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Modeschule in London

Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall

Von Claudia Bröll

Von Trier nach London: Chemena Kamali

Von Trier nach London: Chemena Kamali

15. Februar 2007 Man könnte meinen, es handele sich bei diesem unscheinbaren Gebäude um eine Fabrik. Inmitten von Londons Theaterdistrikt. Wären da nicht die vielen jungen Menschen, die morgens in das Backsteingebäude strömen. Sie sehen aus wie die jungen Künstler in dem Musical "Fame - Der Weg zum Ruhm". Den Ruhm suchen sie jedoch nicht auf der Bühne. Es sind die Laufstege in Paris, Mailand, New York und London, die sie erobern möchten. Die künftige Elite der Modeschöpfer trägt grelle Taschen, lässig um den Hals gebundene Riesenschals und dunkel gerahmte Brillen. Eine Frau, die gelbe Socken in seltsam verschlungenen Sandalen spazierenführt, fragt nach dem Weg. Eine Asiatin im blauen Mini-Dirndl kennt ihn offensichtlich.

Das Central Saint Martins College, eine der berühmtesten Modeschulen der Welt, rühmt sich, die Kreativität seiner Studenten zu fördern und Exzentrizität erfrischend zu finden. Es ist kein Zufall, dass London als aufgeschlossenste unter den Modemetropolen gilt mit den experimentierfreudigsten Designern.

Heilige Vorbilder an der Wand

Maximilian Doerr träumt von der eigenen Kollektion

Maximilian Doerr träumt von der eigenen Kollektion

Im Gebäude treffen die Nachwuchsmodemacher auf ihre heiligen Vorbilder: John Galliano, Alexander McQueen, Stella McCartney, Paul Smith. Deren Erfolgsgeschichten ziehen sich an den Wänden entlang. Kopierte Artikel aus den Modemagazinen "Vogue", "Vanity Fair" und "Cosmopolitan". Für Studenten wie Maximilian Doerr und Chemena Kamali, die jeden Morgen daran vorbeischlendern, sind sie Ansporn und Abschreckung zugleich. "Die haben alle hier studiert", sagt der siebenundzwanzig Jahre alte Maximilian mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Sachlichkeit.

Der junge Mann mit lagerfeldähnlichem Pferdeschwanz hat die ersten Schritte dazu getan, vielleicht einmal den eigenen Namen an der Wand der Berühmtheiten zu sehen. Das CSM ist so etwas wie das Harvard der Modebranche. Das wussten Maximilian und Chemena, als sie ihre ersten Ausbildungen absolvierten: Chemena studierte Modedesign in Trier, Maximilian lernte Goldschmied in München. Nun studieren sie im Herzen Londons und arbeiten darauf hin, worauf alle hier hoffen: die große Karriere in Modehäusern wie Givenchy, Dior, Chloé. Ein CSM-Absolvent gilt nicht als gewöhnlicher Modedesigner, sondern als Künstler seines Fachs. "Wenn man hierherkommt, muss man alles, was man vorher gelernt hat, vergessen. Man fängt wieder bei null an und versucht so, einen eigenen Stil zu entwickeln", sagt die fünfundzwanzig Jahre alte Chemena.

Vor aller Welt auf der London Fashion Week

Die Besten jedes Master-Studiengangs präsentieren traditionell ihre Abschlussarbeiten auf der London Fashion Week, die in dieser Woche stattfindet. Modemacher und Journalisten aus aller Welt begutachten, was die nächste Designergeneration umtreibt. Selbst die Herausgeberin der amerikanischen "Vogue", Anna Wintour, deren Augenbrauenzucken angeblich über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, lässt sich die Schau nur selten entgehen.

Maximilian und Chemena werden am Freitag dabei sein. Das Defilee vor internationalem Publikum markiert den Höhepunkt ihres Studiums. "Es gibt noch so viel zu tun", sagt Chemena. Erst heute Morgen hat sie festgestellt, dass der Farbton der Seide, die sie für ein Kleid verwenden will, nicht ihre Erwartungen erfüllt. Sechs Meter Stoff müssen noch einmal in den Farbbottich - und das ist längst nicht alles. Auf ihre eigene Garderobe legt sie inzwischen nicht mehr allzu viel Wert. Sie zieht an, was ihr morgens in die Hand fällt. Dies unterscheidet Studenten der Abschlussklasse von den jüngeren Semestern, die sich noch so kleiden, als müssten sie ununterbrochen ihre eigene Kollektion vermarkten. "Wenn man sich Tag und Nacht nur mit Mode beschäftigt, reicht es einem irgendwann", sagt Chemena.

Von Anfang des Studiums bis zum Ende ist der Druck enorm, der auf den künftigen Modezaren lastet. Schon die Aufnahmekriterien sind äußerst streng. Nur jeder zehnte Bewerber darf sich über einen Studienplatz freuen. Um möglichst gute Chancen zu haben, investieren viele erst einmal Zeit und Geld: Für umgerechnet 3600 Euro kann man in einem zwölf Wochen dauernden Vorbereitungskurs lernen, wie man eine aussagekräftige Bewerbungsmappe mit Entwürfen zusammenstellt.

