Flucht aus dem System

Ab nach Eton

Von Inge Kloepfer

Elitenbildung seit hunderten von Jahren: Eton-Schüler 1963

Elitenbildung seit hunderten von Jahren: Eton-Schüler 1963

26. Oktober 2008 Die Lösung liegt immer öfter im Ausland. Zumindest für die Kinder derer, die sich so etwas leisten können und wollen. Immer mehr Eltern aus Deutschlands gutbürgerlichen Schichten schicken ihre Sprösslinge auf Privatschulen in englischsprachige Länder. Im Trend liegen dabei vor allem die renommierten Internate Großbritanniens; Eton und Co. Rund 2000 deutsche Jugendliche drücken derzeit in den teuren englischen Privatschulen die Schulbank, will man dem ISC, dem Verband der unabhängigen Schulen, Glauben schenken. Andere nennen Zahlen von 3000 bis 5000 Schülern. Die Zahl jedenfalls steigt beständig.

"Fließendes Englisch ist heute eine Grundvoraussetzung für beruflichen Erfolg", sagt zum Beispiel Dorothee von Bary, Sonderschullehrerin in Fürstenfeldbruck und Mutter dreier Kinder, die sie nach und nach alle für ein Jahr ins Ausland geschickt hat. "Aber auch das Lernen in kleinen Gruppen hat sehr überzeugt." Raus aus dem immer gleichen Trott deutscher Bildungseinrichtungen, in denen den Jugendlichen womöglich irgendwann die Motivation fürs Lernen abhandenkommt - so denken viele Eltern.

30.000 Euro kostet ein Jahresaufenthalt

Rund 30.000 Euro kostet ein Jahresaufenthalt an einem der bekannten britischen Internate - mit voller Verpflegung und vor allem exzellenten Lehrern. "Die Hälfte der Jugendlichen kehrt nach einem Jahr zurück, die andere Hälfte bleibt, um dort in zwei Jahren den Abschluss zu schaffen", sagt Alexandra von Bülow, die seit vielen Jahren eine Vermittlung deutscher Schüler in die englischen Internate betreibt. Dass immer mehr Eltern die hohen Kosten auf sich nehmen, habe vielfältige Gründe, sagt sie. "Natürlich spielt auch die Frustration über das deutsche Bildungsangebot eine große Rolle." Den Kindern wird in den teuren englischen Internaten, die sich viele Engländer selbst überhaupt nicht mehr leisten könnten, der Lernstoff anders vermittelt als an deutschen Schulen - das weiß von Bülow aus eigener Erfahrung. "Dort sind die Lehrer Helfer, nicht Richter", sagt sie. Ihre vier Kinder haben das renommierte Internat Sevenoaks besucht und danach allesamt Karriere gemacht.

Das allerdings ist nur die Spitze der Fluchtbewegung aus dem öffentlichen Bildungssystem. Privatschulen mit individuellen Angeboten sind auch in Deutschland extrem gefragt. Über die Qualität staatlicher Bildungsangebote wird in den bildungsbewussten Mittel- und Oberschichten längst mit den Füßen abgestimmt. Das Misstrauen gegenüber den staatlichen Systemen mit hohem Unterrichtsausfall, überaltertem Kollegium, völlig inaktuellem Unterrichtsmaterial und teilweise desaströsen Schulräumen ist groß geworden. Das öffentliche System bietet nach Meinung von vielen Millionen Eltern allzu häufig nur Ware von der Stange. Den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Schüler wird es kaum gerecht.

Schulangst schon in der dritten Klasse

Genau das musste Aminetta Hecht feststellen, die als alleinerziehende Mutter und Toningenieurin sicher nicht zu den Großverdienern in Deutschland gehört. Ihre Tochter litt plötzlich unter Schulangst, und das bereits in der dritten Klasse. Nichts ging mehr. "Die Lehrer konnten nicht helfen - obwohl sie sich wirklich alle Mühe gaben", berichtet Aminetta Hecht. "Ein neunjähriges Mädchen mit Angst vor der Schule, das war für mich völlig unvorstellbar." Seit drei Jahren geht ihre Tochter nun auf eine Privatschule, die Freude am Lernen hat sie wieder. Hecht hat sich eine demokratische Schule ausgesucht, eine, die sich ganz an dem Niveau der Kinder und ihrer Leistungsbereitschaft orientiert. Das Schulgeld von knapp 200 Euro im Monat und die Gebühr für die Hortbetreuung scheut sie nicht. "Am Ende des Monats bleibt eigentlich nicht viel übrig."

Während die allgemeinbildenden Schulen in Deutschland aufgrund der sinkenden Geburtenzahl immer weniger Schüler haben, steigt die Zahl der Anmeldungen an den Schulen in freier Trägerschaft unaufhörlich. Inzwischen besuchen mehr als 800.000 Schülerinnen und Schüler eine allgemeinbildende oder berufliche Privatschule, von denen es in Deutschland rund 4700 gibt. "In einer guten Bildung sehen viele Eltern einen Wettbewerbsvorteil für ihre Kinder", sagt Christiane Witek vom Bundesverband deutscher Privatschulen. Zwar mögen es auch konfessionelle Gründe sein, aufgrund deren sich Eltern für Privatschulen entscheiden, oder - wie im Fall von Aminetta Hecht - alternative Unterrichtskonzepte für eine bessere Persönlichkeitsentfaltung.

Eltern hoffen auf größere Erfolgswahrscheinlichkeit für die Kinder

Dahinter stehen allerdings immer die angenommene höhere Unterrichtsqualität privater Schulen und eine größere Erfolgswahrscheinlichkeit für die Kinder. Rund zwei Drittel der Deutschen meinen nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, dass Privatschulen ihren Kindern bessere Bildungschancen eröffnen. Hätten alle die Wahlmöglichkeit, würde es viel mehr Privatschüler geben, denn im Schnitt aller Privatschulen gibt es 40 Prozent zu viele Anmeldungen für die existierenden Plätze.

6. September 1995: Prinz Williams erster Schultag in Eton - mit Charles, Diana, Harry

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Ganz falsch liegen die Eltern mit ihrer Kompetenzvermutung nicht. Helmut Klein vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft gibt ihnen weitgehend recht: "In der Hälfte der Bundesländer bringen Privatschulen im Verhältnis zu ihrer Schülerzahl mehr als doppelt so viel Abiturienten hervor wie staatliche Gymnasien und Gesamtschulen." Das mag den Schulen das Image von Eliteschmieden eingetragen haben, was mancherorts auch Naserümpfen verursacht. Doch ist der Erfolg der privaten Schulen auch gerade dort besonders sichtbar, wo es um die Schwächeren unter den Schülern geht. Haupt- und Realschüler in privaten Einrichtungen lesen und rechnen besser als ihre Altersgenossen im staatlichen System.

"Das Jahr in England war eine wichtige Erfahrung", resümiert Christiane von Bary, die inzwischen Jura an einer deutschen Universität studiert. "Das Lernen in kleinen Gruppen macht natürlich Spaß." Geblieben ist sie dennoch nicht, sondern zurückgekehrt an ihre alte Schule. Am Ende hat sie das Niveau im englischen System nicht überzeugt. Den englischen Schulabschluss hat sie nebenher in der 12. Klasse gemacht. Gute deutsche Gymnasien verlangten von ihren Schülern zum Teil deutlich mehr. Doch genau dort liegt für immer mehr Bürger der wunde Punkt. Denn: Für gute Schulen mit engagierten Lehrern gibt es hierzulande keine Garantie.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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