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Soziologie-Rangliste

Durchschnittlich herrscht Mittelmaß

Von Jürgen Kaube



Osnabrücker Malaise: Mehr als die Hälfte der dortigen Soziologen fiel durch
22. April 2008 
Die Frage, ob ein Wissenschaftler oder ein Forschungsinstitut etwas taugt, ist lange Zeit relativ einfach beantwortet worden. Die anderen Wissenschaftler haben es beurteilt: durch Respektsbekundungen in Form von Lektüren und Zitaten, der Zuschreibung von Autorität oder Einladungen und durch ihre Bewerbungen an den jeweiligen Orten oder durch den Verzicht darauf. Und der Nachwuchs hat es beurteilt, durch Migration.

Seit einigen Jahren macht sich aber der Glaube breit, wenn man die Bewertung von Forschung nur geschickt einrichte, dann lasse sich wissenschaftliche Bedeutsamkeit gewissermaßen errechnen, in Zahlen ausdrücken und in formalen Verfahren stabil ermitteln. Diesem Glauben ist jetzt mit dem Wissenschaftsrat auch das prominenteste Beratungsgremium der deutschen Wissenschaftspolitik gefolgt. Er hat zwei „Pilotstudien“ für ein sogenanntes Forschungsrating von ganzen Fächern vorgelegt. Betroffen waren die Fächer Chemie und Soziologie.

Zensuren und Durchschnitte

Mannheimer Exzellenz: Hartmut Esser, der Autor des dicksten Soziologie-Lehrwerks

Nach den Befunden über die Chemie sind jetzt die Ergebnisse der Soziologie-Bewertung vorgelegt worden. Auch hier sollte erprobt werden, ob ein Verfahren sinnvoll ist, bei dem eine Kommission zusammentritt, um Leistungen solcher Fächer, aufgeschlüsselt nach Universitäten und außeruniversitären Instituten, nicht allein aufgrund quantitativer Befunde - Publikationsleistung, Zitationshäufigkeit, Drittmittelaufkommen - zu beurteilen. Was der Wissenschaftsrat darüber hinaus gemacht hat: Er hat Publikationen der zur Beurteilung anstehenden Forscher angefordert, ihnen Fragebögen zugeschickt, um alle möglichen Informationen über sie zu gewinnen, außerdem jene quantitativen Indikatoren gewürdigt und dann eine Note vergeben.

Anders als beim „Ranking“ wurde beim „Rating“ Wert darauf gelegt, keine Ranglisten zu erzeugen. Aber man hat trotzdem Zensuren erteilt und Durchschnitte ausgerechnet, weshalb sich jetzt die Soziologie in Mannheim als durchschnittlich exzellent feiern darf, die an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ebenso wie die in München und Düsseldorf jetzt mit vier von fünf möglichen Forschungsqualitätspunkten dasteht, während die Soziologie an den Universitäten Kiel, Dortmund und Osnabrück das Schlusslicht einer eben doch entstandenen Tabelle bilden.

Undifferenziert exzellent

Aussagekräftig sind solche Zahlen allerdings nicht. Denn in Frankfurt/Oder gibt es überhaupt nur zwei Soziologen, von denen nur einer am Rating teilgenommen hat. Die Universität Mannheim erhält ein „exzellent“ für ihre Forschungsqualität, dann aber kommt eine Fußnote, in der steht, durch ihre Entscheidung, alle Lehrstühle - es sind sieben Stück - zu einer einzigen Forschungseinheit zusammenzufassen, sei „eine differenzierte Bewertung der Forschungsqualität nicht möglich“. Aha, undifferenziert exzellent also ist die Mannheimer Soziologie!? An der Freien Universität Berlin wiederum feiert deren Präsident Dieter Lenzen per Pressemitteilung das Abschneiden der dortigen Makrosoziologie, obwohl er doch weiß, dass er selbst die Soziologie als Fach an seiner Hochschule auf den Aussterbeteat gesetzt hat.

Solchem Missbrauch des Verfahrens leistet der Wissenschaftsrat Vorschub, weil er unter dem Titel „Bewertung von Forschungseinheiten“ behauptet, eine Disziplin analysiert zu haben, tatsächlich aber Urteile über einzelne Lehrstühle abgibt. Eine „Forschungseinheit“ bestand, laut Mitteilung des Rats, im Durchschnitt aus 1,5 Professoren; drei Viertel der Selbstbeschreibungen als Forschungseinheit bezogen sich auf eine einzige Professur - so viel auch zur Sozialität der Soziologen. Aus Datenschutzgründen habe man die Beurteilungen anonymisiert veröffentlichen müssen. Wer aber nur ein wenig zum Freizeitvergnügen Soziologie liest, dem wird es leichtfallen herauszufinden, wem wohl in Bamberg Exzellenz zugesprochen wurde - Glückwunsch, Herr Blossfeldt! - und wer die Kandidaten für das „nicht befriedigend“ in Frankfurt oder Trier sind. Herumsprechen wird es sich sowieso.

