Von Hanno Beck
13. Dezember 2007 Es gibt viele Wege, zu Geld zu kommen: an der Börse spekulieren, Lotto spielen, ins Casino gehen. Doch einer der lukrativsten Wege zu mehr Geld führt nicht über das Börsenparkett oder die Casinotische, sondern über die Schule und die Universität. Wer eine Ausbildung als Investition betrachtet, die sich später in Form höherer Einkommen auszahlt, für den ist die Investition in die eigenen Fähigkeiten renditetechnisch betrachtet mindestens so rentabel wie der Kauf einer Aktie. Jedes Ausbildungsjahr, so rechnen Ökonomen vor, bringt im Schnitt ein um mehr als 8 Prozentpunkte höheres Einkommen - dieser Wert entspricht in etwa der durchschnittlichen erwarteten Rendite am Aktienmarkt.
"Der positive Zusammenhang zwischen Bildung und individuellem Einkommen gehört zu den robustesten Befunden in der gesamten datengestützten Wirtschaftsforschung", sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut, einer der wenigen Experten auf diesem Gebiet. Vereinfacht gesagt liefern die meisten Studien eine einfache Faustregel: Im europäischen Durchschnitt bringt jedes zusätzliche Bildungsjahr ein um 8 Prozentpunkte höheres Einkommen - für Deutschland sind es sogar fast 9 Prozentpunkte.
Qualität, nicht Jahre zählen
Dieser Ansatz, die Rendite einer Ausbildung über die Anzahl der Ausbildungsjahre zu schätzen, hat allerdings gewisse Schwächen. "Für die Höhe des Einkommens ist es nicht entscheidend, wie lange man auf der Schulbank gesessen hat, sondern wie gut die Qualität der Ausbildung ist", gibt Wößmann zu bedenken. Ihm zufolge sind es vor allem die sogenannten kognitiven Basiskompetenzen wie ein mathematisches und naturwissenschaftliches Denken und ein gutes Textverständnis, die sich als echte Renditebringer erweisen.
Betrachtet man die Einkommensentwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg, so zeigt sich, dass der formale Abschluss im Bildungssystem vor allem bei der Einstellung wichtig für das Gehalt ist - wer einen höheren Bildungsabschluss vorweisen kann, bekommt auch ein höheres Einstiegsgehalt. Doch je länger man im Job ist, um so bedeutender wird der Einfluss der tatsächlichen Fähigkeiten, ebenjener kognitiven Basiskompetenzen, auf die Höhe des Gehaltes. "Nach zehn Jahren Erwerbserfahrung wirkt sich auf Ihr Einkommen nur noch das aus, was Sie tatsächlich können, und nicht, wie lange Sie gebraucht haben, diese Fähigkeiten zu erlernen", sagt Wößmann. Mit anderen Worten: Je länger man im Job ist, um so mehr zählt, was man kann, und nicht, welchen Abschluss man hat. Die formale Ausbildung mag also die Eintrittskarte in den besseren Job sein, sie ist aber keine Garantie für ein höheres Einkommen. Das muss sich jeder selbst hart verdienen.
Schwächen des Ertragsgesetzes
Die zweite große Schwäche bei der Berechnung der Bildungsrenditen liegt in einem alten ökonomischen Gesetz, dem sogenannten Ertragsgesetz. Es besagt in seiner bildungspolitischen Variante, dass der zusätzliche Ertrag jedes weiteren Ausbildungsjahres irgendwann abnimmt - wer statt fünf zehn Jahre studiert, sollte nicht unbedingt davon ausgehen, dass sich dann auch der Ertrag seiner Ausbildung entsprechend verdoppelt. Vermutlich wird also nicht jedes Ausbildungsjahr einen Anstieg des Einkommens um acht Prozentpunkte zur Folge haben, sondern die Renditen der einzelnen Ausbildungsjahre werden unterschiedlich sein. Gilt das Ertragsgesetz auch bei Investitionen in Bildung, so bedeutet das, dass vor allem die ersten Jahre einer Ausbildung einen deutlichen Einkommenszuwachs bringen, der sich dann mit steigender Qualifikation abschwächt. Die ersten Ausbildungsjahre sind also die wertvollsten.
