Gallery Weekend Berlin

Mit der Kunst in neue Quartiere

Von Rose-Maria Gropp

14. Mai 2008 In Berlin war man unentweg unterwegs, an diesem vergangenen Wochenende, als dort 34 Galerien gemeinsam ihr „Gallery Weekend“ mit schicken Eröffnungen zelebrierten, mit ihren prominenten Künstlern und besten Stücken. Die Internationalität, die vielgepriesene, die viel ersehnte, war da sichtbar und greifbar, auf Seiten der Kunst und auf Seiten des Publikums. Immer wieder kreuzten sich die Wege in der Stadt, auf den Pfaden der Kunstgemeinde. Und während da beträchtliche Strecken abzuschreiten waren in Berlin-Mitte, Charlottenburg und Kreuzberg, gibt es bereits die ganz neuen Geheimtipps, wo die nächsten Galerien siedeln werden. Diesmal hieß es, in der Heidestraße, hinter dem Hamburger Bahnhof, da bilde sich gerade so eine Population heran. Zum Beispiel auch Paul Maenz bestätigte, dass er sich da schon mal umgesehen hat. Während wir gerade noch von 400 Galerien in Berlin reden hörten, sollen es inzwischen 600 sein; New York ist da wohl das Vorbild.

Es sieht ganz so aus, als folge auch in Berlin der Rest der behausten Menschheit den Pionierwegen der Kunst. Derzeit wird viel davon gesprochen, nach Wedding zu ziehen. Man muss bei einem solchen Spektakel wirklich nicht alles großartig finden, was einem vorgeführt wird. Das Gallery Weekend - und vor allem die Ausstellungen, die ja sämtlich noch ein, zwei Monate laufen - ist eine so beschwingte wie ehrgeizige Leistungsschau der beteiligten Galerien. Dass sich in einem solchen Parcours der Blick schulen lässt, Vergleiche anstellen lassen, Urteile finden, ist wünschenswerter didaktischer Nebeneffekt. Und da gibt es Gutes zu berichten aus der Galerie von Esther Schipper: Sie präsentiert die poetischen Skulpturen von Nathan Carter, „Radio Three“ zum Beispiel, als Antennengeflecht Empfänger und Sender geheimnisvoller Botschaften, oder „In the Light of the Dark Black Night“, wo fröhlich Vöglein zwitschern, was sich ja auch Kommunikation nennen lässt.

Versteckte Gestalten in der Höhe

Doch nur wer fragte, schaut im Lichthof der Galerie nach oben, wo sich über das Dachgesims fünf vermummte Fremdlinge herabneigen, „Untitled Characters“, die ihrer Bestimmung noch harren: Das Duo Rothstauffenberg hat sie da oben abgesetzt. Ebenfalls in der Linienstraße erinnert Barbara Wien unter dem Titel „Dreizehn Monatsgespräche“ mit Zeichnungen und Editionen an den 2006 verstorbenen, einstigen Fluxus-Pionier und späteren sophistischen Wahrnehmungstheoretiker Tomas Schmit. Seine zarten, scheinbar simplen Anordnungen von Teilmengen oder Überschneidungen, in Bildchen und Wortfindungen, entfalten eine freundlich subversive Kraft, die ganz und gar aktuell ist. Weniger subtil geht es bei Arndt & Partner zu, die im Galerienquartier der Zimmerstraße ansässig sind: Das Team Muntean/Rosenblum beherrscht dort die Räume und variiert sein bewährtes Rezept - ein merkwürdiges Bild, dazu ein knackiger Spruch - unverdrossen.

