09. November 2006 Jimmy Choo hat geschafft, daß Frauen ohne Zögern 1000 Euro für ein einziges Paar Schuhe ausgeben. Die Fernsehserie "Sex and the City", in der seine Schuhe ständig erwähnt wurden, machte ihn zum Star unter den Schuhdesignern. Im neuen Hollywoodstreifen "Der Teufel trägt Prada" dreht sich wieder alles um die Fußbekleidung des in London lebenden Chinesen. Choo wird es freuen. Er verdient ein Vermögen mit dem Kult um ein bißchen Leder.
Kein Wunder, daß sein Beispiel Schule macht. Immer mehr junge Männer und Frauen wollen ihm folgen. Schuhdesigner ist zu einem begehrten Beruf geworden, seit Modemagazine über hochhackige Stilettos wie über Kunstobjekte schreiben. Der Weg nach ganz oben freilich ist steinig. Nur wenige schaffen es, die eigene Marke zu etablieren. Auch die kleine feine Werkstatt für handgefertigte Schuhe bleibt für die meisten ein Traum. In der Industrie jedoch stehen die Chancen gut. "Schuhdesigner haben zur Zeit ausgezeichnete Aussichten, einen Job zu finden. Designer mit guter Ausbildung werden gesucht", sagt Philipp Urban, Geschäftsführer vom Schuhinstitut in Offenbach. "Man muß allerdings flexibel sein und bereit, auf der ganzen Welt zu arbeiten."
Das Geschäft wächst überdurchschnittlich
Mittlerweile bringt fast jede Modemarke, von Zara bis Prada, eine eigene Schuh- und Accessoires-Linie heraus. Das Geschäft wächst überdurchschnittlich und sichert vielen Modefirmen ihre wirtschaftliche Existenz. Die Schuhe - wie auch Taschen und Gürtel - werden zwar meist in Fernost gefertigt, die meisten Designabteilungen sind aber noch in Europa angesiedelt. Hinzu kommt, daß die Schuhmoden rasend schnell wechseln. Modebewußte Trägerinnen trennen sich nach einer Saison oder sogar noch schneller von ihren geliebten Schlappen. Das beschert Designern mehr Arbeit als noch vor einigen Jahren. Dennoch darf man sich keinen Illusionen hingeben. Auf dem Schuhmarkt herrscht ein ähnlich harter Wettbewerb wie in der Modebranche.
Eine der renommiertesten Adressen für angehende Designer ist die Golden Lane im Osten Londons. Ungeachtet ihres Namens ist die Straße alles andere als glamourös. Zwischen Sozialwohnungsblocks und düsteren Bürogebäuden findet sich dort in einem alten Schulgebäude das College Cordwainers, das seit 2000 zum "London College of Fashion" gehört. Hier hat nicht nur Jimmy Choo gelernt. Auch die Londoner Designerin Linda Bennett, Hochzeitsausstatterin von Camilla Parker-Bowles, gehört zu den prominenten Absolventen wie auch Patrick Cox, der die Modeschöpfer Vivienne Westwood und John Galliano beliefert.
Sofort ein Arbeitsplatz
Jedes Jahr schreiben sich etwa 150 Studenten am "Cordwainers" ein. Drei bis vier Jahre dauert das Studium, das mit einem Bachelor abschließt. Für einen Master- oder Diplomabschluß muß ein weiteres Jahr einkalkuliert werden. Die meisten Absolventen bekommen sofort nach dem Abschluß einen Arbeitsplatz. Für die Modewelt ist das keine Selbstverständlichkeit.
Viele Studenten - der Großteil sind Frauen - haben bereits Berufserfahrung in der Modebranche oder einem ganz anderen Wirtschaftszweig gesammelt. Rob Goodwin arbeitete zuvor 14 Jahre lang für einen Fernsehsender. "Dort habe ich viele Frauen getroffen, die Hunderte Schuhe hatten und horrende Summen dafür ausgegeben haben. Da dachte ich mir, daß man in diesem Geschäft Geld verdienen kann", erzählt der 34 Jahre alte Student mit modischer schwarzer Brille. Außerdem reize ihn die Verbindung zwischen handwerklichem Arbeiten und Kreativität. Takuji Mizutami verdiente zuvor sein Geld als professioneller Rugby-Spieler in den Vereinigten Staaten, bevor er sich an der Londoner Schule einschrieb. Vor kurzem wurde er als Designer von Sportschuhen von Adidas angestellt.
Am Anfang reines Schusterhandwerk
Mit Kreativität hat die Ausbildung zunächst wenig zu tun. In den ersten Stunden lernen die Studenten reines Schusterhandwerk: Wie man mit Hilfe von Klebeband das Modell eines Fußes nachklebt, wie man Leder zuschneidet und die Kanten von Hand versäumt.
