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Studieren in Iran

Wo Uni-Gardisten unkeusche Kontakte verhindern

Von Maral Aram*



"Unmoralische Kleidung" ruft in Teheran die Polizei auf den Plan
10. Mai 2007 
Die jungen Iraner sind bildungshungrig: Mehr als neun Millionen Abiturienten bewerben sich jedes Jahr für die Aufnahmeprüfung zu staatlichen Hochschulen. Aber nur 90.000 von ihnen können letzten Endes ihren Hunger an der Universität stillen - und nicht immer sind es die besten Kandidaten. Auf dem Campus warten weitere Schikanen.

Wer sich in Iran für ein Studium entscheidet, hat mit zahlreichen Hürden zu kämpfen - ob an einer staatlichen oder eine religiösen Hochschule. Studenten dürfen ihr Studienfach nicht ohne weiteres wählen: Mädchen können nicht Luftfahrttechnik oder Rettungsmedizin studieren, Männer dürfen nicht Gynäkologen werden. Aber glücklich ist, wer überhaupt einen Studienplatz ergattert.

Sie darf gegen den Westen demonstrieren, aber nicht Rettungsmedizin studieren

Die erste Anlaufstelle für hoffnungsvolle Studenten sind die staatlichen Hochschulen, denn sie sind gebührenfrei. Doch vor der Immatrikulation steht eine Aufnahmeprüfung, die überstanden sein will. Das Leistungsprinzip spielt dabei keine Rolle, stattdessen kann die Prüfung insgesamt wohl nur als merkwürdig beschrieben werden. Nur ein Drittel der Studienplätze wird an „Freibewerber“ vergeben, rund 70 Prozent sind für so genannte Kontingent-Bewerber reserviert. Das sind Kandidaten, die das iranische System als „Härtefälle“ versteht: Menschen oder Angehörige von Personen, die sich für die islamische Revolution oder während des jahrelangen Kriegs gegen den Irak in den achtziger Jahren besonders verdient gemacht haben - entweder durch eigene persönliche „Opfer“ oder durch die Aufopferung ihrer Familienmitglieder.

Liste der Privilegierten

Hier eine Liste der Kandidaten, die zum privilegierten Kontingent gehören - alle Daten und Fakten dieses Textes stammen aus den Richtlinien der Prüfungsbehörde. Die Studienplätze sind für sieben Kategorien von Bewerbern reserviert:

Sie leben gefährlich: Studenten protestieren gegen Präsident Ahmadineschad, Dezmeber 2006

1. Für die Angehörigen von Märtyrern - darunter darf man sich keine „Selbstmordattentäter“ wie in Palästina oder anderswo vorstellen, sondern Menschen, die im Krieg gegen den Irak gefallen sind.

2. Für Kriegsinvaliden

3. Für Mitglieder der „Revolutionsgarde“ - das ist eine religiöse Armee, die in Iran nach der islamischen Revolution eingerichtet wurde

4. Für Kriegsgefangene aus Zeiten des Irak-Kriegs

5. Für „Basiji“ - das sind Mitglieder einer paramilitärischen Gruppe, die Ayatollah Chomeini zu Zeiten der Revolution eingerichtet hat.

6. Für staatliche Beamte

7. Für „Einheimische aus entrechteten Zonen“ - das bedeutet im Klartext: Für Menschen aus der Provinz und den Dörfern, denen ein Zugang zu Bildung gewährt werden soll.

Freie Bewerber ohne Chance

Privilegiert sind auch alle Angehörigen der genannten Personen: ihre Eltern, Ehegatten, Kinder und Geschwister. Das System führt dazu, dass man sich glücklich schätzen kann, einen Kriegsversehrten in der Familie zu haben. Die Zahl der Märtyrer und Invaliden in der Bevölkerung ist enorm hoch, kein Wunder also, dass Freibewerber kaum Chancen auf einen Universitätsplatz haben. Sie können zwar an der Aufnahmeprüfung teilnehmen, die alle Kandidaten offiziell bestehen müssen. Faktisch wissen alle: Noten spielen für die Kontingent-Leute keine Rolle, obwohl sie erfahrungsgemäß nicht besser abschneiden, als die Freibewerber - im Gegenteil.

Auch während des Studiums profitieren die Kontingent-Studenten von ihrem Status: Sie werden bestens betreut und vom Staat unterstützt, erhalten Wohnheimplätze, zinslose Studentendarlehen und teilweise sogar kostenlose medizinische Versorgung. Und mit dem Start ins Berufsleben geht die Zwei-Klassen-Gesellschaft weiter: Kontingent-Akademiker finden leichter den Einstieg in den schwierigen iranischen Arbeitsmarkt. Wer nicht ohnehin im Lebenslauf auf einen Vater in der Armee hinweist, hat im Vorstellungsgespräch die Möglichkeit, diese Information diskret anzubringen.

Für reiche Teheraner

Wen die staatliche Universität abweist, kann sein Glück bei den privaten Hochschulen versuchen - wenn er oder sie reiche Eltern hat. Je nach Fach müssen verschiedene Studiengebühren gezahlt werden, von 300.000 bis 2.000.000 Tuman (250 bis 1500 Euro) im Semester. Ein Beispiel für eine private Hochschule ist die Freie islamische Universität Rudehen. Rudehen ist eine kleine Stadt, etwa 45 Kilometer östlich von Teheran. Mehr als 20.000 Studenten waren dort im vergangenen Semester eingeschrieben, und ihre Anzahl steigt.

