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Sprung über den Graben Philosophie für Maschinenbauer Von Sebastian Balzter
Es ist ein Experiment. Den vier Philosophieprofessoren, die sich in einer Ecke des Hörsaals im Keller der Technischen Universität Darmstadt aufgestellt haben, ist die Vorfreude genauso anzusehen wie die Nervosität. Rund 80 angehende Ingenieure sitzen an diesem Vorabend Anfang April vor ihnen. Gleich soll der Probelauf für eine vom kommenden Semester an verpflichtende Lehrveranstaltung beginnen: Die Vorlesungsreihe Philosophie für Maschinenbauer“ ist in dieser Form ein Novum in Deutschland. Sie sollen lernen, wie wir ticken“, kündigt der Wissenschaftsphilosoph Alfred Nordmann den Hörern an, die sich freiwillig auf den Zusammenstoß mit einer anderen Fachwelt einlassen. Die Brücke über den Graben zwischen den Wissenskulturen führt über gemeinsame Begriffe: Technik und Praxis, Energie und Dynamik – geprägt hat das Vokabular der Ingenieure ein Philosoph. Denn als Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus Physik“, Politik“ und Poetik“ schrieb, war die Grenze zwischen Denkern und Machern noch weich und durchlässig. Selbstverständlich machten antike Philosophen naturwissenschaftliche Beobachtungen, experimentierten und erfanden. Kurzum: Sie waren Tüftler. Erst in der Neuzeit trennten sich Schritt für Schritt die Anwender von den Theoretikern. Heute nehmen Ingenieure Geisteswissenschaftler im Allgemeinen und Philosophen im Speziellen an den Universitäten oft als weltfremde Exoten wahr – und umgekehrt. Wir sprechen dieselbe Sprache, aber wir verstehen einander nicht“, fasste ein amerikanischer Professor für Maschinenbau, der im März in Darmstadt an einer Konferenz zur Integration von Geisteswissenschaften in das Ingenieurstudium teilnahm, die Lage zusammen. Von wegen brotlose Kunst Daran soll sich nun etwas ändern. Einerseits sind die vermeintlich brotlosen Künste seit einigen Jahren verstärkt daran interessiert, ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen. Andererseits haben viele Unternehmen erkannt, dass brillante Techniker allein für den Erfolg nicht genügen. Das Darmstädter Experiment geht nun zwar besonders weit, ist aber nicht der einzige Schritt in diese Richtung. Audi beispielsweise förderte bislang mit seinen Hochschulkooperationen vor allem Doktorarbeiten in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Jetzt aber ist der Autobauer aus Ingolstadt Partnerschaften mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der Katholischen Universität Eichstätt eingegangen, die gezielt die Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften ankurbeln sollen. Bis zum Jahresende hofft Sonia Hornberger, die zuständige Audi-Koordinatorin, auf zehn solcher Projekte, etwa zur Arbeitsorganisation oder zur Unternehmensethik. Auch für Technik-Unternehmen wie Audi sei der Mensch stärker in den Mittelpunkt gerückt, ob als Mitarbeiter oder als Kunde. Die technische Entwicklung ist weit vorangeschritten, die Möglichkeiten sind beinah unbegrenzt. Dies wirft Fragen auf, die mit Hilfe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern gelöst werden müssen“, beschreibt sie ein Problem der technisierten Welt, in der sich auch das Interesse an der Philosophie verstärkt hat. Ein Philosoph hat da einen anderen Blickwinkel als ein Ökonom.“ Kleinere Kulturschocks Kleinere Kulturschocks sind dabei kaum zu vermeiden. Als Alfred Nordmann den Erst- und Zweitsemestern in Darmstadt ankündigt, dass sie zur Vorbereitung auf das wöchentliche Tutorium jeweils rund 20 Seiten philosophische Texte zu lesen hätten, geht ein Seufzen durch die Reihen. Das ist viel für uns“, sagt Peter Maletich, einer der Probehörer. Nach kurzem Nachdenken tröstet er sich mit einer Vermutung: Wahrscheinlich lassen sich 20 Seiten Text auch nicht schwieriger verdauen als fünf Seiten mit Zahlen und Gleichungen.