08. März 2008 Schon bei Olafur Eliassons Skulpturen hatte man sich ja immer gefragt, was das jetzt ist - ein Kunstwerk natürlich, war immer die Antwort, aber genaugenommen hätten viele dieser Objekte auch Architekturmodelle sein können. Und dass wiederum einige Architekten in ihren Berliner Altbauwohnungen ein "mit Licht arbeitendes" Kunstwerk von Eliasson so in den Flur gehängt haben, dass der vom Kunstkontext nichts ahnende Besucher denken könnte, es handele sich lediglich um eine besonders gelungene Lampe: Das spricht auch dafür, dass die Gattungsgrenzen zwischen Design, Architektur und Kunst weicher sind, als viele Kuratoren und Galeristen das gern hätten (denn eine Lampe, selbst eine in limitierter Kleinserie produzierte, kann man nun mal nicht zum gleichen Preis wie ein Lichtkunstwerk verkaufen). Es ist nicht zu übersehen, dass Architekten und Künstler in letzter Zeit schon von der Organisation der Ateliers her ähnlich arbeiten - als Formenforscher, die an denselben Fragen nach dem Raum und seiner möglichen Neudefinition arbeiten.
Die Werke des seit 1973 in Düsseldorf arbeitenden japanischen Künstlers Yuji Takeoka dürften Architekten jedenfalls ebenso interessieren wie den engeren Kunstbetrieb. Seit Mitte der achtziger Jahre widmet Takeoka sich dem, worauf die klassische Skulptur sonst nur zu stehen kommt, dem Sockel nämlich. Erste Werke sahen aus, als hätte man das eigentliche Kunstwerk entfernt, dann wurden die Sockel formal und materiell immer kunstvoller, ohne je die leicht absurde, mal ins Hysterische, mal ins Melancholische kippende Erwartungshaltung abzulegen, die von einem leeren Sockel immer ausgeht. Oft wurden seine Arbeiten mit der Minimal Art in Verbindung gebracht, aber bei genauerem Hinsehen haben Takeokas Werke weniger mit dieser Kunst zu tun als mit einer traditionellen japanischen Denkfigur: der Steigerung der Wahrnehmung durch das Weglassen dessen, was man für das Eigentliche hielt.
Grundform ist der Sockel
Die Sockel machen sich selbständig und wirken plötzlich wie phantastische Architekturmodelle. Neben diesen Skulpturen schuf Takeoka auch Objekte wie "Not Stones", die mit dem ontologischen Zweifel spielen: Ist das abgerundete Ding von 1993 ein Fundstück, ein Stein, der auf dem Grund einer Meeresbucht lag und über Jahrhunderte von den Strömungskräften des Wassers, von Natur und Zufall geformt wurde, bevor der Künstler es als Ready-made barg - oder ist diese Form das Werk des Künstlers selbst? Spätestens hier zeigt sich, dass es bei Takeoka weniger um das Spiel mit kryptoindustriellen Formen als um klassische Fragen des Verhältnisses von Naturform und Kulturprodukt geht.
Auch die Künstlerin Chiharu Shiota wurde - viel später als Takeoka, 1972 - in Japan geboren. Auch sie lebt in Deutschland, wo sie bei Marina Abramovic und Rebecca Horn studierte. Und auch ihre Arbeit, die ab heute in der Berliner Galerie Goff + Rosenthal ausgestellt wird, wirkt wie ein phantastisches Modell für eine andere Vorstellung vom Raum. In der Galerie hat Shiota aus Tausenden von kreuz und quer verspannten schwarzen Baumwollfäden eine Art weichen Raum geschaffen, der zu den interessantesten Formschöpfungen zählt, die man zurzeit in Berlin zu sehen bekommt. Die Fäden verdichten sich so, dass eine Art Tunnel entsteht, und lösen sich dahinter auf, als werde der kleine Tunnel zu einer schwarz davonbrummenden Wolke, einem schockgefrorenen Hurrikan. Auch dieses Gebilde erinnert an eine metabolistische Architekturphantasie, die zahlreichen Freunde der Hirnmetaphorik werden erfreut ein neuronales Netz erkennen, das sich in der Mitte allerdings gründlich vertüdelt (die kleineren, 60 mal 80 Zentimeter großen Arbeiten kosten 3600 Euro).
Wer im Feld von Raumforschung und Gegenwartskunst nicht unerwähnt bleiben darf, ist Maix Mayer. Er wird in Berlin durch die Galerie Eigen + Art vertreten, die jetzt das Werk des 1960 geborenen, immer noch unterschätzten Künstlers zeigt - allerdings das meiste nicht in Berlin, sondern in der Galeriefiliale Leipzig. Doch die Fahrt lohnt sich: Seit Jahren erforscht Mayer die utopische Architektur der ehemaligen DDR und anderer Länder, rekonstruiert futuristische Gartenhäuser und dokumentiert in Fotos Versuche, Raum neu zu definieren; wer zurzeit wegweisende Architektur sehen möchte in Berlin und Leipzig, sollte sich also lieber nicht die Fassaden der Häuser, sondern das ansehen, was in den Galerien als Kunst verkauft wird.
Text: F.A.Z., 01.03.2008, Nr. 52 / Seite 46
Bildmaterial: Eigen + Art
Schauspielerin Kathleen Morgeneyer: Ist die Liebe nur ein ![]()
Als wär's ein Stück von Sophokles: die CSU und die Bankenaffäre
Dahinterismus: Wer steckt hinter dem Kirchenmodell-Attentat auf Berlusconi?
Ein fester Halt für alle Menschen: Johann Sebastian Bach zu Weihnachten