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| Frühstudenten werden gefördert: hier im physikalisch-chemischen Labor der Universität Oldenburg |
25. Februar 2008
Vielleicht ist es doch schöner, mal wieder ein bisschen mehr Sport zu treiben und Freunde zu sehen. Alexandra Donk, 16 Jahre alt, muss sich dieser Tage überlegen, ob sie einfach weiter die elfte Klasse an der Frankfurter Wöhlerschule besucht – oder dazu ein zweites Semester Mathematik an der Goethe-Universität studiert. Ihren ersten Schein hat sie geschafft, mit hoch erfreulichem“ Ergebnis, wie ihr Professor Anton Wakolbinger sagt. Über dessen Betreuung war Alexandra hoch erfreut – überhaupt scheinen die Hochschullehrer und ihre jüngsten Studenten sich meist hervorragend zu verstehen.
Auch wenn sich Alexandra zuweilen vorkam wie in einer Parallelwelt“: Hier die Schulkameraden, die es kaum mitbekamen, dass sie ab und an fehlte, dort die Kommilitonen, die erst, als der Professor sie darauf aufmerksam gemacht hatte, bemerkten, dass sie noch Schülerin ist. Eine Erfahrung, die von fast allen Schülerstudenten geteilt wird: Einen Streberstempel“ tragen sie nicht auf der Stirn – aber ein bisschen anders sind sie doch.
Mathematik und Naturwissenschaften besonders beliebt
Gut 1000 Schüler der Jahrgangsstufen zehn bis 13 studieren in Deutschland, auch im Rhein-Main-Gebiet. Nicht nur Hochbegabte, die, wie Ulrike Helbig von der Studienberatung an der Universität Frankfurt sagt, Hunger im Gehirn“ haben, der von Schule und Elternhaus einfach nicht gestillt werden kann. Auch besonders motivierte Schüler oder solche mit einer Spezialbegabung sind den Unis willkommen – vorausgesetzt, Eltern und Schule sind einverstanden, die Begabung ist durch ein psychologisches Gutachten und Zeugnisse oder Wettbewerbe belegt und die schulischen Leistungen werden nicht gefährdet.
Mathematik und Naturwissenschaften sind besonders beliebt bei jenen, die schon vor dem Abitur Uni-Luft schnuppern: Nicht von ungefähr war der Wunsch, mehr junge Leute für diese Fächer zu interessieren, ein wichtiger Grund für die Einführung des Frühstudiums. Waren Schüler im Hörsaal früher exotische Ausnahmen, erlaubt das Hessische Hochschulgesetz seit 2004 den Universitäten, sie schon vor der Hochschulreife studieren und auch Prüfungen ablegen zu lassen. Während Marburg auf Kooperationen mit Schulen setzt und in Darmstadt und Gießen das Schülerstudium prinzipiell“ möglich ist, faktisch aber kaum genutzt wird, setzen Frankfurt und das rheinland-pfälzische Mainz auf spezielle Angebote.
In Frankfurt etwa vermittelt Beraterin Helbig den Schülern Tutoren in geeigneten Fächern. Diese suchen mit ihnen Veranstaltungen aus, die zu ihren Interessen und Schulstunden passen. Denn auch wenn die Schulen sie zeitweise freistellen, müssen doch alle Schularbeiten und Prüfungen erledigt werden. Besser also, es fallen weniger arbeitsintensive Fächer aus oder es werden Tutorien besucht, die in die Freizeit fallen.
Anders lernen als in der Schule
In den Fehlzeiten und in der Notengebung sieht Volker Bach, Mathematikprofessor und in Mainz bis vor kurzem für das strukturierte Frühstudium verantwortlich, auch Hürden. Und wenn musische oder sportliche Aktivitäten zu kurz kommen, rät er, die Spezialisierung der Erwachsenenwelt nicht schon vorzuziehen“. Bei kippenden Noten solle das Schülerstudium aufgegeben werden, denn auch wenn es nur um ein, zwei Veranstaltungen in der Woche gehe, müsse das dort Gelehrte zusätzlich zum Oberstufenstoff bewältigt werden. Nichtsdestotrotz bestätigt Bach den Eindruck der meisten Betreuer von Frühstudenten: Sie seien typischerweise engagiert und sehr aktiv“. Besonders gut, sagt Ulrike Helbig, seien sie alle. Mehr noch: Die Schüler heben das Niveau und ziehen die anderen mit.“
In Frankfurt gab es im Wintersemester 23 Schülerstudenten, an der Universität Mainz sind es derzeit zwölf – in einem speziellen Programm, das mit Sondermitteln des Landes seit 2004 gefördert wird. Besonders betreut werden Schülerstudenten in Mathematik, Chemie oder Volkswirtschaft, andere Fächer bieten keine spezielle Begleitung. Die Wiesbadenerin Thyra Wegener, 19 Jahre alt und mitten in den Abiturvorbereitungen, studiert schon im dritten Semester Volkswirtschaftslehre in Mainz. Ein Superangebot“, findet sie, zumal es einen extra Mathematikkursus nur für sie und einen Schülerkommilitonen gab. Was ihr dort beigebracht wurde, lernen ihre Schulkameraden erst jetzt; sie hat mittlerweile zwei Statistik-Vorlesungen besucht und einen Schein gemacht. Es war eine gute Gelegenheit, meine Interessen zu festigen“, sagt sie.
Das findet auch der 18 Jahre alte Johannes Dessoy, der Geschichte, Chemie und dann wieder Geschichte belegte – aus Neigung und um seine Studienwahl besser zu begründen. Wie die meisten Schüler, die durchhalten, hat er keine negativen, eher günstige Einflüsse auf seine Schulleistungen gespürt. Ich lerne gelassener und gezielter auf das Abitur“, sagt auch Thyra Wegener. Für sie ist es eine gute Erfahrung, dass man anders lernen könne als in der Schule. Niels Dehio, 19 Jahre alt und Abiturient an der Otto-Hahn-Schule in Hanau, hat seinen ersten Mathematik-Schein in Frankfurt erworben. Die wöchentlichen Hausaufgaben hat er in Teamarbeit erledigt, eine neue Erfahrung für ihn. Ohne Lerngruppe hätte ich wohl nicht durchgehalten“, sagt er.
Studiengebühren werden nicht fällig
In Mainz sind die Schülerstudenten regelrecht eingeschrieben, in Frankfurt nicht. Studiengebühren aber werden an keiner Hochschule fällig; die schon erbrachten Leistungen werden, zumindest dort, anerkannt. Die Universitäten versprechen sich davon auch, dass die besonders begabten Abiturienten wiederkommen. Niels Dehio etwa kann sich ein Doppelstudium vorstellen: Mathematik und Informatik – und, mal sehen, vielleicht ja in Frankfurt.