“ Dass die erste Vorlesung zu den aristotelischen Grundbegriffen allerdings ganz ohne Powerpoint, ohne eine einzige Formel und auch ohne ein im Internet verfügbares Skript auskommt, hinterlässt einen durchaus gemischten Eindruck bei ihm. Doch als es zur Konfrontation kommt zwischen der altgriechischen Ansicht, dass zielgerichtetes Handeln nie zum Glück an sich führen kann, und Max Webers Berufsverständnis, das die Verpflichtung zur Arbeit als Selbstzweck ansieht, stecken ihn die Gedanken an. Eine traurige Vorstellung!“, entfährt es dem Einundzwanzigjährigen, der gleich nach dem Abitur zum Studium in die Vereinigten Staaten gegangen ist und zurzeit als Gaststudent in Darmstadt eingeschrieben ist. Nützlich und gut“, so schätzt er nach der ersten Doppelstunde die Philosophie-Vorlesung ein – auch wenn vielen im Hörsaal die Suche nach den Beziehungen zwischen Glück, Kunst und Technik sichtbar Kopfschmerzen bereitet. Das Leben ist eben nicht so simpel wie eine Momentenanalyse“, stellt Maletich seine eigene Gleichung an. Er selbst hatte das aber offenbar schon früher realisiert: Nach seinem Abschluss möchte er Entwicklungshelfer werden. Wer sich ernsthaft auf die Diskussion der ethischen Aspekte technischer Entwicklungen, auf technikpolitische Fragestellungen und auf die Reflexion des eigenen Tuns einlässt, der schult damit etwas anderes als die oft genannten Soft Skills, die Ingenieurstudenten in Rede- und Schreibkursen, in Teambuilding- und Konfliktlösungsseminaren vielerorts nähergebracht werden. Projektmanagement, betriebswirtschaftliche Grundlagen, Kostenbewusstsein – das sind die von den Unternehmen am meisten nachgefragten Kenntnisse dieser Art. Deutlich anspruchsvollere Wünsche ermittelt Frank-Stefan Becker, der Hochschul-Experte von Siemens und Sprecher des Arbeitskreises Ingenieurausbildung des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI), hat in einer Umfrage aber auch noch deutlich anspruchsvollere Wünsche ermittelt: analytische und konzeptionelle Fähigkeiten und Eigeninitiative gehören zum Wunschprofil des Idealbewerbers. Und je höher Sie in einem Unternehmen aufsteigen, desto wichtiger werden die Felder jenseits von Technik und Bilanzen“, sagt er. Nach einer Phase, in der sich die Wirtschaftswelt zu sehr auf Bilanzzahlen konzentriert habe, hätten nun wieder Werte Konjunktur. Was ist der Sinn eines Unternehmens? Welche Rolle spielen zwischenmenschliche, kulturelle, irrationale Momente in der Wirtschaft? Für solche Fragen müssen auch Ingenieure offen sein, wenn sie aufsteigen wollen.“ Das gelte für große Unternehmen wie Siemens genauso wie für kleine und mittelständische. Werte aber sind das Metier der Philosophen. Falls die Initiative der TU Darmstadt sich nun also als Trend erweisen sollte, sind dafür nicht zuletzt die südhessischen Maschinenbaustudenten selbst verantwortlich. Denn sie haben sich die grundständige und künftig verpflichtende Beschäftigung mit der Philosophie ausdrücklich gewünscht, wie Professor Manfred Hampe vom Fachbereich für thermische Verfahrenstechnik berichtet. Außer ihnen gebührt seiner Meinung nach dem gerade von Ingenieuren sonst gerne gescholtenen Bologna-Prozess Dank dafür, dass die Vorlesung nun in der neuen Studienordnung für den Bachelor of Mechanical Engineering“ auftaucht. Die Studienreform eröffnet uns viele sinnvolle neue Möglichkeiten der Kooperation.“ In nicht allzu ferner Zukunft, auch das verhehlt Hampe nicht, erhofft er sich von der Zusammenarbeit allerdings auch einen Nebeneffekt auf der anderen Seite des disziplinären Grabens. Natürlich wäre es großartig, wenn sich umgekehrt künftig auch die Geisteswissenschaftler stärker für unsere Inhalte interessieren würden“, sagte er während des Treffens mit Fachkollegen aus aller Welt. Wie viel einfacher wären die Gespräche mit ihnen, wenn sie endlich verstünden, welche Bedeutung das Zweite Thermodynamische Gesetz hat!“ Text: F.A.Z.Bildmaterial: dpa
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