Keine Garantie für Versaces Nichte

Doch auch dies ist längst noch keine Garantie für einen Platz, wie Francesca Versace, die Nichte des ermordeten Modedesigners Gianni Versace, feststellen musste. Auf die Frage "Was machen Sie, wenn Sie hier nicht angenommen werden?", antwortete der Spross des Modeimperiums einst: "Weinen, zurückkehren und weiterarbeiten." Und genau das musste sie dann auch tun. Erst beim zweiten Mal überzeugte die junge Versace das Direktorium - und enttäuschte nicht. Unter großem Pressebeifall verabschiedete sich die junge Frau mit dem berühmten Namen mit einer Kollektion aus gerüschten rosa Kurzanzügen im vergangenen Jahr von ihrer Lehrstätte. Als sie ein Journalist des "Guardian" fragte, ob sie als künftige unabhängige Designerin die Konkurrenz der eigenen Familie fürchte, konterte die Absolventin: "Nein, aber vielleicht sollten die meine Konkurrenz fürchten." Wer es an diesem College geschafft hat, dem scheint es nicht an Selbstbewusstsein zu mangeln.

Chemena und Maximilian müssen sich allerdings noch eine Weile gedulden und dicht gedrängt mit den Kommilitonen in einer trostlosen Werkshalle um gigantische Arbeitstische stehen. Dort zeichnen, schneiden, falten und nähen sie. Unzählige Anprobepuppen stehen herum. Von der Decke baumeln an Hunderten Stahldrähten Kleiderstangen, die in alle Richtungen weisen. Wo man auch hinsieht, blickt man auf halbfertige Jacken, Hosen, Röcke, Kleider. Die meisten sind aus einem hellem Nesselstoff, den man für wenig Geld im Großhandel erstehen kann. Keine Spur von Chemenas Seidenträumen. Verwaist in einer Ecke stehen zwei Computer, in das kreative Durcheinander scheinen sie nicht so recht zu passen.

Überhaupt ist das College ein heterogener Ort, zusammengebastelt aus Tradition und Avantgarde, Kreativität und Business, Nonchalance und Erfolgsdruck. Das CSM entstand 1989 aus der Fusion der 1896 gegründeten Central School of Art & Design und der etwas älteren St. Martin's School of Art. 2004 erhielt es Universitätsstatus und ist seither Teil der Londoner University of the Arts.

„Talent, Hingabe und harte Arbeit“

"Talent, Hingabe und harte Arbeit", so beschreiben die Kursdirektoren des College die Anforderungen. Viele Studenten müssen während der drei bis vier Jahre langen Ausbildung feststellen, dass sie das nicht erfüllen können. Etwa jeder Dritte verabschiedet sich vorzeitig, im am meisten umkämpften Fach Damenmode ist es in manchen Jahren sogar jeder Zweite. Oft wird bis tief in die Nacht gearbeitet, und häufig landet das mühsam Erdachte im Papierkorb. "Man bekommt immer wieder zu hören, dass alles schlecht sei, dass man noch einmal von vorne anfangen müsse. Viele halten diesen Druck nicht aus. Aber letztlich wird man dadurch immer besser", tröstet sich Chemena.

Doch was heißt schon gut oder schlecht, wenn eine Schule damit wirbt, für alle Ideen offen zu sein? Wo liegt die Trennlinie zwischen der ausgeflippten Idee und der Avantgarde, die irgendwann doch Spuren in der Alltagskleidung hinterlässt? "Wichtig ist die Inspiration", sagt die Kursleiterin Willie Walters. "Man kann nicht irgendetwas Verrücktes abgeben und dafür Applaus erwarten. Es geht darum, Ideen weiterzuentwickeln, sie im modernen Kontext neu zu interpretieren." Dass dies häufig nicht den Anforderungen im späteren Arbeitsalltag entspricht, ist Nebensache. "Auf Kreativität kommt es an, nicht darauf, was die Industrie verlangt."

Was sie meint, zeigen die Fotos der jüngsten Abschlussmodenschau der Bachelor-Studenten an der Wand ihres Büros. Der junge Koreaner Steve Jung, einer der Vorzeigestudenten des Jahrgangs, steckte Männer in geblümte Pumphosen und überdimensionierte Sakkos. Die Schuhe fertigte er aus recyceltem Müll. Angeregt hatten ihn dazu die Obdachlosen in seinem Heimatland. Sein Kommilitone Thomas Vicary verblüffte die Zuschauer mit Kleidern, die sich vom Körper entfernen, bis sie ihn fast bloßstellen. Er schickte ein halbnacktes Model über den Laufsteg, dessen Kleid statt an den Schultern an einem um den Hals gelegten Holzbügel hinter ihr hing.

Traum von der eigenen Kollektion

Die beiden Deutschen dagegen werden sich auf der Fashion Week nicht ganz so ausgefallen präsentieren. Maximilian will die Zuschauer der Show mit unstimmigen Details überraschen. Bei seiner Herrenmodenkollektion laufen Nähte durch versetzte Hosentaschen. Ein Hemd hat zwei Knopfleisten: "Das passt sich dem aktuellen Bauchumfang des Trägers an." Chemena mag es edel und rustikal zugleich. Inspiriert von Bildern aus den Siebziger-Jahre-Ausgaben der "Vogue", kombiniert sie die Schnitte festlicher Abendmode mit grobem Tweedstoff und Seide. Große Schlaufen finden sich als dekoratives Elemente am Dekolleté, Saum oder Ärmel wieder. Die Models sollen dazu mehrere zerrissene Feinstrumpfhosen übereinander tragen. "Das ergibt so eine schöne zufällige Struktur am Bein."

Wenn sie mit dem College fertig ist, hofft die junge Frau, von einem Pariser Modehaus angeheuert zu werden, Maximilian träumt von einer eigenen Kollektion. Noch wagen es die beiden aber nicht, daran zu denken, eines Tages in der Ahnengalerie zu hängen.

Text: F.A.Z., 14.02.2007, Nr. 38 / Seite 40
Bildmaterial: Bröll

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