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Studentenjobs

Werbetiger und Versuchskaninchen

Von Anna Loll



Mesut Keskin: U-Bahn-Fahrer und Student. In Frankfurt geht das
18. April 2008 
„Ich mache fast alles“ steht unter dem Foto, auf dem eine blond gefärbte Ulrike dem Besucher des Online-Jobportals für Studenten entgegen lächelt. Fast jeden studentischen Nebenjob macht auch Sebastian Rödig, solange das Geld stimmt und die Arbeit nicht zu langweilig ist. Sich zu Werbezwecken als Tube zu verkleiden oder wildfremde Leute in den Bars der Dortmunder Altstadt zu massieren – damit hat der 27 Jahre alte Student kein Problem. Auch nicht damit, dass manch ein Besucher ihn auf einer Apothekenmesse im vergangenen Jahr ausgelacht hat, als er im Lexikon-Kostüm Werbung machte. „Da fielen schon so Sprüche wie: Wenn du ein bisschen besser in der Schule aufgepasst hättest, müsstest du das jetzt nicht machen!“, erzählt der Psychologie- und Sportstudent heute. Meistens habe er daraufhin einfach nur gelächelt. Wenn er gesagt habe, dass er studiere, hätten ihm das sowieso nicht viele geglaubt. „Da muss man drüber stehen“, findet er.

Mit solch einem dicken Fell ist Rödig unter den vielen Arbeit suchenden Studenten eher eine Ausnahme. Zwar sind nach einer Studie des Deutschen Studentenwerks 66 Prozent aller Studenten im Erststudium während der Vorlesungszeit erwerbstätig, etwa genauso viele jobben in den Semesterferien; 36 Prozent verdienen sowohl während des Semesters als auch in den Pausen Geld, nur 28 Prozent kommen demnach ganz ohne Job aus. Aber nach den Erfahrungen von Thomas Schindler, dem Geschäftsführer der Studentenjobvermittlung Jobcafe, ist die Mehrheit der Studenten bei der Arbeitssuche durchaus wählerisch. Im Jahr vermitteln er und sein Team in Hamburg und München 20.000 Studenten zumindest vorübergehend eine Stelle. Besonders beliebt seien Jobs in der Medienwelt, berichtet Schindler. Auch als Dolmetscherin zu arbeiten, sei für mehrsprachige Studenten attraktiv, Medizinstudenten seien an Jobs auf Ärztekongressen interessiert. Wenn es aber um Telefonmarketing gehe, könne er die offenen Stellen kaum besetzen – erst recht nicht, wenn die Bezahlung auf Provisionsbasis erfolge. Noch unbeliebter seien Putzjobs. Hin und wieder melde sich eine Studentin aus Osteuropa dafür, sonst kaum jemand.

Blaue Flecken, flaue Gefühle, Frustpotential

Als Putzfrau hat Djamila Rempel noch nicht gejobbt. Aber sie hatte einen Wunsch: Unbedingt wollte die neunundzwanzigjährige Studentin der Erziehungswissenschaften nach Buenos Aires fliegen. Mit einem Sohn und 140 Euro Bafög im Monat ein Wunsch aus dem Reich der Utopie – umso mehr lockte das Geld, mit dem für die Teilnahme an einem Test für ein Unterleibsmedikament geworben wurde. Schnell war die Entscheidung für die ungewöhnliche Nebentätigkeit gefallen. Über die Risiken, den der Test für sie bedeutete, habe sie sich anfangs keine Gedanken gemacht. „Meine Freundin nahm daran auch teil. Ich habe mir nicht überlegt, ob mir das groß schaden könnte“, sagt Rempe

Sie bekam wie die anderen Teilnehmerinnen eine Spritze. Zwei Monate ging sie jeden zweiten Tag zur Untersuchung, jedes Mal wurde Blut abgenommen. „Ich hatte ständig blaue Flecken und Einstichstellen an den Armen. Freunde und Bekannte haben schon ganz schön komisch geguckt.“ Fünf Monate dauerte der Test insgesamt. Dann erhielt Rempel 2300 Euro. Schmerzen hatte sie keine. Als aber ihre Freundin welche bekam, wurde ihr im Nachhinein doch etwas unwohl. Allerdings auch nur ein bisschen. Sie würde so einen Job wieder machen. „Ist man einigermaßen fit, steckt man das schon weg“, sagt sie. Wenn sie den ganzen Tag im Café stehe, sei das ebenso belastend – und dafür bekäme sie dann nur 42 Euro. Nach Argentinien wäre sie so nie gekommen. „Der Job hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es war sogar noch Geld übrig!“