Erstaunliche Gesichtspunkte

Schaut man sich die Kriterienkataloge an, die für das Urteil maßgeblich waren, so findet man erstaunliche Gesichtspunkte. Die „Ämter in anderen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien“ etwa waren der Kommission ein qualitativer Indikator für „Impact/Effektivität“, zu deutsch: für den Beitrag der jeweiligen wissenschaftlichen Einrichtung zur disziplinären Entwicklung. Auch „Ämter außerhalb der Wissenschaft“ wurden gewürdigt, aber nicht als Grund entgangener Lesezeit, sondern als Hinweis auf „Transfer in andere gesellschaftliche Bereiche“. Die Zahl an abgeschlossenen Dissertationen und Promotionsstipendien schlug bei Nachwuchsförderung positiv zu Buche, als wäre ein Professor, der mehr als fünf, sechs Doktoranden hat, noch dazu in der Lage, sie wirklich zu betreuen. Anstatt den Wachstumsunfug - mehr Promotionen, mehr Publikationen, mehr Ämter, mehr Zeitschriften und so weiter - soziologisch zu durchschauen, befördert ihn der Wissenschaftsrat also noch. Dabei könnte er ja wissen, welche Art von Forschung, welche Art von Universität und welche Berufsauffassung des Personals damit begünstigt wird.

Was die Ergebnisse des „Ratings“ angeht, so werden sie so zusammengefasst: Die Soziologie gibt sich selbst als Durchschnittsnote ein schwaches „gut“. Das Gros der Forschung wird dabei von wenigen Einrichtungen getragen. Wenn von 21 Universitäten in fünf Jahren kein einziger Erstberufener auf einen Lehrstuhl hervorgebracht worden ist, handelt es sich dort tatsächlich wohl nicht um forschungsnahe Soziologie. Für die Profilbildung deutscher Universitäten ist das ebenso eine Information wie für womöglich anstehende Schließungsüberlegungen. „Halt“, werden die Evaluierer sagen, „so haben wir das doch nicht gemeint!“ Aber dann wird man sie nach den Folgen fragen dürfen, die das aufwendige Bewertungsspielchen haben soll. Was fängt Mannheim jetzt mit der Mitteilung an, dass ihre Soziologen exzellent sind, aber nur unterdurchschnittlich beim „Transfer in andere gesellschaftliche Bereiche“, wohingegen man in Halle zwar im Durchschnitt nur befriedigend forscht, dafür aber bei Transfer dieser weniger als guten Forschung Spitze ist?

Zu manchen Fragen herrscht Schweigen

Allerdings ist nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der untersuchten Fachbereiche die Qualitätsdifferenz offenbar groß. 65 Prozent aller Einrichtungen, heißt es, besitze mindestens eine forschungsschwache Einheit. Das aber heißt nichts anderes als daß die Selbstrekrutierung der Soziologie nicht funktioniert. Offenbar berufen Professoren gern Leute, die in puncto Forschung unter dem Durchschnitt des eigenen Fachbereichs liegen. Die Exzellenz beruft oft nicht Exzellenz, sondern Kollegen, die ihr nicht das Licht stehlen. Oder gibt es andere Gründe für die Variationsbreite der Forschungsqualität?

Das „Rating“ schweigt zu solchen Fragen. Und das ist die eigentliche Enttäuschung dieses Verfahrens: dass es ohne jeden soziologische Phantasie und ohne jeden Sinn für die Informationen durchgeführt wurde, die zur Beurteilung der Lage einer Disziplin hilfreich wären. Darum ist im Großen und Ganzen herausgekommen, was auch schon vorher alle wussten. Entsprechend liest man bekannte Allgemeinplätze wie den, einerseits sei „die Beschäftigung mit nationalen und regionalen Themen“ ernst zu nehmen, andererseits größere Internationalität der Soziologie vonnöten. Das hätte man auch ohne dreijähriges Rating formulieren können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [3]
Nur mal angenommen 25.04.2008, 21:26
Aufgabe der Soziologie in Zeiten des Rating 23.04.2008, 11:49
Mittelmaß? 22.04.2008, 20:22
 
   
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