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Studienplatzvergabe

Die Wiederauferstehung der ZVS

Von Sebastian Balzter



Die ZVS steht vor einer Renaissance
30. Juni 2008 
Eliteuniversität, das klingt gut, fand Sergej Grebenshikov. Also nahm der 19 Jahre alte Abiturient aus Göttingen die Karlsruher Uni in den engsten Kreis seiner Wunsch-Studienorte auf, als er sich im Januar mit dem Thema zu beschäftigen begann. Informatik und Physik waren seine Leistungskurse, um einen Studienplatz in Informatik wollte er sich nun auch bewerben. Ob seine Noten gut genug sein würden, hätte er dafür gerne gewusst. Dafür klickte er sich durchs Internet, bis er auf der Karlsruher Homepage den Menüpunkt "Zulassungsvoraussetzungen" gefunden hatte. Die Pflege genau dieses Punktes aber haben die Nordbadener - sei es wegen all der Anträge für die Exzellenzinitiative, sei es einfach nur aus Versehen - in jüngster Zeit vernachlässigt. Der einzige Eintrag dort ist noch heute: "text".

Ein Detail nur, gewiss, und Sergej Grebenshikov ist daran genauso wenig gescheitert wie an den Abiturprüfungen. Aber die Nichtinformation ist bezeichnend für den mit Fallstricken gesäumten Weg, den Studienanfänger heute in Deutschland gehen müssen. Früher schimpften fast alle auf die ZVS, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen. Seit drei Jahren ist deren Einfluss jedoch Stück für Stück geschwunden, weil die Hochschulen sich einerseits das Recht zur individuellen Auswahl eines Großteils ihrer Studenten erkämpft haben, andererseits die neuen Bachelor- und Masterprogramme nicht mehr ins Raster der 1973 gegründeten ZVS passten.

Jeder kocht sein eigenes Zulassungssüppchen

Präsidentin Wintermantel: "Die letzten Nachrücker im Januar"

Inzwischen sind die Einträge auf Internetforen wie "zvsopfer.de" rar geworden: Die Behörde in Dortmund, durch die in manchen Jahren fast 300.000 Bewerbungen für die 250 am stärksten nachgefragten Studiengänge geschleust wurden, ist heute nur noch für 40 Prozent der Studienplätze in den vier verbliebenen "ZVS-Fächern" Pharmazie, Medizin, Tier- und Zahnmedizin sowie nordrhein-westfälische Lehramtsstudiengänge zuständig.

Dafür häufen sich die Berichte über die Auswüchse der neuen Praxis, die zunächst euphorisch als eine Befreiung der Hochschulen von staatlicher Gängelei begrüßt worden war. Nicht nur, dass jede Hochschule nun aus Zutaten wie Notenschnitt, sozialem Engagement, Aufnahmetests ihr eigenes Zulassungssüppchen kochen darf und es keine Übersicht über die verschiedenen angewandten Rezepte gibt. Angehende Erstsemester müssen außerdem, statt eine einzige Bewerbung nach Dortmund zu schicken, alle in Frage kommenden Adressen einzeln anschreiben. Sergej Grebenshikov etwa will bis zum Bewerbungsschluss am 15. Juli Zeugnis und Motivationsschreiben außer nach Karlsruhe auch nach Aachen, München und Darmstadt senden.

Die letzten Nachrücker kommen im Januar

Damit liegt er weit unter dem Rekord; Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), berichtet von Abiturienten mit 30 und mehr Bewerbungen. Diese setzen an 30 verschiedenen Orten die gleiche Kettenreaktion in Gang: Jede einzelne Hochschule antwortet, unter Umständen erst nach einem persönlichen Gespräch, mit einer Zu- oder Absage - und der Akademiker in spe entscheidet sich dann für eines der Angebote. In den anderen Hochschulen aber, die ihn auch genommen hätten, bleibt ein Platz frei. Denn oft ist es schon zu spät, um ihn an ursprünglich abgelehnte Bewerber zu vergeben. "Oder die letzten Nachrücker kommen dann im Januar, drei Monate nach Semesteranfang", beschreibt Wintermantel die Situation. Bei dieser Reise nach Jerusalem, an der die Mehrheit der 340.000 Studienanfänger im Jahr teilnehmen muss, gibt es deshalb am Anfang scheinbar viel zu viele Läufer und am Ende paradoxerweise dennoch freie Stühle. An einem Beispiel aus Saarbrücken, wo Margret Wintermantel Professorin für Sozialpsychologie ist, macht sie eine konkrete Beispielrechnung auf: "Für ein Programm mit 300 Studienplätzen hatten wir dort zuletzt 1000 Bewerbungen. Nach den Erfahrungen aus dem Vorjahr haben wir 500 zugelassen. Von denen kamen dann gerade mal 172." Um diesen Schwund auszugleichen, kalkulieren manche Fakultäten inzwischen mit Überbuchungsfaktoren von bis zu 1000 Prozent. Trotzdem mussten selbst angesehene Universitäten wie Mainz, Konstanz und die FU Berlin vor dem vergangenen Wintersemester vier Nachrückverfahren hintereinander durchführen, um annähernd genügend Erstsemester für die angebotenen Jura-Studienplätze zu finden.

