Von Jochen Zenthöfer
14. März 2008 So fühlt sich eine Krise an. "Nach meinem Diplom rief ich in Architekturbüros an, die noch junge Mitarbeiter suchten", erzählt Christina Mayer. "Dann erfuhr ich zunächst, dass bis zu 1000 Bewerbungen eingegangen sind. Und dass die Stellen, die zu besetzen waren, unglaublich schlecht bezahlt werden." Auch die Praktika, die sie während des Studiums absolviert hatte, halfen nicht weiter. Fast alle Architekturbüros verkündeten einen Einstellungsstopp oder Stellanabbau, einige mussten sogar schließen. Christina Mayer war 27 Jahre alt, hatte einen Abschluss von der RWTH Aachen - aber für einen Berufseinstieg in Deutschland sah sie keine Chancen.
Zwei Jahre sind seitdem vergangen, verändert hat sich die Situation kaum. Selbst die besten Absolventen suchen lange Zeit nach einer bezahlten Stelle. Unterbezahlt, oft sogar unbezahlt, nehmen sie Praktika an, um doch irgendwie Fuß zu fassen. Nur in wenigen Fällen führte dies zum Erfolg. Dabei ist die Mitarbeit in einem etablierten Büro von existentieller Bedeutung. Denn nur wer - je nach Bundesland - zwei bis drei Jahre fest in einem in die Architektenrolle eingetragenen Büro gearbeitet hat, darf sich später selbständig machen. Als "Architekt im Praktikum" wird diese Zeit oft bezeichnet, erst danach ist man "Architekt" und darf etwa Bauanträge einreichen.
Da geht man lieber ins Ausland
Doch immer weniger junge Architekten gehen tatsächlich diesen Weg. "Architekten sind vielleicht leidensfähiger, was ihren Beruf angeht. Da geht man lieber ins Ausland, als etwas anderes zu machen", sagt Christina Mayer. Die Leidensfähigkeit wird schon im Studium getestet. Regelmäßig müssen bis in die Nachtstunden Modelle gebaut oder Prüfungen vorbereitet werden. Dafür zeugt der Abschluss dann von großer Kompetenz und hoher Einsatzbereitschaft. Im Ausland sind deutsche Diplomanden daher gerne gesehen - wie auch Christina Mayer. In ihrer alten Heimat wurde sie mit ihrem Abschluss mit offenen Armen empfangen, nun ist sie im Denkmalamt von Luxemburg für den Aufbau der Inventarisation zuständig und untersteht direkt der Staatskonservatorin Christiane Steinmetzer. "Ich liebe meine Arbeit", berichtet Mayer. "Eine vergleichbare Stelle in Deutschland zu bekommen, die auch noch ähnlich gut bezahlt wird, das ist undenkbar. Außerdem kann ich hier viele interessante Projekte betreuen und Neues aufbauen." In Luxemburg selbst kann man nicht Architektur studieren, der Nachwuchs geht nach Deutschland oder Frankreich - und kehrt danach gut ausgebildet in das Großherzogtum zurück.
Auf dem deutschen Arbeitsmarkt mag es zu wenige Ingenieure geben, Architekten gibt es zu viele. Die Bevölkerung schrumpft, es werden weniger Häuser gebaut. Zudem hat die ostdeutsche Bausubstanz inzwischen einen hohen Standard erreicht, auch dort wird nicht mehr viel investiert. Die Zahl der Architekturstudenten aber ist deutlich schwächer gesunken als etwa bei den Bauingenieuren. Jetzt fordern die Architektenkammern, die Zahl der Studienplätze drastisch zu reduzieren.