Vor allem reiche Teheraner sind die Zielgruppe dieser Hochschule. Sie trifft man morgens am Terminal Ost der Minibusse in Teheran. Man muss nicht lange nach dem Bahnsteig für Rudehen fragen. Dort, wo man eine lange Schlange mit vielen jungen Leuten sieht, ist man richtig.

99 Prozent der Fahrgäste zwischen 7 und 8 Uhr morgens sind junge Leute, die zur Uni fahren. Meistens ist es unmöglich, ohne zu schubsen, drängeln und streiten einen Sitzplatz zu erkämpfen. Die Qualität der klapprigen Busse ist den studentischen Pendlern nicht so wichtig, was aber auf keinen Fall fehlen darf, ist eine gute Stereoanlage und laute Musik. Noch bevor sich die Wagen in Bewegung setzen, fordern die Studenten den Fahrer lautstark auf, die Musk voll aufzudrehen. Häufig wird sogar während der Fahrt getanzt.

Wie Frauen belästigt werden

So vergessen viele für kurze Zeit ihre Alltagsprobleme. Manche Frauen fühlen sich durch den Lärm und die Nähe der Männer belästigt, deshalb hat die Terminalverwaltung für sie eigene Busse vorgesehen. Aber wenn die Zahl der Plätze knapp wird, ist diese Trennung schnell vergessen. Der Studentin Mariam gefällt die Atmosphäre an der Universität nicht: „Viele sind nicht wirklich zum Studieren hier, sondern wollen nur ihren Spaß haben. Sie nutzen die weite Entfernung nach Hause aus. Fern von der Stadt zu sein ist ein Problem für uns Frauen, besonders wenn es zwischen zwei Unterrichtsstunden eine lange Pause gibt. Dann muss man auf dem Unigelände warten und wird häufig von den Männern angemacht.“

Beschweren wird sich trotzdem niemand. Keiner möchte wegen einer „falschen Äußerung“ oder eines Fehlverhaltens exmatrikuliert oder beurlaubt werden. Denn man weiß nie, wer mitfährt. Der Sitznachbar könnte ein Basiji sein, ein ziviler „Revolutionskämpfer“, der die Gespräche belauscht und einen verpetzt. Auch die Uni selbst bemüht sich um die Keuschheit ihrer Stundenten. Schon am Eingang der Universität erwartet die Besucher ein großes Schild: „Eintritt von Personen mit unpassender Kleidung ist verboten“. Mohammed Shahab trägt die Verantwortung dafür, dass Kleidung und Verhalten aller „passend“ ist. Das Kopftuch soll die Haare komplett verdecken, und nicht nur ein kleiner Stoffstreifen sein, wie die Studentinnen sie gerne um ihre Haare wickeln. Auch die Mäntel werden immer kürzer und bunter, hier hat Herr Shahab viel Arbeit. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird verwarnt, womöglich für ein oder zwei Semester „beurlaubt“ und schlimmstenfalls fliegt er oder sie von der Universität.

Auch „unkeuschen Kontakt“ zwischen Männern und Frauen beobachtet Shahab mit Argusaugen. Dramatische Szenen sind an der Tagesordnung: Plötzlich ist der Schrei einer Studentin zu hören. „Er ist mein Mann. Ihr habt uns doch erst gestern überprüft. Was wollt Ihr? Warum lasst Ihr uns nicht in Ruhe?“ Die Uni-Gardisten haben eine junge Frau festgenommen, die ins Auto eines jungen Mannes einsteigen wollte. Aber dieses Mal haben die Sittenwächter tatsächlich keinen erfolgreichen Fang gemacht. Nach ein Paar Telefonaten müssen sie die Frau freilassen. Für die Studenten ist die ständige Einmischung in ihren Alltag unerträglich.

„Wer hier atmen möchte, muss zahlen“

Ajdar, 21 Jahre alt und in der Dolmetscher-Ausbildung, berichtet, dass auch er schon wegen seines Aussehens kontrolliert wurde. „Sie haben meinen Studentenausweis eingezogen. Die meisten Studenten sind sauer auf die strengen Kontrollen durch die Uni-Gardisten.“ Noch mehr ärgert ihn: „Politische Aktivitäten von Studenten sind hier ein Tabu. Nur die Basiji-Studenten dürfen politisch aktiv sein.“ Und er beschwert sich über mangelnden Idealismus des Universitätspersonals. Zu Semesterbeginn habe der Direktor in seiner Begrüßungsrede gesagt: „Wer hier atmen möchte, muss zahlen. Wer nicht zahlen kann, braucht sich gar nicht erst hier zu immatrikulieren.“ Für die Verwaltung zähle nur die Kasse, sagt Ajdar resigniert.

Zur Person:

„Maral Aram“ trägt eigentlich einen anderen Namen. Aber da die 25 Jahre alte Iranerin noch in Teheran lebt, muss sie für ihre Kritik am Universitätssystem des Mullah-Staates Repressionen fürchten - sogar wenn die Beiträge im Ausland erscheinen. Maral hat Grafikdesign studiert und arbeitet als Grafik- und Animationsdesignerin und als freie Autorin für Film- und Fernsehzeitschriften in Iran. Um sie zu schützen, hat die Redaktion den Namen der Autorin geändert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
 
 
   
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