Campus 2.0

Die Euphorie ist verflogen

Friedrich Hesse

Friedrich Hesse

12. Januar 2008 Die deutschen Hochschulen müssen im Digitalisierungs-Wettrennen aufholen, fordert der Medienpsychologe Friedrich Hesse vom Leibniz Institut für Wissensmedien in Tübingen. Sonst würden sich die Erstsemester schon bald von ihnen abwenden.

Wie weit sind die deutschen Hochschulen auf dem Weg zum Campus 2.0?

Eine ständige Kommission der Hochschulrektorenkonferenz hat dazu 2006 eine visionäre Skizze erstellt. Von den darin geschilderten Zuständen sind wir noch weit entfernt. Die euphorischen Annahmen aus der Frühzeit der Digitalisierung haben sich überhaupt nicht gehalten. Es gibt in dem Prozess aber einige besonders rührige Hochschulen wie die TU München, die RWTH Aachen oder auch die Uni Göttingen, an denen schon jetzt viel möglich ist.

Sind uns andere Länder voraus?

In mancher Hinsicht schon. In Deutschland wollte man den Einsatz virtueller Szenarien zumeist wissenschaftlich begründen, in den Vereinigten Staaten ging es pragmatischer zu – dort wurden vor allem die Elemente weiterentwickelt, mit denen sich Geld verdienen lässt. Weit vorn liegt z.B. Australien: Dort ist die Bildungswirtschaft der zweitgrößte Einkommensfaktor, Bildung ist mit Blick auf Asien ein sehr wichtiger Exportfaktor. Forschungsmäßig stehen wir aber im Bereich von „Educational Technology“ auch im Vergleich zu anderen Ländern nicht schlecht da.

Werden die deutschen Hochschulen aufholen?

Sie müssen es. 2011/2012 wird es einen doppelten Erstsemester-Jahrgang an den Hochschulen geben, weil sich dann erstmals die Abiturienten mit verkürzter Gymnasialzeit einschreiben werden. Um diese zu erwartende Überlast abzufangen, wollen viele Universitäten ihr E-Learning-Angebot ausbauen, ihre Verwaltung und den Service für Studierende und Lehrende stärker digitalisieren. Zunächst berichten die meisten Beteiligten aber eher von der Belastung durch die dafür nötige Mehrarbeit als von Effizienzsteigerungen. Mittelfristig allerdings könnten sich damit tatsächlich auch Kosten sparen lassen.

Aber zurzeit könnten die Hochschulen ihr Geld effektiver anders einsetzen?

Die neuen Medien dürfen an den Hochschulen nicht vor allem unter dem Kostenaspekt gesehen werden. Es geht einfach nicht mehr ohne sie. Wenn die heute 17-Jährigen an die Hochschulen kommen, dann kennen sie einen großen Teil von Angeboten aus der Palette von Social Software (wie Myspace, Facebook, Studi-VZ) als etwas völlig Selbstverständliches. Und wenn dann die Universitäten nicht mitziehen, dann werden diese Studenten ihren Wissensaustausch gänzlich jenseits der Bildungsinstitutionen organisieren, in ihren individuellen und kommerziell organisierten Netzwerken.

Vorausgesetzt, die Hochschulen setzen voll auf die Digitalisierung – wird die virtuelle Vorlesung dann die im Hörsaal völlig ersetzen?

Sicher nicht. Rein netzbasierte Szenarien haben es schwer. Wir werden auch weiterhin die Lehre face-to-face brauchen. Uns interessieren deshalb besonders solche digitalen Szenarien des Wissensaustausches, die leistungsfähiger und motivierender sind als die in der realen Welt vorhandenen. Zum Beispiel fällt die fehlende Beteiligung einzelner im klassischen Seminar weniger auf als in einem virtuellen Seminar mit einem sogenannten Awareness-Tool, das genau protokolliert, wie die Teilnehmer partizipieren. Auch die Zusammenstellung von besonders diskussionsfreudigen Gruppen ist im virtuellen Raum einfacher.

Was gehört außer E-Learning noch zum Campus der Zukunft?

Viel wichtiger als E-Learning allein ist die Gesamtorganisation. Wenn die Hochschulen bei der Digitalisierung nicht top-down unterstützt werden, also von den Rektoraten und Präsidien, wird es auch keine Breitenwirkung geben. Hauptträger der Digitalisierung bisher sind die Bibliotheken und Rechenzentren, die vor allem Inhalte zugänglich machen, nach dem Motto „content is king“. Das Ziel ist aber eine sogenannte Single-Sign-On-Lösung, so dass die Studenten über ein und dasselbe universitäre Portal Verwaltungsangelegenheiten erledigen, an Lehrveranstaltungen teilnehmen und ihre sozialen Interessen organisieren können. Eines der Probleme dabei: Es gibt keine gängigen Systeme dafür, die man von der Stange kaufen kann.

Die Fragen stellte Sebastian Balzter.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat

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