Bauboom nicht zu erwarten
Die Umsätze der Baubranche seien seit den neunziger Jahren um 35 Prozent gesunken, ein Bauboom sei nicht zu erwarten, begründet der Thüringer Kammerpräsident Hartmut Stube diesen Vorschlag. "Wir können nur etwa zehn Prozent der Absolventen aus den Thüringer Hochschulen aufnehmen. Daran wird sich angesichts der Misere in der Branche nichts ändern." Allein die Bauhaus-Universität Weimar verlassen jährlich 200 bis 300 Architekturabsolventen. "Der Beruf scheint so attraktiv, dass die Studenten offenbar die späteren schlechten Aussichten verdrängen", vermutet Stube. Auch Arnold von Storp ist nach seinem Diplom dem deutschen Dilemma entflohen - gen England. Der Dreißigjährige arbeitet jetzt im Londoner Büro von SMC Alsop als "Architectural Assistant", das entspricht dem Status der Architekten in Deutschland, bevor sie sich in die Architektenrolle eintragen können. Nicht nur die schlechten Aussichten in der Heimat, sondern auch seine Neugier und der Wunsch, Auslandserfahrungen zu sammeln, trieben ihn dazu an. Zunächst versuchte er es in Paris und fand dort auch über eine Zeitarbeitsagentur für Architekten eine zunächst befristete, später volle Stelle. Doch das Gehalt war mager. Anders nun in Großbritannien. "Auch hier habe ich den gleichen Weg über eine Agentur beschritten, weil es der schnellste und einfachste war", berichtet er. "Aber auch andere Bewerbungen wurden mit Einladungen zum Interview beantwortet." Sein Gehalt liegt über dem in Deutschland zu erwartenden. "Aber das ist bei den Londoner Lebenshaltungskosten auch berechtigt."
Vier der 30 Kollegen bei SMC Alsop sind Landsleute von Storp. Obwohl London von Architekten aus Deutschland also geradezu wimmelt, möchte er selbst irgendwann nach Deutschland zurückkehren. "Allerdings habe ich schon gehört, dass die Rückkehr nach ein paar Jahren schwerfällt oder wegen der vergleichsweise schlechten Bezahlung immer weiter verschoben wird." In London dagegen seien deutsche Absolventen willkommen. "Die fast sprichwörtliche Zuverlässigkeit und Belastbarkeit, aber auch die gute fachliche Ausbildung tragen dazu bei. Gelegentlich werden natürlich auch Witze über die auffällig vielen Deutschen gemacht, aber zum Glück immer mit einem Augenzwinkern!"
Perspektiven in Osteuropa
Interessante Perspektiven für angehende Architekten aus Deutschland aber bietet seit der Erweiterung der Europäischen Union auch Osteuropa. Jürgen Porsch zum Beispiel hat es nach Bulgarien gezogen. "Nach mehr als 100 erfolglosen Bewerbungen habe ich mich im Internet über Stellen im Ausland informiert", sagt der Absolvent der Universität Karlsruhe. Vor drei Jahren übernahm er zunächst die Bauleitung für die Konstruktion eines Autohauses in Sofia. Bevor das Projekt abgeschlossen war, folgte bereits der nächste Auftrag. Porsch ergriff die Chance, lernte Bulgarisch und baute die kleine Zwei-Mann-Architekturabteilung der Baufirma aus. Inzwischen trägt sie mit "Porsch-Concept" seinen Namen. Sechs Bulgaren haben hier Arbeit gefunden. "Unsere Aufgaben reichen von der Sanierung alter Villen über den Wohnungsneubau, den Industrie- und Gewerbebau bis zu Büroneubauten. Das ist sehr abwechslungsreich", schwärmt Porsch. "Als Deutscher habe ich einen klaren Marktvorteil. Die Kunden gehen davon aus, dass ich pünktlich, genau und verlässlich arbeite." Derzeit zieht es Jürgen Porsch nicht zurück. "Meine berufliche Perspektive liegt in Bulgarien. Es wird viel gebaut in diesem Land - und solange der Laden läuft, werde ich auch in den nächsten fünf Jahren hier zu finden sein."
Doch selbst wenn die Aussichten für Architekten im Ausland besser sind - durchkämpfen muss sich auch dort jeder. Wer sich für den Studiengang entschied, musste schon immer eine hohe Leistungsbereitschaft mitbringen. Denn Architekt zu sein bedeutet viel und lange zu arbeiten. Hinzugekommen ist nun, dass auch eine große Frustrationstoleranz nötig ist. Und welche zusätzlichen Qualifikationen braucht man noch? "Wer später einen Job haben möchte", rät Christina Mayer, "der sollte schon im Studium Fremdsprachen lernen." Es muss ja nicht immer Bulgarisch sein.
Düstere Daten
Text: F.A.Z., 08.03.2008, Nr. 58 / Seite C8
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow