Soziologie

Die Kleiderordnung des Studierens

Von Anna Loll

Lebensstil ist nicht frei gewählt

Lebensstil ist nicht frei gewählt

27. Januar 2008 Jetzt klagen alle darüber, wie schwer es Studenten in den neuen Bachelor- und Masterprogrammen haben. Aber angehende Magister alter Prägung hatten es auch nicht leicht - zumindest, wenn man Lorena Jaume-Palasí glauben darf. Die heute 29 Jahre alte Spanierin arbeitete in Berlin am Wissenschaftskolleg, ging danach zum Seminar bei den Philologen, anschließend zu den Politologen und dann zu den Historikern. "Ich dachte, ich werde verrückt", stöhnt die zierliche Frau. "Im Wissenschaftskolleg musste man schick aussehen. Bei den Historikern war weniger Eleganz angesagt, bei den Politologen alternativ-flippige Kleidung. Und im Philologieseminar demonstrierte man, wie unwichtig dieses ganze Gehabe war, indem man sich möglichst nachlässig kleidete."

Umfrage-Ergebnis: Nicht gegen den Strom

Der Kommunikationspsychologe und Karrierecoach Stephan Lermer bestätigt diese Beobachtungen. "Psychologen fahren Volvo, BWLer Cabrio. Philosophen treten eher nur moderat gepflegt auf, weil sie damit vermitteln, dass sie nicht viel Wert auf schnöde Äußerlichkeiten legen", sagt er. JaumePalasí schwört deswegen auf die interdisziplinäre Zwiebeltechnik: Der kluge Student trage am besten ein langärmliges T-Shirt, habe ein Hemd dabei, ein Jackett darüber und auch noch einen Mantel. Das lasse sich dann nach Belieben variieren. Nicht zu empfehlen sei es dagegen, wie ein Jurist bei den Historikern aufzutauchen. "Mit Hemd, Sakko und Timberlands an den Füßen kommt man dort im Seminar nicht gut an", warnt die Unternehmertochter.

Die Herkunft macht´s

Die meisten Studenten, erklärt Lermer, suchten sich das Studium aus, das ihrer eigenen Persönlichkeit entspreche, inhaltlich wie auch vom Lebensstil her. Dieser aber entsteht nach Ansicht vieler Soziologen weder zufällig, noch ist er völlig frei gewählt. Wie jemand der Welt begegnet, in welcher Gesellschaft er sich wohl fühlt, welchen Beruf und welches Studium er wählt, hängt auch mit der sozialen Herkunft zusammen. Denn je nachdem, in welcher Schicht eine Person aufgewachsen ist, verfügt sie nicht nur über unterschiedliche ökonomische Ressourcen, sondern auch über ein bestimmtes soziales und kulturelles Kapital, einen bestimmten Habitus. Geprägt hat diese Begriffe der französische Soziologe Pierre Bourdieu Anfang der achtziger Jahre. Gerade das verinnerlichte kulturelle Kapital in Form von Wissen und Bildung bestimmt laut Bourdieu, was gefällt und angestrebt wird.

"Das für ihn selbst als richtig empfundene Fach findet ein Abiturient dann, wenn der Habitus des Faches mit seinem persönlichen Habitus zusammenpasst", erklärt Markus Schölling den meist unbewusst ablaufenden Mechanismus bei der Studienentscheidung. Der Assistent am sozialpädagogischen Lehrstuhl der Universität Wuppertal hat empirisch untersucht, welcher Habitus an welcher Fakultät vorherrscht, und dabei festgestellt, dass dieser sich keineswegs auf Manieren und Kleidungsstil beschränkt. Den Fachhabitus könne man in allen Lebensbereichen beobachten - vom Lernstil über die Wohnungseinrichtung bis hin zu dem, was Studenten bevorzugt essen oder wie sie Partnerschaften führen.

Ingenieure ziehen sich nicht extra um

Zum Beispiel die Studenten der Ingenieurwissenschaften: Laut Schölling sind sie meist Kinder aus kulturell und ökonomisch niedrigeren gesellschaftlichen Schichten. Aus diesem Milieu kommen auch die meisten Sozialwissenschaftler. Im Gegensatz zu diesen lernen angehende Ingenieure aber vorwiegend zu Hause, selten in der Bibliothek, gerne in Gruppen. Weitere Ergebnisse der Untersuchung: Wenn sie abends ausgehen, ziehen sich Ingenieurstudenten nicht extra um, die Kleidung bleibt einfach - Hemd, Jeans, kein Gürtel. In ihren Wohnungen gibt es selten mehr als das Nötigste, an den Wänden hängen oft Filmplakate. Beim Essen bevorzugen sie das, was leicht zuzubereiten ist und satt macht, typischerweise Gerichte mit Kartoffeln.

Der Lebensstil von Medizinern oder Juristen sieht anders aus. Ihre Möbel sind zwar in der Regel auch einfach, aber hochwertiger und so ausgesucht, dass sie gut zusammenpassen. Ihre Kleidung richten Mediziner stärker als andere Studenten an der ihrer Professoren aus. Ein weiteres Detail aus Schöllings Studie: Die Partnerschaften von Medizin- und Jurastudenten halten besonders lange. Vor allem künftige Juristen verbringen demnach viel Zeit mit ihrem Partner; überdurchschnittlich häufig studiert sie oder er dabei auch Rechtswissenschaften.

„Kulturelles Kapital“

Anders sei dies bei den Sozialwissenschaftlern, erläutert Schölling. Sie hätten mehr Kontakt mit Kommilitonen anderer Fachrichtungen, ähnlich wie die Ingenieurwissenschaftler. In deren Fakultät sind allerdings auch besonders wenige Frauen anzutreffen, was sich wiederum deutlich auf den Fachhabitus auswirkt. Nicht ohne Grund gebe es das Klischee vom leicht verwirrt dreinblickenden Ingenieurstudenten mit falsch geknöpftem Hemd, sagt der Soziologe. "Diesen Studenten fehlt einfach völlig das kulturelle Kapital."

Heißt das, dass man nicht von seiner Herkunft loskommt? "Man kann es natürlich nicht so einseitig sehen, dass die soziale Herkunft ein Studium absolut vorherbestimmt", schränkt Markus Schölling die These ein. Unter den angehenden Juristen und Medizinern fänden sich auch viele soziale Aufsteiger. Allerdings werde dort der Habitus nach wie vor durch eine bestimmte soziale Klasse geprägt. "Ich habe mir sehr lange und sehr genau überlegt, warum ich Medizin studieren möchte", sagt Florian Deuschl, der zurzeit an der Georg-August-Universität Göttingen promoviert. "Menschen zu Gesundheit zu verhelfen ist eine der schönsten und vielseitigsten Beschäftigungen, die ich mir vorstellen kann", erklärt er seine Fachwahl. Nichtsdestoweniger habe aber auch die Begeisterung seines Vaters für Medizin eine wichtige Rolle dabei gespielt, räumt er ein. Er habe eben schon von klein auf sehr viel über den Arztberuf erfahren.

Wichtig vor der Jura-Vorlesung

Wichtig vor der Jura-Vorlesung

Genau dieser Startvorteil ist für Markus Schölling kaum zu überschätzen. Wenn man nicht aus dem gleichen Milieu komme, müsse man sich anpassen, um sich in einem Fach wohl zu fühlen - sonst fühle man sich schnell fehl am Platz. Äußerst selten sei es deswegen der Fall, dass ein Kind aus einer Ingenieurfamilie beispielsweise Theologie studieren wolle. Dafür fehle in diesen Fällen meist das spezifische kulturelle Kapital, ohne das ein solches Studium sehr mühselig und frustrierend werden könne. Deshalb studieren nach Schöllings Meinung viele Kinder ähnliche, wenn nicht die gleichen Fächer wie ihre Eltern. So werden Fachhabitus und sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben. Schöllings Fazit: "Den Habitus schleppt man mit wie eine zweite Haut."

Feine Unterschiede im Habitus

Das lässt sich belegen. Nach der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft von Abiturienten und ihrer Studienwahl. Kinder aus niedrigeren gesellschaftlichen Schichten wählen eher Fächer wie Sozialwissenschaften, Pädagogik, Psychologie und Ingenieurwissenschaften. Abiturienten aus gehobenen Milieus hingegen bevorzugen Medizin, Physik, Astronomie, Musik, kunst- und medienbezogene Fächer.

Viel gravierender als die Bindung an Fachtraditionen und die mehr oder weniger feinen Unterschiede im Habitus seien jedoch die großen Unterschiede beim ökonomischen Kapital, findet Tino Bargel. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Hochschulforschung an der Universität Konstanz, die untersucht hat, wie viele Studenten in der von ihren Eltern vorgegebenen Fachtradition bleiben. "Viel stärker ausgeprägt sind die sozialen Unterschiede zwischen Studenten mit und ohne akademischen Hintergrund", sagt er. Fast die Hälfte der Studenten habe Eltern, die schon selbst studiert hätten. Kinder aus Arbeiterhaushalten hingegen kämen oft gar nicht aufs Gymnasium. Selbst mit Abitur entschieden sie sich öfter gegen ein Studium als ihre Mitschüler aus akademischen Familien. Im Vergleich dazu hält Bargel die mehr oder weniger feinen Habitusunterschiede für nicht so bedeutsam. "Das unterschiedliche kulturelle Kapital ist eines der kleineren Probleme, die wir an den deutschen Hochschulen haben", relativiert er.

Jede Fakultät hat ihre eigene Chemie

Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Kleider- und Essensordnung der Fächer. "Bei der Studienwahl muss jeder einfach wissen, was er sich einhandelt", betont Stephan Lermer. "Entscheidend ist, wo man hingezogen wird und mit wem man sich vergleichen möchte", sagt der Psychologe. Jede Fakultät habe ihre eigene Chemie. Für beklagenswert hält er dies allerdings nicht. Die einen fänden das geleaste Beetle-Cabrio eben affig, für die anderen sei das rostige Fahrrad etwas für Verlierer. "Das gibt es alles und soll es auch geben. Es ist wie ein großer bunter Zoo. Man muss nur wissen, wo man sich zugehörig fühlt, und sollte nicht blauäugig eine Studienwahl treffen."

Text: F.A.Z., 26.01.2008, Nr. 22 / Seite C8
Bildmaterial: Archiv, F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow, fotolia.com

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