Auch die industrielle Produktion von Schuhen spielt eine wichtige Rolle im Stundenplan. "Ein guter Designer muß selbst in der Lage sein, Schuhe zu fertigen, sonst kann er nicht abschätzen, ob sein Design umgesetzt werden kann", erklärt Studienkoordinator Jeremy Hancock. Am Ende ihrer Ausbildung wissen die Studenten, daß ein "Wrinkle Chaser" keine Faltencreme, sondern eine Bügelmaschine für Schuhe ist, und daß man unter Schuhdesignern nicht von einem einzelnen Schuh, sondern von einem "halben Paar" spricht.
Wer am Cordwainers studieren will, muß von seinem Wunschberuf überzeugt sein. Das erfordern allein die Studiengebühren. Ein Masterstudium kostet umgerechnet knapp 4800 Euro. Hinzu kommen die Lebenshaltungskosten in einer der teuersten Städte der Welt. Die Gehälter später im Job machen die Ausgaben nur längerfristig wieder wett. Im Schnitt starteten Absolventen mit umgerechnet 30.000 bis 40.000 Euro im Jahr in den Beruf, sagt Hancock.
Mit dem Abschlußzeugnis allein ist es nicht getan. Die 29 Jahre alte Paula Eastman hat eine ganze Mappe voll mit Entwürfen, mit der sie demnächst auf Bewerbungstour geht. Kontakte zu künftigen Arbeitgebern erhofft sie sich außerdem von der Modenschau der Absolventen, zu der bekannte Designer und Fabrikanten eingeladen werden.
Überkniehohe Männerstiefel
Eastman, früher Kostümbildnerin am Theater in Bournemouth, hat sich dafür etwas Besonderes ausgedacht: überkniehohe Männerstiefel mit niedlichen Absätzen, großen Schnallen und metallenen Knieschützern. Die Siebenmeilenstiefel sollen nicht nur ihre Kreativität zeigen, sondern beweisen, daß auch ausgefallene Schuhe mit hohen Absätzen bequem sein können. "Ich habe so viele Tänzer kennengelernt, die Probleme mit den Schuhen hatten, daß ich in diesem Bereich Geschäftsmöglichkeiten sehe."
Eastman ist der Beleg, daß es nicht nur schuhversessene Modepüppchen in diese Branche zieht. Die bodenständige Engländerin mag es für sich selbst lieber schlicht. In ihrem Schuhschrank stünden nur fünf Paar Schuhe, vornehmlich Flip-Flops und Birkenstocks, erzählt sie lachend. "Am liebsten trage ich gar keine Schuhe." Sorgen um ihre Zukunft macht sie sich nicht. Schon nach dem ersten Abschluß habe sie etliche Jobangebote gehabt, erzählt die Nachwuchsdesignerin.
Ob Design-College, Fachhochschulstudium oder Schusterlehre - einen Königsweg für den beruflichen Werdegang als Schuhdesigner gibt es nicht. Grandseigneur Manolo Blahnik beispielsweise besuchte nie eine Schule für Schuhdesign. Er studierte Literatur und Kunst, übernahm einen kleinen Schuhladen in London und machte sich als Erfinder von verwegenen 15 Zentimeter hohen Pumps international einen Namen. Auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept antwortete er einmal: "Ich brauchte keine Ausbildung, ich habe den besten Geschmack auf der Welt."
Hier lernen Schuhdesigner
Cordwainers College, 182 Mare Street, London E8 3RE.
Deutsche Schuhfachschule, Adlerstraße 31, 66966 Pirmasens
Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Abt. II Design, Oskar-Kokoschka-Platz 2, 1010 Wien
Gesamthochschule Kassel, FB 08/Industrial-Design, Menzelstraße 15, 34121 Kassel
FH für Gestaltung Pforzheim, FB Design, Holzgartenstraße 36, 75175 Pforzheim
Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Produktgestaltung, Am Weißenhof 1, 70191 Stuttgart
Ars Sutoria, Instituto Tecnico Internazionale, Arte Calzaturiera e Pellettiera, I Nievo 33, 20145 Milano
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite C15
Bildmaterial: AP, dpa, obs/Audi, REUTERS
Schweinegrippe durch Trinkwasser übertragen
07:41@F.Reemtsma - Aktuell ca. 3.200.000 Arbeitslose - wohl nicht ganz aktuell
07:38Im links kommunistischen Tümpel fressen sich die drei Kröten gerade gegenseitig
07:32Nun gut, dann sehen wir einmal, was ausser - zutreffenden - aber bislang netten