Von Anne Reimers, London
27. Mai 2009 Street Art? Graffiti Art? Oder Urban Art? Banksys Galerist Steve Lazarides bevorzugt die Bezeichnung Outsider Art für Arbeiten von Künstlern, die nicht auf einer Kunsthochschule studiert haben und gleich bei einer der vornehmen Galerien im Stadtteil Mayfair landen, sondern außerhalb des Kunstsystems operieren. Deshalb nennt er seine Ausstellungen Outsiders, Art by People, in seiner früheren Galerie in der Greek Street in Soho oder in einem eher als Museum geführten Raum im ehemaligen Restaurant eines Freundes in Newcastle.
Dazu organisiert er Pop-up Shows, wie für Banksy 2006 in Los Angeles. Die Ausstellungen sorgten für Aufsehen, nicht nur weil sie ausverkauft waren, sondern auch weil sich Hollywood-Stars wie Brad Pitt mit seinem Hauskünstler Banksy eindeckten, dem bislang erfolgreichsten der Graffiti-Künstler, dessen Arbeiten bereits für 100.000 Pfund verkauft wurden: Mancher mag bezweifeln, dass die von Lazarides vertretenen Künstler noch als Außenseiter des Markts zu betrachten sind.
Zeit für eine Expansion
Steve Lazarides glaubt, er schwimmt gegen den Strom. Nicht nur zeigt er sich unbeeindruckt von der Debatte darüber, ob, was er verkauft, überhaupt als Kunst zu bezeichnen sei - er entschloss sich jetzt auch antizyklisch zur Expansion. Fünf Monate lang widmete er sich ganz dem Umbau eines georgianischen Stadthauses, gleich hinter der Oxford Street. Er unterschrieb den Mietvertrag für zehn Jahre (gerade sind die Konditionen in London günstig), ließ Trennwände einreißen, Backsteinmauern freilegen und Holzböden abschleifen.
Am 14. Mai hat Lazarides @ the Rathbone eröffnet mit einer Vernissage, bei der sich mehr als tausend geladene Gäste durch die vier Etagen drängelten, darunter lokale Größen wie die Schauspieler Jude Law und Rhys Ifans. Das Publikumsinteresse an dieser jungen Kunstform ist ungebrochen, Originale zwischen 5000 und 10.000 Pfund verkaufen sich offenbar so gut wie eh und je. Die Ausstellung zeigt 44 Arbeiten von Künstlern aus aller Welt, von denen manche - wie das New Yorker Kollektiv Faile oder der Franzose JR - schon große Fangemeinden haben. Eine Arbeit von JR, die Lazarides im September 2008 für 5000 Pfund verkaufte, kostete in diesem Februar bei einer Sotheby's-Auktion 26.000 Pfund.
Rascher Verkaufserfolg
Innerhalb von drei Tagen hatte Lazarides fast zwei Drittel seiner aktuellen Ausstellung verkauft. Zuerst fand eine bonbonfarbene Komposition von David Choe mit dem Titel I Like My Waffles Sprinkled With Deep Throat Tears für 35.000 Pfund einen Liebhaber. Mit 50.000 Pfund teuerstes Werk - und, wie viele Arbeiten, stärker politisch - ist das 2,8 mal 2,8 Meter messende Parasite des Briten Antony Micallef, auf dem skeletthafte afrikanische Kinderkörper die Form eines Schmetterlings bilden. Manchmal sind es Fotografien, die das ursprüngliche Werk dokumentieren.
Meine Künstler benutzen den öffentlichen Raum als Leinwand, sagt Lazarides: wie bei dem Foto eines Personenzugs zwischen Blechhütten in Kenia, den JR erst besprühte und dann aus der Vogelperspektive fotografierte, Final Shot, Jeudi Night (15.000 Pfund). Eines sucht der Besucher allerdings vergebens, und das sind Arbeiten von Banksy. Mit seiner neuen Ausstellung will Lazarides andere Künstler bekannter machen.
Er ist den Zirkus um das Geheimnis der Identität von Banksy so leid, dass er auf seiner Website eine Adresse pestcontroloffice für Banksy-Anfragen eingerichtet hat. Selbst beantwortet er Fragen zu Banksy kategorisch nicht und behauptet, ihn nie persönlich getroffen zu haben. Für 2010 plant der 39-jährige Galerist weitere Pop-up Shows in Moskau, Madrid oder Miami - aber nicht mehr mit 250.000 Pfund eigenen Auslagen; das Vertrauen habe ich nicht mehr, dass die Schau sofort ausverkauft ist. Bisher kann er sich auf seine treuesten Kunden verlassen, zu denen Damien Hirst zählt. Der kaufte eine Schau mit Paul Insect komplett.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Antony Micallef/Lazarides, Bast/Lazarides, Conor Harrington/Lazarides, David Choe/Lazarides, JR/Lazarides, Roland Cowan Architects/Lazarides, Vhils/Lazarides
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