So gut hat das pragmatische Geldverdienen bei Julia Kreutziger nicht funktioniert. Im Grundstudium bot die Sozialwissenschaftsstudentin Zeitungsabos in Berliner Szenebezirken feil. Ihr Vorgänger war zufrieden mit dem Nebenjob, mehrere hundert Euro verdiente er im Monat. Bei Kreutziger waren es gerade mal 100 Euro in zwei Wochen - bei einer Arbeitszeit von knapp dreißig Stunden ein Stundenlohn von nur rund 3 Euro. „Es war der kürzeste Studentenjob, den ich je hatte“, sagt Kreutziger. „Zu wissen, dass man andere nervt, damit konnte ich gar nicht umgehen.“ Ständig habe sie sich vorgestellt, bei welchem Gespräch sie turtelnde Pärchen oder tuschelnde Freundinnen gerade störe. Vor allem, wenn sie schon die vierte Abonnementverkäuferin am Abend war, die durch die Kneipe ging. „Das war nichts für mich.“ Das Frustpotential sei einfach zu hoch gewesen. Nach zwei Wochen kündigte sie. Richtig erleichtert sei sie danach gewesen.

Selbstbewusstsein und gute Laune als Rettungsanker

Manchmal bringt es aber auch etwas, die eigenen Vorbehalte zu überwinden. Das findet zumindest Nicole Kramer. Sechseinhalb Jahre arbeitete sie im Abonnentenservice eines Berliner Zeitungsverlags. „Es war eine wertvolle Erfahrung für mein jetziges Berufsleben“, sagt die 31 Jahre alte Frau, die jetzt bei einem Bildungsträger in der Hauptstadt angestellt ist. Der Lerneffekt habe sich vor allem durch die Bewältigung negativer Erfahrungen eingestellt: Der Abteilungsleiter sei schrecklich gewesen. Anstatt über Motivation zu führen, habe er auf Sanktionen gesetzt. Außerdem sei der Druck immer größer geworden, die Quantität wichtiger als die Qualität. Schon als Studentin gelernt zu haben, damit umzugehen, das hält Kramer im Nachhinein für sehr nützlich. Es sei auch eine gute Übung gewesen, manchmal als das kleine Telefondummchen behandelt zu werden. „Für die soziale Kompetenz ist das eine gute Reifeprüfung

Ähnlich sieht es Sebastian Rödig. „Man lernt, mit anderen Leuten und mit sich selbst umzugehen“, sagt er. Manchmal mache ihm sein Job zudem richtig Spaß. Auf der Loveparade etwa habe er einmal für einen Kondomhersteller geworben, nur mit einer Badehose bekleidet und als Tiger angemalt, da sei er einen Tag lang fast so etwas wie ein Star gewesen „Ich stand die ganze Zeit im Mittelpunkt. Das war schon ein sehr schöner Höhenflug Dass solche Jobs oft als eine Abwertung der Person gesehen würden, kann Rödig zwar verstehen, aber nicht wirklich selbst nachvollziehen. Man müsse allerdings ein sehr gesundes Selbstbewusstsein und ein gutes Maß an Extrovertiertheit dafür mitbringen. Schwierig sei es aber manchmal auch für ihn – wenn einmal die Laune nicht gut genug, die Selbstsicherheit nicht stark genug sei, um abfällige Bemerkungen aufzufangen. „Aber dann mache ich eine Pause und es geht schon wieder.“

Wie Studenten sich versichern sollten und welche steuerlichen Regeln für sie gelten, wenn sie neben dem Studium Geld verdienen, hat das Deutsche Studentenwerk auf seiner Homepage zusammengefasst: www.studentenwerke.de

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
 
 
   
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