Dazu gibt es den Film „Run“, der vor zwanzig Jahren gerade noch so als camp durchgegangen wäre; heute nennt man derartig ästhetisiertes Erlösungspathos doch relativ offen lieber Kitsch. Barbara Weiss nebenan weiht ihre neuen Räume mit Andreas Siekmann ein: „Verhandlungen unter Zeitdruck“ aus „Faustpfand, Treuhand und die unsichtbare Hand“ (2005 bis 2008). Den rabiat ökonomischen Prozess seit der Wiedervereinigung illustriert der Künstler mit graphischen Blättern, auf denen eine Parade von Piktogramm-Menschlein die beschleunigten Abwicklungen nachstellt. Über einen Außenspiegel ist derweil die Fassade des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums in die Galerie gespiegelt, wo die Treuhandanstalt ihren Sitz hatte: So lernen wir alle was, und so macht Kapitalismus Spaß! Philosophisch gibt sich bei Klosterfelde der aus Iran stammende Nader Ahriman; unter dem Motto „Negation der Negation“ wendet er sich Hegel zu und bespielt damit die gesamte Galerie.

Ein Knie zuviel

Er tut das mit wahrer Max-Ernsthaftigkeit, in detailversessenen Gemälden, die von kosmischen Weiten träumen, und in Bildern, die rätselhaft von festgenagelter Identität künden. Ahriman holt den Witz des Dada in seine Erfindung der zwei Knie an einem Bein, für ihn Sinnbild der negativen Dialektik. Ja, doch; frei assoziieren darf der Betrachter auch: Ich denke sowieso mit dem Knie, wie einst der heiligen Joseph Beuys gestand. Bei seinem Metier, dem kraftvollen Malen, bleibt Troels Wörsel, von dem neue großformatige Arbeiten bei Aurel Scheibler in der Charlottenstraße hängen: Er ist ein Maler, ihn müssen wechselnde Trends nicht scheren. Ebenfalls einen, der das Malen beherrscht, nämlich Erik Schmidt, stellen Carlier/Gebauer in der Markgrafenstraße vor, außerdem den jungen Tomasz Kowalski aus Krakau, der sich, scheinbar ganz unbefangen, kühne surreale Kompositionen erlaubt.

Und dann sind da die Superstars: Wie Tal R bei Contemporary Fine Arts; was für eine Pracht, diese strahlenden Hybride aus Malerei, Collage und Bricolage. Dazu rufen die Filme, die des Künstlers bienenfleißige Assistenten gedreht haben, eine verschüttete Anarchie wach, als erstehe noch einmal eine factory. Strahlkränze einer abgefahrenen Lust; das ist, das hat Klasse. Von wegen „Adieu interessant“, so der kryptische Titel der Ausstellung: eher: Bonjour aufregend. Bei Rafael Jablonka hält Nobuyoshi Araki, der japanische Meister der Fesselkunst, Hof. Bei Neugerriemschneider geht Olafur Eliason weiter seinem geduldigen Geschäft mit dem Licht nach. Die gezeigte Arbeit heißt „The Inside of Outside“ - wenig überraschend, gewissermaßen entschleunigend verlangt sie auch vom betrachter - Geduld. Ganz anders mit dem Licht verfährt Carsten Nicolai bei Eigen + Art: Dort sind Arbeiten aus seiner Serie „Tired Light“ angeordnet, Membran-Bilder, die das Geheimnis ihres Leuchtens von Innen für sich behalten.

In Wedding sind die Osramhöfe, wo Max Hetzler und Guido Baudach Quartier genommen haben. Hetzler lässt in seinem riesigen Raum die phänomenale Mona Hatoum ihre zerbrechlich-gefährlichen Horizonte vermessen. Bei Guido Baudach erforscht Aïda Ruilova die menschlichen Verhältnisse und Maße: in einem magischen Video und in einem Relief-Alphabet aus Körpern und Dingen, seltsam hieroglyphisch verschränkt. Berlin - ohne Hinterland, ohne altes Geld, ohne eigene Kultur - mobilisiert Kräfte wie derzeit keine andere Stadt in Deutschland. Gemessen wird auch das Gallery Weekend von seinen Teilnehmern, am Ende, freilich an den getätigten Abschlüssen und den geknüpften Kontakten. Und da herrscht bekanntlich die höchste Diskretion im Kunstbetrieb.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Carlier/Gebauer, Klosterfelde, Nick Ash/Galerie Guido W. Baudach, Uwe Walter/Eigen + Art

 
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