Ulla Burchardt bringen solche Nachrichten auf die Palme. "Es liegen unverantwortlich viele Studienplatzkapazitäten brach", sagt die SPD-Abgeordnete und Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag. Ihre Überzeugung, dass sich an der Situation schleunigst etwas ändern muss, beruht nicht nur auf der Statistik. Hinzu kommt die Erfahrung aus der eigenen Familie: Ihre Tochter, berichtet Burchardt, sei schier verzweifelt am Versuch, die Zulassungsordnungen für das Psychologie-Studium an ihren fünf favorisierten Universitäten zu verstehen, um nach den ersten Semestern in den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen zu wechseln. "Das System ist für Studierende völlig undurchschaubar", sagt die Politikerin. "Das ist wie im Dschungel."

Quälend langsame Suche nach Lösungen

Das Problem ist also bekannt, und nicht erst seit gestern. Es bahnt sich sogar eine mögliche Lösung an, die Wiederauferstehung der ZVS - aber es geht nur quälend langsam vorwärts. Vor anderthalb Jahren hat die Kultusministerkonferenz (KMK) entschieden, eine "Servicestelle für den Hochschulzugang" gründen zu wollen. Acht Monate danach wurde ein Vertrag zur Gründung einer entsprechenden Stiftung geschlossen. Die ZVS rief daraufhin zu einem Probedurchlauf für Jura, BWL und Psychologie auf, an dem allerdings nur sechs Hochschulen teilnahmen - vielleicht auch deshalb, weil noch nicht klar war, ob die einst als "Monster" gescholtene Behörde oder nicht doch eine andere Einrichtung den Auftrag erhalten würde. Vor zwei Wochen aber hat sich der gemeinsame Lenkungsausschuss von Hochschulrektorenkonferenz und KMK tatsächlich zugunsten der ZVS entschieden. Sogar die Anschubfinanzierung soll gesichert sein.

Ulf Bade hat einen kleinen Luftsprung vor Freude gemacht, als er davon erfuhr. Vor sechs Jahren ist der Jurist in das Direktorenbüro auf der dritten Etage des langgestreckten ZVS-Gebäudes eingezogen, seit sechs Jahren kämpft er gegen das miserable Image der 120 Mitarbeiter zählenden Behörde, deren 10-Millionen-Euro-Etat die Bundesländer anteilig finanzieren. Die entscheidende Runde in diesem Kampf beginnt nach den Sommerferien. Dann geht Bade, wie er selbst sagt, auf "eine Ochsentour" zu den Bildungspolitikern und Hochschulrektoren der Republik. Denn das Prinzip der neuen ZVS wird die Freiwilligkeit sein: Die Hochschulen können entscheiden, ob sie die zum Wintersemester 2009 erstmals für fast alle Studiengänge angebotenen Dienste in Anspruch nehmen wollen oder nicht.

Dortmund könnte Daten sammeln, die Hochschulen entscheiden

Neun Punkte hat Bade auf einem Papier zusammengefasst, das er auf seine Reisen mitnehmen wird. Den Kern bilden ein umfassendes Informationsportal im Internet, das die Studienangebote, Hochschulprofile, Auswahlkriterien und Fristen bereithält, und ein zentrales Online-Bewerbungsportal, das unvollständige Bewerbungen von vorneherein ausschließt. Die in Dortmund gesammelten Daten sollen daraufhin elektronisch und eventuell nach gewünschten Vorgaben geordnet an die Hochschulen übermittelt werden; diese sollen dann ihre Auswahl treffen und die Bewerber in entsprechende Ranglisten einordnen, ehe sie ihre Datenpakete zurückschicken; in Dortmund wird dann wiederum ermittelt, an welchen Hochschulen ein Bewerber ein Zulassungsangebot erhalten hat und welche dieser Studienmöglichkeiten er oder sie auf der persönlichen Rangliste am höchsten eingestuft hat. So sollen die Hochschulen ihre Zulassungshoheit behalten, zentrale Bewerbung und Abgleich aber zugleich Frust und Bürokratie eindämmen.

Doch nur wenn die große Mehrheit der Hochschulen sich für Ulf Bades Paket entscheiden, wird das neue System eine spürbare Verbesserung bringen, damit steht und fällt seine Qualität. "Wenn nur die Hälfte mitmacht", räumt Bade selbst ein, "dann ist das zu wenig." Im Erfolgsfall aber sollen künftig schon einen Monat nach Bewerbungsschluss die ersten Immatrikulationen erfolgen, die letzten Ende September. Klingt gut, findet Sergej Grebenshikov. Vielleicht hätten spätere Abiturjahrgänge in ihrem letzten Halbjahr am Gymnasium dann dank der neuen Informations-Datenbank sogar mehr Zeit fürs Lernen, hofft er. Und früher Gewissheit darüber, für welches Fach sie mit einem Studienplatz rechnen können. "Jetzt ist das so intransparent", sagt er, "da kann man eigentlich nur auf sein Glück hoffen."

Qual der Quoten:

- 6000 verschiedene Master- und Bachelor-Studiengänge gibt es an Deutschlands Hochschulen.

- Zulassungsbeschränkt ist etwa die Hälfte von ihnen.

-Zentral vergeben werden nach den Kriterien "Abiturbestenquote", "Hochschulauswahlverfahren" und "Wartezeitquote" nur noch 40 Prozent der Studienplätze in den medizinischen und pharmazeutischen Fächern - der Rest läuft dezentral ab.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
   
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