Von Jörn Ebner, London
30. Juni 2008 Am Bahnhof von Plymouth konnte man sich wundern über einen mobilen Personendetektor, durch den die englische "Transport Police" vornehmlich junge Männer schleuste. Zwar komme nur ein Messerstecher auf vier Millionen Bahnreisende, so erklärte eine Fotokopie, aber es gehe darum, Waffenkriminalität weiter zu reduzieren. Vor sechs Jahren filmte Wolfgang Tillmans zwischen den Gleisen lebende U-Bahn-Mäuse für einen Videoclip der Popband "Pet Shop Boys": Nebenfiguren - vielmehr Tierchen am Rande -, deren Betrachtung im Kunstwerk die großen Ereignisse zwar vergessen lässt und verdeckt, sie aber dennoch nicht aus der Welt schafft.
Das Video "Snail" aus dem Jahr 2005 verkörpert die Beziehung von Randtier und Zentrumsfigur: Die Kamera hält auf eine Schnecke, die langsam ihr Häuschen über eine Männerhand zieht, während im Garten dahinter mehrere Menschen sich dem Einrichten eines gemütlichen Nachmittags widmen. Die Hand mit der Schnecke lenkt aber immer wieder ins Bild, um die Figuren zu verdecken, so dass diese Nebenaktivitäten gerade durch das Nichtbeobachtendürfen Aufmerksamkeit erhalten.
Beziehungslose Komplexität
Tillmans' Arbeiten beziehen die Realität außerhalb des Kunstwerks mit ein: Das Faktische der einzelnen Werke bezieht sich auf Details einer erfahrbaren Umwelt; diese fordern einerseits Assoziationen zu weiteren, auch persönlichen Erlebnissen heraus, werden aber andererseits vom Künstler in weitere, oft beziehungslose Bildzusammenhänge gestellt. In der Galerie von Maureen Paley hat Tillmans eine komplexe Installation eingerichtet, ähnlich seiner umfassenden Retrospektive "Lighter" im Hamburger Bahnhof in Berlin, nur reduzierter. Im Untergeschoss hängen 73 Wandarbeiten vornehmlich aus den letzten drei Jahren - mal gerahmt, mal angeklebt, klein und groß - in einem dynamischen Zusammenhang.
Mit der Kamera vorgefundene Zufallssituationen, abstrakte Faltbildobjekte und Fotokopien vorhandenen Bildmaterials, mal formal streng und mal schnappschusshaft: Die Wahrheit der Welt liegt eben in einem Neben- und Zueinander disparater Elemente, die bei dem Turner-Preisträger des Jahres 2000 zwar in Zyklen, aber ohne den im fotografischen Bezirk gern exerzierten, Post-Becherschen Serienwahn fixiert werden. Privates und öffentlich Zugängliches liegen bei Tillmans gleichsam eng beieinander, wodurch dem Gesamtbild eine Intimität zuteil wird, die sich von Körpernahaufnahmen über liegende Hunde bis auf Porträts Alter Meistermalerei oder monochrome Abstraktionen erstreckt.
Im Obergeschoss der Galerie sind sechs selten gezeigte Videoarbeiten (Auflagen 5) projiziert. Die Nahaufnahme eines "Herzschlags" (2003) mit still liegender, nackter Männerachsel; köchelnde grüne "Erbsen" (2003); oder der sich langsam drehende Mercedesstern auf dem Europa-Center in Berlin zur pangeflöteten Scorpions-Melodie von "Wind of Change" (2003): Sie stehen als ruhige Bildkompositionen neben der lebendigen Straßensituation von "14th Street" (1994/95). Hier beobachtet die Kamera Glücksspieler auf der Straße aus einer erhöhten Position. Und dies zu einem Preis, der wie bei allen anderen Arbeiten nur auf Anfrage erhältlich ist.

"paper drop (star)" von Wolfgang Tillmans ist Teil der raumgreifenden Installation bei Maureen Paley.
Bis 13. Juli.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Maureen Paley