Der Bildungsökonom Helmut Wienert hat versucht, diese Unterschiede auszurechnen, und bestätigt die Vermutung. Die ersten Ausbildungsjahre sind in der Tat die lukrativsten. "Wer eine dreijährige Lehre absolviert, kommt im Vergleich zu ungelernten Arbeitskräften auf eine zusätzliche Rendite von 30 bis 50 Prozent", rechnet Wienert vor. Grund für diese Traumrenditen ist vor allem die kurze Ausbildungszeit, die dann aber ein Leben lang einen deutlichen Einkommensvorsprung gegenüber Ungelernten bringt.
Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten unterstützen diesen Befund: Erhöhte man bei Schülern die Anzahl der schulpflichtigen Jahre, so stieg deren Ausbildungsrendite auf rund 15 Prozent. "Die Renditen waren besonders hoch für die bildungsfernen Schichten, die sonst aus dem Schulsystem herausgefallen wären", sagt Wößmann. Das zeigt vor allem eins: Eine gute Bildungspolitik ist möglicherweise die beste und effizienteste Form der Sozialpolitik - und je mehr man diese Bildungspolitik in die Anfangsjahre einer Ausbildungskarriere konzentriert, um so mehr hilft das den Kindern aus sozial schwachen Familien.
Nach oben schmilzt der Reditevorsprung
Je höher allerdings der Bildungsabschluss wird, um so mehr schmilzt der Renditevorsprung gegenüber dem nächstniedrigeren Abschluss: Der Meister kommt laut Wienert im Vergleich zum Lehrling nur noch auf eine Zusatzrendite von 20 bis 30 Prozent, der Absolvent einer Fachhochschule steigert die Rendite seiner Ausbildung gegenüber dem Meister um 10 bis 15 Prozent. Das entspricht der Idee des Ertragsgesetzes: Die Zusatzrendite jedes weiteren Ausbildungsjahres ist zwar positiv, sinkt aber.
Bemerkenswert ist auch der Renditeunterschied, der zwischen einer Fachhochschule und einer Universität besteht: Unterscheidet man bei den Universitätsabsolventen zwischen dem normalen Abschluss - etwa Staatsexamen oder Master - und der Promotion, so beträgt die zusätzliche Ausbildungsrendite eines Universitätsabschlusses gegenüber einer Fachhochschule je nach Berechnung maximal drei Prozent. Erst die Promotion mit einer Zusatzrendite von rund 12 Prozent gegenüber dem einfachen Universitätsabschluss stellt wieder einen Abstand zur FH-Ausbildung her.
Mit Hilfe dieser Berechnungen lassen sich nun auch die Folgen von Studiengebühren ausrechnen: Studiengebühren senken naturgemäß die Rendite eines Studiums, da sie Zusatzkosten der Ausbildung darstellen. Während der Meister in den meisten Fällen die Investition in seine Ausbildung selbst trägt, hatten die Studenten bisher das Privileg, nichts für ihre renditeträchtige Ausbildung zu zahlen - das ist so, als würde man Aktien geschenkt bekommen. Setzt man nun Studiengebühren in Höhe von 500 Euro je Semester an, so sinken die Renditen eines Studiums um 0,5 bis 0,9 Prozentpunkte - das scheint angesichts der hohen Renditen eines Studiums noch erträglich.
Bummeln kann richtig teuer werden
Anders allerdings, wenn man kostenorientierte Sätze für Studiengebühren ansetzt: Sätze von beispielsweise 5000 Euro pro Semester würden zu Renditerückgängen von rund 5 Prozentpunkten führen, was die Attraktivität eines Studiums deutlich beeinträchtigen könnte. Aber selbst dann muss das nicht heißen, dass ein Studium unattraktiv wird. Verkürzt sich durch die Studiengebühren die Studiendauer um ein Jahr - beispielsweise wegen der besseren Ausstattung der Universitäten und der Anreize, schneller fertig zu studieren -, so würde das die Rendite eines Studiums wieder um ein bis 2 Prozentpunkte verbessern. Unabhängig von der Existenz von Studiengebühren zeigt diese Berechnung, dass Bummeln im Studium richtig teuer werden kann.
Doch einen wichtigen Aspekt vernachlässigen all diese Renditeberechnungen: Bildung, so zeigen umfangreiche Studien, geht in der Regel einher mit höherer Gesundheit und Lebenserwartung. Und nicht zu vergessen: Bildung hat auch einen Eigenwert als persönliche Erfahrung - eine Rendite, die keine Aktie bieten kann.
Text: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite C5
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.