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| Erst studieren, dann zahlen |
30. Mai 2007
Fürs Studium einen Kredit aufnehmen? Was früher undenkbar war, nutzen immer mehr angehende Akademiker: 78.000 Studenten haben nach Angaben des Gütersloher Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) einen Darlehensvertrag zur Deckung ihrer Lebenshaltungskosten unterzeichnet. Angesichts von rund 2 Millionen eingeschriebenen Hochschülern in Deutschland erscheint diese Zahl nicht allzu groß. Vor zwei Jahren gab es für Studentendarlehen aber praktisch gar keinen Markt. Nun zieht die Nachfrage deutlich an, seit fünf Bundesländer (Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg) allgemeine Studiengebühren von bis zu 500 Euro eingeführt haben.
Warum kann es sinnvoll sein, während der Studienzeit einen Kredit aufzunehmen? Ist das nicht äußerst riskant? Viele Studenten fürchten, nach dem Abschluss mit einigen tausend Euro überschuldet zu sein, dann jahrelang mit Zinsen und Tilgung zu kämpfen. Doch es gibt auch gute Argumente, warum ein Kredit aus Sicht der Studenten durchaus vorteilhaft sein mag: Wenn sie nebenher arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, zieht sich das Studium lange hin, erklärt CHE-Projektleiter Ulrich Müller, da kann es durchaus lohnen, einen Kredit aufzunehmen und die Studienzeit dadurch zu verkürzen. Besonders in der Endphase des Studiums, wenn alle Energie auf die Prüfungen zu konzentrieren ist, sei diese Option überlegenswert, zumal die Zinsen, verglichen mit einem gewöhnlichen Konsumkredit, eher moderat sind, sagt Müller.
Zielgruppe der Banken
Angehende Akademiker gelten den Banken als interessante Zielgruppe, die sie mit günstigen Angeboten frühzeitig an sich binden wollen. Einer der Pioniere auf dem Markt für Studiendarlehen war vor anderthalb Jahren die Deutsche Bank, die mittlerweile 7800 Kreditverträge über monatlich maximal 800 Euro abgeschlossen hat. Vergangenes Jahr hat die KfW-Förderbank ein stark beworbenes Studienkreditprogramm aufgelegt. 23.000 Studenten haben inzwischen den Vertrag unterzeichnet. Die Tochter der staatseigenen KfW Bankengruppe, die nicht streng gewinnmaximierend arbeitet, ist damit klarer Marktführer geworden.
Das günstigste Angebot
Das günstigste Angebot hat die KfW-Förderbank aber nicht. Im CHE-Vergleich von 38 Studienkrediten landet sie, was Kosten und Flexibilität angeht, nur im Mittelfeld. Der Zinssatz der KfW für einen Kredit von monatlichen 100 bis 650 Euro beträgt gegenwärtig 6,34 Prozent; bei der Deutschen Kreditbank zahlen Studenten maximal 5,02 Prozent. Auch die Deutsche Bank und die Dresdner Bank sind mit 5,9 bzw. 5,89 Prozent etwas günstiger - allerdings steigt ihr Zins in der Rückzahlungsphase auf bis zu 8,92 beziehungsweise 8,89 Prozent deutlich an, während die KfW-Förderbank weiterhin nur 6,34 Prozent Zinsen verlangt. Zudem dürfen sich Studenten nach Abschluss ihres Studiums bei der KfW-Förderbank bis zu 23 Monate Zeit lassen, bevor sie mit der Rückzahlung beginnen; die Deutsche Bank und die Dresdner Bank gewähren nur zwölf Monate Schonfrist. Insgesamt lässt sich die Tilgung über zwölf Jahre (Dresdner Bank), 15 Jahre (Deutsche Bank) oder 25 Jahre strecken (KfW-Förderbank).
Spitze in der kleinen Nische
Vergleichen lohnt sich: Neben den großen Banken, die etwa die Hälfte des Marktes beherrschen, tummeln sich zahlreiche kleinere Anbieter für Studienkredite - und lokale Banken wie die Sparkasse Herford oder die Stadtsparkasse Leipzig sind in der CHE-Studie in die Spitzengruppe gelangt. In allen Kategorien wie Zugang, Elternunabhängigkeit, Kosten, Risikobegrenzung und Flexibilität liegen sie im obersten Drittel. Unter Risikobegrenzung verstehen das CHE die Möglichkeit, die Rückzahlung des Kredits im Falle von Arbeitslosigkeit aussetzen zu können. Auch eine vertragliche Deckelung der Zinsen begrenzt das Risiko für den Kreditnehmer. Die Angebote der KfW-Förderbank, der Deutschen Bank und der Dresdner Bank bewegen sich in dieser Kategorie nur im Mittelfeld.
Bevor Studenten einen Kredit aufnehmen, sollten sie aber auf jeden Fall die Leistungen nach dem Bundesaufbildungsföderungsgesetz (Bafög) ausschöpfen, rät CHE-Projektleiter Müller. Rund 500.000 Studenten erhalten derzeit diese seit fünfzig Jahren bestehende staatliche Studienfinanzierung, die zur Hälfte als Zuschuss, zur Hälfte als zinsloses Dahrlehen gewährt wird. Die Förderhöhe, die von der Familiensituation abhängt, betrug vergangenes Jahr durchschnittlich 375 Euro.
Mehr als Bafög
Zusätzlich zum Bafög bieten jene Bundesländer, die allgemeine Studiengebühren eingeführt haben, über die staatlichen Landesbanken spezielle Darlehen, die gleich mit der Einschreibung beantragt werden können. Der Semesterbeitrag wird dann direkt an die Hochschule überwiesen. Die Zinsen liegen zwischen 5,9 Prozent in Nordrhein-Westfalen und 7,2 Prozent in Baden-Württemberg. Zu tilgen sind die Landesbank-Darlehen erst, wenn die fertigen Akademiker eine bestimmte Einkommensgrenze, etwa 1000 Euro für Alleinstehende, überschreiten. Die Rückzahlungsobergrenze beträgt maximal 10.000 Euro in NRW und maximal 17.000 Euro in Baden-Württemberg - der Rest wird erlassen.