Von Angelika Heinick, Paris
14. Juli 2008 Fast zwanzig Jahre nach der Verwandlung des Pariser Marais in eine Galerienhochburg für zeitgenössische Kunst hat sich auch die jüngere Generation hier niedergelassen. Emmanuel Perrotin hat seine vor vier Jahren eröffneten Räume in der Rue de Turenne nun um eine zweite, nur wenige Schritte entfernte Galerie erweitert und zeigt dort derzeit parallel Kunst und Design. Die Ausstellung Well charged präsentiert Acrylbilder und Gouachen des jungen Amerikaners Keegan McHargue: Der Autodidakt, der zum ersten Mal 2003 in New York seine Werke zeigte, wird seither von der amerikanischen Kunstkritik als Jungstar aus dem Mission District, dem Künstlerviertel von San Francisco, gefeiert.
Seine Gemälde, immer auf einer Holztafel, sind schülerhaft akkurat ausgeführt und versprühen mit ihren Bonbonfarben eine appetitliche Sinnlichkeit: Platforms von 2008 mit den Maßen 63 mal 76,2 Zentimeter offeriert vor himmelblauem Hintergrund Eiskrem in Form von Plateausandalen (7000 Dollar). Vor Rastern und geometrischen Motiven bewegen sich von Cartoons inspirierte Phantasiefiguren: Aus dem Bild Lawn Games II blickt ein clownartiges Männchen in Gestalt eines Hamburgers (verkauft), und auf Playdate hat sich ein offensichtlich verhindertes Liebespaar im Dekor verfangen (25.000 Dollar).
Reduzierte Eleganz aus Bambusholz
Die Schöpfungen des Designers Eric Benqué, mit denen die Galerie Perrotin ihre Designabteilung eröffnet, bilden zur knalligen Verspieltheit Keegan McHargues einen strengen Kontrast. Planches, also Bretter, ist der knappe Titel der Ausstellung von fünf eigens für diese Gelegenheit entworfenen Möbeln. Es ist die erste Kollektion des Parisers Eric Benqué, der bislang nur in Zusammenarbeit mit Architekten Innenausstattungen entworfen hat - vom Mobiliar für einen Anbau der französischen Botschaft in Neu-Delhi bis zur jüngsten Gestaltung einer Motorjacht in Holland.
Nur auf den ersten Blick schlicht, sind seine Möbel komplexe Konstruktionen mit minimalem Materialaufwand: Bücherregal, Sekretär, Schemel, Chaiselongue und das Mehrzweckmöbel Spirale sind aus Verbundmaterial meist spiralförmig zusammengesetzt. Jedes Einzelteil bleibt sichtbar. Die Wahl des Materials, fest verklebte Bambuslamellen und Naturwolle für das Filzpolster der Chaiselongue, signalisiert das ökologische Bewusstsein von Eric Benqué. Ein halbes Dutzend seiner Möbel sind schon verkauft, und der Trend, Designerobjekte in den Rang zeitgenössischer Kunstwerke zu erheben, sieht sich abermals, zumindest ökonomisch, bestätigt. (Preise von 14.000 Euro bis 23.500 Euro.)
Platz genug für drei Künstler
Vor zwei Jahren ist Almine Rech, wie zuvor Emmanuel Perrotin, aus dem jungen Galerienviertel der Rue Louise Weiss ins Marais umgezogen. In der Rue de Saintonge regiert die Galeristin über Erdgeschoss und die erste Etage - also Raum genug, um mehrere Künstler gleichzeitig auszustellen. Der Brite Nathaniel Rackowe materialisiert mit seiner Installation Pathfinding den binären Code der Informatik anhand von Baumaterial, Neonröhren und Glühbirnen. Black Shed ist ein außen schwarz und innen gelb lackierter Gartenschuppen, in dem sich eine Glühbirne aufwärts und abwärts bewegt und durch die Ritzen zwischen den Bretterwänden horizontale, bewegliche Lichtstreifen an die Wände projiziert (40.000 Euro).
Der Ire Pádraig Timoney hat sich diversen, zum Teil traditionellen Techniken verschrieben und geht der Frage nach, wie Bilder assimiliert und in Erinnerung verwandelt werden. Sein Triptychon Coronalime Compass aus diesem Jahr lässt die Variationen figurativer Elemente in Abstraktion aufgehen (45.000 Euro). Der deutsche Künstler Axel Geis bevorzugt das Motiv der menschlichen Gestalt, als Porträt oder Gruppenbild. Seine Vorlagen findet er in Zeitschriften, Magazinen und dem Film.
Sophie Marceau als Vorbild
Die in dunklen, verhaltenen Farben auf die Leinwand gebrachten Bildnisse verweisen eher auf die Patenschaft von Velázquez, Goya oder Manet und sind meist nur schwer einer Quelle zuzuordnen: Die Frau mit Tuch (10.000 Euro) bezieht sich augenscheinlich auf ein Filmstill aus D'Artagnans Tochter mit Sophie Marceau, die Silhouetten der Zwei Mädchen (20.000 Euro) sind dem Hintergrund eines Gemäldes von John Singer Sargent entlehnt. (Diese Ausstellung noch bis 19. Juli.)
Isabelle Gounod, die 2004 ihre erste Galerie in Boulogne-Billancourt bei Paris eröffnet hat, ist erst seit wenigen Wochen im Marais: Ihren Einstand bestreitet sie mit Gemälden des jungen Künstlers Jérémy Liron aus Lyon, der auf seinen Gemälden Motive urbaner Peripherie und moderner Architektur verarbeitet. Obwohl er nach Fotos malt, sind seine Bilder keine Dokumentationen: Jérémy Liron sieht in den weißen, geradlinigen und rechtwinkligen Volumen der modernen Architektur eine gescheiterte Utopie, etwas von einem großen Traum.
Seine Paysages, alle im Format von 122 mal 122 Zentimeter, sind fortlaufend numeriert und hinter Plexiglas gerahmt: Die Motive schaffen eine Distanz zum Betrachter, der hier heimlich durch Fenster schaut, hinter Büschen hervorlugt und so nur Ausschnitte der Architektur im Auge hat. Die jüngsten Werke der Paysages-Serie vermitteln einen überraschenden mediterranen Farbakzent: N°47 öffnet den Blick durch einen Pinienwald auf einen banalen Gebäudekomplex, N°63 zeigt ein Detail von Robert Mallet-Stevens Villa Noailles in Hyères (je 4500 Euro).

Hütten-Mysterium: In Nathaniel Rackowes „Black Shed” bei Almine Rech bewegt sich das Licht (um 40.000 Euro).
Die Ausstellungen dauern bis 26. Juli.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Almine Rech, Galerie Emmanuel Perrotin, Galerie Isabelle Gounod