Von Fabian Granzeuer
13. Mai 2008 Wo zuvor noch eine kahle Wand war, blicken heute Porträts von Yves Klein und Joseph Beuys auf die Pendlerströme. Prominent – beinah wie Bilder von Stadtvätern – sind sie gegenüber der Warschauer Metro-Station Centrum“ plaziert. Wer die überlebensgroßen Wandmalereien dort und aus welchen Gründen auftrug, ist unklar, aber ihr Signal ist deutlich: Intensiv pflegt und poliert die polnische Hauptstadt ihre Oberflächen und Wege, auch gern mal auf solch surreale Weise, während gleichzeitig gewaltige Neubauten um die Wette wuchern. Kein Jahr vergeht, in dem nicht ein neues Einkaufszentrum, freilich gläserner und glitzernder als seine Vorgänger, errichtet wird. Selbst vor dem Stadtteil Praga auf der östlichen Weichselseite, vormals in Reiseführern als No-Go-Area vor der Entdeckung geschützt, macht der Bauboom nicht halt.
Nicht zufällig hat der Galerist Pawel Sosnowski im vergangenen Jahr hier seinen Ausstellungsraum mit Namen Appendix2 eröffnet. Keinen Neubau, sondern das Erdgeschoss eines Wohnblocks aus sozialistischen Zeiten wählte er dafür aus. Scheiben aus milchigem Glas verhindern den freien Blick hinein, und so betritt wohl nur die Galerie, wer weiß, was er dort findet: Die aktuelle Ausstellung ist eine Retrospektive des polnischen Künstlers Stanislaw Drózdz, Jahrgang 1939. Wollte man sein Werk einer Gattung zuordnen, so gehörte es zum Konzeptualismus oder zur konkreten Poesie; für ihn selbst sind seine Schöpfungen Begriffsgestalten“.
Würfelspiel auf der Biennale
Bekannt wurde er einem internationalen Publikum durch seinen Auftritt bei der Biennale in Venedig 2003, als er dort den polnischen Pavillon bespielte. Er lud damals zu einem glücklosen Spiel ein: Auf einem geschwungenen Tischchen sollten die Besucher mit sechs Würfeln eine persönliche Kombination werfen. Mit unzähligen Würfeln waren die 50.000 möglichen Kombinationen parallel in einer Installation ausgelegt. Jedem, der sein Glück herausfordern wollte, stellte Drózdz anschließend die Aufgabe, die persönliche Zahlenkombination aus der Menge aller möglichen herauszusuchen. Eine von vornherein vergebliche Aufgabe. In gedruckter Form ist dieses Spiel mit dem Titel Alea iacta est“ nun noch einmal in Warschau zu sehen. Anstelle auf zahllosen Würfeln kann in voluminösen Bänden die geworfene Zahl in Bildern gesucht werden – das private Scheitern für den Hausgebrauch (Auflage 6; je 45.000 Zloty, umgerechnet 13.200 Euro).
In der Schau Przestrzenie Poezji Konkretnej“ sind darüber hinaus seine wichtigsten Arbeiten. So auch Drózdz’ Installation miedzy“, die er erstmals im Jahr 1977 verwirklichte: In großen Lettern hat er das Wort miedzy“ für zwischen“ über die Wandflächen eines White Cube verteilt. Als solches ausgeschrieben ist es aber nur im Titel der Installation zu verstehen. Denn Drózdz hat die Buchstaben so im Raum gestreut, dass sie nie zum Wort zusammenzufügen sind und damit die Bedeutung nur durch den Betrachter entsteht. In jüngerer Zeit ließen sich mit dem Espace de l’Art Concret de Mouans-Sartoux (2004) und dem Musée Matisse in Nizza (2005) gleich zwei französische Institutionen solche Räume von Stanislaw Drózdz einrichten; die Buchstabenverteilung ist an jedem Ort individuell.
In der Ausstellung der Galerie Appendix2 sind außerdem Kopien der Entwürfe für diese Installationen präsentiert. Die Zeichnungen sind bereits verkauft für je 30.000 Zloty (rund 8800 Euro). Eigentlich unumstößliche Regeln reizen den Umdenker Drózdz besonders: In seiner neuesten Arbeit bedient er sich des Schachspiels. Die Skulpturengruppe szachy“ aus diesem Jahr sorgt für grundlegende Verunsicherung (6000 Zloty; rund 1800 Euro): Jeder der sechs möglichen Schachfiguren spendiert der Künstler ein eigenes Schachbrett. Heerweise stehen je sechzehn schwarze Figuren sechzehn weißen Figuren der selben Sorte gegenüber. Vor dem geistigen Auge treten hier Damen gegen Damen an, Könige gegen Könige, Läufer gegen Läufer, Springer gegen Springer. Eine Anleitung, wie dieses Spiel ablaufen soll, gibt der Künstler nicht.

Ein freundlicher Umdenker: Stanislaw Drózdz
Bis 31. Mai.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Andrzej Wietlik, Appendix2 Gallery, Magorzata Zadrona-Karpiejczyk