ihr gesagt, als ihr Abschluss absehbar war. Seit einem knappen Jahr ist sie nun wissenschaftliche Mitarbeiterin an der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität, promoviert über die Evangelikalen in Deutschland und hat selbst zwei Hiwis zur Verfügung. "Der Hiwi-Job befördert auf jeden Fall die Karriere", sagt sie. Ein Netzwerk zu den richtigen Leuten Das kann selbst dann der Fall sein, wenn die Karriere keine wissenschaftliche sein soll. Julian Matthes hat an der gleichen Uni wie Katja Guske als Hiwi gearbeitet, allerdings an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Ihm war früh klar, dass er keine Universitätslaufbahn einschlagen wollte. Er sah seine Stelle als Assistent des Professors in seiner Funktion als Auslandsbeauftragter eher als Training für die Zeit nach dem Studium. "Ich wollte vor allem etwas aus dem Studentenleben rauskommen", berichtet er. Im strengen Sinne fachlich habe er dabei nicht gearbeitet, aber durch die Bindung an den Professor einiges am Lehrstuhl mitbekommen - insbesondere ein Netzwerk zu den richtigen Leuten. Den Kontakt für sein Praktikum nach seinem Diplom im März bei den Wirtschaftsprüfern und Beratern von PricewaterhouseCoopers hat ihm ein Professor am Institut vermittelt. Er wurde auf Matthes durch dessen Arbeit am Lehrstuhl seines Kollegen aufmerksam. Sind das Einzelfälle? Oder heißt es: heute Hiwi, morgen Abteilungsleiter? "Eine Garantie ist ein Hiwi-Job natürlich nicht. Aber wenn man kein Hiwi war, ist es für die Karriere sicher eher schädlich", schätzt Professor Thomas Gries, der Leiter des Lehrstuhls für Textilmaschinenbau und des Instituts für Textiltechnik an der RWTH Aachen. 100 Hiwi-Stellen gibt es an seinem Institut, unter anderem für sogenannte Drittmittel-Projekte. Die Studenten, die an solchen Auftragsarbeiten für Unternehmen beteiligt sind, bekommen über sie oft erste Kontakte zu späteren Arbeitgebern. Gute Hiwis, verrät Gries, empfehle er zudem seinen Schlüsselkunden. Außerdem sei der studentische Job ein Sprungbrett zu einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Und von dort wechselten viele nach der Promotion in führende Positionen in der Wirtschaft. Lernen, mit Hierarchien umzugehen "Der Hiwi-Job ist eben kein normaler studentischer Nebenjob", sagt Julian Matthes, der auch schon in einer Bäckerei und mit Schwerstbehinderten gearbeitet hat. So lerne man als Hiwi, mit Hierarchien umzugehen. In seinem Praktikum bei der Deutschen Bahn, bei der er jetzt auch seine Diplomarbeit schreibt, sei das unmittelbare Arbeitsumfeld hingegen viel flacher organisiert gewesen. Dass er zuvor viel mit mit Professoren zu tun gehabt habe, sei für sein eigenes Auftreten in so manchem Vorstellungsgespräch nützlich gewesen. Negatives fällt dem Fünfundzwanzigjährigen zum Hiwi-Dasein kaum ein. Auch das Gehalt sei mit knapp 11 Euro in der Stunde sehr gut. Verglichen mit den üblichen 6 oder 7 Euro fürs Kellnern, ist das in der Tat geradezu paradiesisch - zumindest in Berlin. Denn nur hier gibt es einen Tarifvertrag für die studentischen Beschäftigten. Bundesweite Mindestlöhne gibt es nicht; nach einer Richtlinie von 1993 nur Höchstgrenzen von damals 16 Mark an den Universitäten und 11 Mark an den Fachhochschulen. Zersplitterte Tarife Warum die Arbeit an Fachhochschulen weniger wert sein soll als an Universitäten, ist für Christian Osinga von der Tarifvertragsinitiative der studentischen Beschäftigten (Tarifini) allerdings genauso wenig nachvollziehbar wie die Ablehnung der Länder, sich auf einen einheitlichen Lohn zu einigen. Seit 2003 tritt Tarifini dafür ein, bislang ohne Erfolg. "Es findet eine Zersplitterung statt, eine tarifliche Lösung ist nicht absehbar", sagt Osinga. Nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern auch zwischen den einzelnen Hochschulen gebe es Unterschiede. Dadurch entwickle sich der Hiwi-Job als Einstiegsmöglichkeit in Karriere-Netzwerke zu einer Option nur für Privilegierte - zumal viele Verträge nur 10 oder 20 Arbeitsstunden im Monat vorsehen. Tatsächlich haben Studien ergeben, dass die studentischen Beschäftigten vor allem aus höheren sozialen Schichten kommen. "So viel Selbstausbeutung muss man sich schließlich leisten können", frotzelt Osinga. Text: F.A.Z.Bildmaterial: fotolia |
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