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Studium in Indien

Viel gelernt in Ahmedabad

Kleidervorschriften, Handyverbot, Tortenschlachten und High-Tech-Wissenschaft. Studieren in Indien ist ein Abenteuer für Deutsche. Die Erfahrungen, die sie dort sammeln, sind so extrem wie das Land selbst.

Studium in Indien: Viel gelernt in Ahmedabad

14. November 2006 

Aufstrebende Wirtschaftsmacht, moderne Technologienation, Entwicklungsland und zugleich einer der ärmsten Staaten der Welt. Diese extremen Unterschiede Indiens zeigen sich auch an den Hochschulen des Landes. Da gibt es noble Privatuniversitäten und altmodische, einfache Colleges. Das Indian Institute of Technology in Neu-Delhi etwa belegt Platz 41 auf der Weltrangliste der besten Universitäten, und auch das Indian Institute of Science in Bangalore oder die University of Colcatta schafften es auf die Liste der 200 besten Universitäten der Welt. An den 300 Hochschulen des Landes studieren rund 7,5 Millionen junge Leute - unter ihnen jährlich fast 15 000 Ausländer.

"Good morning, Ma'am!" ruft ein müder Chor von Mädchenstimmen der Dozentin an der Universität von Bangalore entgegen. Diese setzt sich, verliest die Namen aller 65 Studentinnen und malt Häkchen ins Klassenbuch, sobald eines der Mädchen mit einem lauten und deutlichen "Yes, Ma'am!" antwortet. Doch fast ein Drittel der Schülerinnen fehlt heute morgen. Nun beginnt sie, langsam aus einem Lehrbuch vorzulesen. Vierzig Mädchenhände schreiben brav jedes einzelne Wort mit. Die Lehrerin diktiert auch die Kommas und gibt an, welche Teile des Textes unterstrichen werden sollen. Um 13 Uhr ist der Unterricht zu Ende. Die Mädchen dürfen den Campus verlassen. In der Zeit zwischen acht und eins wird der Ausgang von einem Sicherheitsbeamten bewacht. Nur mit einer von der Direktorin unterschriebenen Entschuldigung können die Studentinnen des Jyothi Nivas Colleges auch einmal früher gehen.

Strenge Sozialkontrolle

Anwesenheitspflicht, absolutes Handyverbot und konservative Kleidungsvorschriften - was für deutsche Studenten altmodisch und unwirklich klingen mag, war für Daniela Schwarz Unialltag. Die 23 Jahre alte Deutsche aus dem sächsischen Glauchau hat ihr Studium der Psychologie, Soziologie und Englischen Literatur an der University of Bangalore mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Heute denkt sie ungern an die langweiligen, wenig anspruchsvollen Unterrichtsstunden zurück, auch wenn sie viel Verständnis für die indische Kultur zeigt und erklären kann, warum die Regeln an ihrem College so streng waren: "Inder ziehen ihre Kinder sehr behütet auf. Wenn die Eltern nicht mehr aufpassen können, dann muß es eben das College tun." Ständig sei sie überwacht worden mit der genauen Anweisung, wann man aufstehen darf, wann man sitzen, reden oder schweigen sollte. "Sie schreiben vor, was wir anziehen dürfen, wann wir essen sollen, was man alles nicht darf, und sogar, was man in den Prüfungen zu schreiben hat", erinnert sich die junge Sächsin.

Nicht zwangsläufig bleibt dabei Spaßiges auf der Strecke: Mädchen lachen, und Jungs applaudieren beispielsweise, als Tobias seiner Kommilitonin Daniela eine grellbunte, klebrige Torte ins Gesicht klatscht. Das Geburtstagskind kreischt vor Freude und hält strahlend eine rührselige Dankesrede auf ihre Freunde und Mitstudenten, die alle heute zu ihrer Feier im Mädchen-Haus erschienen sind. Sowohl Torte als auch Rede sind Teil einer indischen Tradition, an die sich Tobias Hesse immer gerne erinnert, wenn er an sein Trimester am Indian Institute for Management (IIM) in Ahmedabad zurückdenkt. Der 22 Jahre alte Wirtschaftsstudent der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz hat besonders das Zusammenleben mit den indischen Kommilitonen auf dem Campus genossen. "Ich habe mich auch als Austauschstudent integriert gefühlt", berichtet er. Wichtig war ihm die gute und enge Gemeinschaft. "Es war sehr schön, zu wissen, daß man aufeinander aufpaßt. Wenn mal jemand krank wurde, haben ihn immer mindestens zwei andere aus dem Haus zum Arzt begleitet." Zu einigen indischen Kommilitonen aus dem MBA-Programm am IIM hat Tobias heute noch Kontakt.

