Von Angelika Heinick, Paris
30. Juni 2009 In allen Ausstellungen, in denen Figuren des amerikanischen Bildhauers präsent sind, erliegt ihr Betrachter irgendwann der Täuschung: Man hält das Abbild eines Menschen für echt - oder einen Menschen für sein Abbild. Diese Illusion stellt sich derzeit auch in der Pariser Galerie von Emmanuel Perrotin ein, wo sich unter dem Titel Illusions Perdues sieben Skulpturen Duane Hansons aus der Zeit zwischen 1985 und 1995 unter das Publikum mischen. Die unauffällige Präsenz, die lässige Haltung, die banale Kleidung, die sich im Nichts verlierenden Blicke machen den Betrachter stutzig; bei näherem Hinsehen erscheint die meist leicht gebräunte Haut wahrheitsgetreuer als die wächsern erstarrten Gesichter.
Willst du mit ihm spielen?, fragt eine Mutter ihren Sohn, der das Kid with a Baseball Bat von 1995 mit argwöhnischem Staunen beobachtet: Der Sohn des Künstlers hat für die Kunstharzfigur des kleinen blonden Jungen im zünftigen Outfit Modell gestanden. Wie diese Gruppe stammen auch die anderen Skulpturen aus dem Nachlass des 1996 im Alter von 71 Jahren verstorbenen Bildhauers. Über die New Yorker Galerie Van De Weghe Fine Art, die den Nachlass verwaltet, stellt die Familie die bei Perrotin gezeigten Werke zum Verkauf.
Ein fiktives Interview von Cattelan
Mit dieser Schau konnte Emmanuel Perrotin sich einen lang gehegten Traum erfüllen; Maurizio Cattelan verfasste zu dieser Gelegenheit ein fiktives Interview mit Duane Hanson: Er hat ihn nicht gekannt, aber wie auf andere zeitgenössische Künstler, die Brüder Chapman oder Gilles Barbier etwa, hat Hanson einen gewissen Einfluss auf ihn ausgeübt. Die Antworten auf seine Fragen suchte sich Cattelan aus früheren Schriften des Bildhauers zusammen. Auf die Frage, wie er es mit dem Fotorealismus halte, dem er oft zugerechnet wird, lässt er Hanson sagen: Damit habe ich nichts zu tun, und ich habe darunter gelitten.
Ich sehe die Skulpturen eher von innen als von außen. Das ist es, was ich manipuliere, um adäquate Formen zu erzielen und glaubwürdig zu sein. Ich wollte mich nie durch Konzepte und sogenannte ,realistische' Verfahren beschränken lassen. Er habe sich für die menschliche Gestalt vor allem als Motiv und Ausdrucksmittel interessiert. Was kann mehr Interesse, Faszination, Schönheit, Hässlichkeit, Freude, Schrecken oder Verachtung hervorbringen als ein menschliches Wesen?, lautet die Antwort auf die Frage, was Hanson an lebensgroßen Figuren anziehe. Die ersten Werke der sechziger Jahre verarbeiten weniger die verborgene Innerlichkeit banaler Alltagsfiguren, sondern prangern drastisch - wie die toten Soldaten von War oder die Penner von Bowery Derelicts - politische und soziale Missstände an.
Seltene Gäste auf dem Kunstmarkt
Von dem 175 Skulpturen umfassenden Gesamtwerk Duane Hansons befinden sich 139 Arbeiten weltweit in Museumsbesitz. Die verbleibenden Werke kommen relativ selten auf den Markt; seit 1990 sind keine dreißig Skulpturen versteigert worden. Zuletzt erbrachte ein Sunbather von 1987, eines von drei Bronze-Exemplaren, bei Sotheby's in New York 210.000 Dollar; auf der Pariser Kunstmesse Fiac wurde 2007 der Photographer, ein Einzelstück in Polyvinyl, für 550.000 Euro an einen französischen Sammler verkauft. Hauptattraktion bei Perrotin sind drei Bauarbeiter bei der Mittagspause, Lunch Break von 1989, die Hanson seinerzeit von der Straße in sein Atelier holte, um lebensgroße Abgüsse zu fertigen; die Gruppe kostet 1,6 Millionen Dollar.
Die Flea Market Lady von 1990 auf ihrem Klappstuhl ist in vierfacher Ausführung in Bronze gegossen, ebenso wie der coole High School Student aus demselben Jahr, der mit 425.000 Dollar beziffert wird. Mit dem erschöpft am Boden sitzenden Chinese Student aus dem Jahr 1989, für den Hansons vietnamesischer Assistent Tim Modell stand, kommentierte der Künstler die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking (600.000 Dollar).
Wie der mit seinem Fahrrad gestrandete chinesische Student wirkt auch der Man on the Mower von 1995 (Bronze, Auflage 3; 500.000 Dollar), die letzte Arbeit überhaupt von Duane Hanson, in der Galerie leicht deplaziert, er ist nicht in seiner natürlichen Umgebung: Ursprünglich als Gartenskulptur gedacht, ist die Ölbemalung des Mannes auf dem Rasenmäher zu empfindlich, um der Witterung ausgesetzt zu werden.
Bis 11. Juli.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Art©The Estate of Duane Hanson/Licensed by VAGA/Galerie Emmanuel Perrotin
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