Stets in die Studenten-Gemeinschaft eingebunden

Auch in den Seminaren war er stets in die Studenten-Gemeinschaft eingebunden. "Man spürt hier zwar eine gewisse Konkurrenz, aber das würde nie so weit gehen, daß man sich nicht jederzeit bereitwillig gegenseitig helfen würde." Vorlesungen hat er während seiner drei Monate in Ahmedabad kaum besucht, statt dessen wurde intensiver Unterricht in kleinen Gruppen geboten. "Das IIM ist sehr international ausgelegt, und der Lehrstil ist recht amerikanisiert. Ich habe fachlich sehr viel gelernt, und ich hatte das Glück, bei äußerst qualifizierten, international erfahrenen und sehr guten Lehrkräften studieren zu können." Die unterschiedlichen Erfahrungen, die Daniela und Tobias während ihres Studiums in Indien gesammelt haben, zeigen deutlich: Es kommt sehr darauf an, an welcher indischen Universität man studiert. An modernen und teuren Hochschulen wie dem IIM oder dem Indian Institute of Technologie (IIT) ist das Studentenleben bunt, angenehm und vor allen Dingen sehr westlich. Internationale Standards, was Lehre, Forschung und auch Unterbringung der Studenten betrifft, werden oft sogar übertroffen. Bei gewöhnlichen indischen Hochschulen wie der University of Bangalore ist eher das Gegenteil der Fall.

Im Vorteil ist, wer wie Tobias das Glück hat, Teilnehmer eines Austauschprogramms der heimischen Universität zu sein. Denn er kann an der Partneruniversität seiner Hochschule studieren. Solche Universitäten, die Partnerschaften mit Hochschulen unterhalten, gibt es viele. Besonders für Studierende der BWL und VWL ist das Angebot groß. Sinnvoll ist es dennoch, die Heimatuniversität als erste Anlaufstelle bei der Suche nach einem Austauschprogramm aufzusuchen. Im Normalfall kommen die Studenten dann an einer indischen Eliteuniversität unter. Gibt es jedoch keine festen Partneruniversitäten, bieten die Akademischen Auslandsämter der Hochschulen Hilfe bei der Suche nach einem Studienplatz. Jedem, der die Voraussetzungen für ein Hochschulstudium in seinem Heimatland erfüllt, stehen indische Unis offen. Allerdings werden weder im medizinischen Bereich noch in den technischen Disziplinen Studienanfänger aufgenommen.

Keine Austauschprogramme für Juristen

Prinzipiell ist es auch möglich, einen Aufenthalt in Indien auf eigene Faust zu organisieren. Einfach sei das aber nicht, weiß Oliver-Sascha Hartmann aus eigener Erfahrung. Der Jurist suchte vor einem Jahr nach einer geeigneten indischen Universität, um dort für seine Dissertation über das Thema "Markenrecht in Indien" zu forschen. Dabei stellte er fest, daß es bislang keinerlei Austauschprogramme für junge Juristen gibt. "Ich hatte damals große Schwierigkeiten mit der Organisation und Planung meines Forschungsaufenthaltes. Es fehlten einfach die richtigen Kontakte." Dem Berliner gelang es schließlich, für ein Jahr an der University of Mumbai zu arbeiten. Um anderen die Organisation ihrer Indien-Reise zu erleichtern, gründete er nach seiner Rückkehr den Verein "InDe-Network". Mit dem Netzwerk möchte er zwischen deutschen und indischen Akademikern für einen regen Austausch sorgen. Ein Blick auf die Website www.inde-network.eu kann für Interessierte sehr lohnend sein. Informationen bietet auch die Internetseite www.india-law.eu.

Sinnvoll ist eine frühe Planung des Auslandsaufenthaltes. Der aufwendige Bewerbungsprozeß um einen Studienplatz sollte mindestens ein Jahr vorher eingeleitet werden, denn der Weg durch die indische Bürokratie kann lang und beschwerlich sein. Lohnenswert sind die Mühen aber allemal: "In beruflicher Hinsicht kann jeder nur davon profitieren, wenn sein Lebenslauf davon zeugt, daß er sich eingehend mit einer völlig fremden Kultur auseinandergesetzt hat und daß er anpassungsfähig und aufgeschlossen ist", sagt Oliver-Sascha Hartmann. "Und auch für die persönliche Entwicklung ist eine Reise nach Indien eine Bereicherung."

Text: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite C8
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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