Aktuelle Kunst

Menschliche Makel und andere Schönheiten

Von Brita Sachs

Marc Quinns Unikat-Bronze „Carbon Cycle, 14000th Rotation“ von 2009, 48,5 Zentimeter hoch, bei Daniel Blau (85.000 Euro)

Marc Quinns Unikat-Bronze „Carbon Cycle, 14000th Rotation“ von 2009, 48,5 Zentimeter hoch, bei Daniel Blau (85.000 Euro)

24. Juni 2009 Der Name Marc Quinn ist für alle Zeiten untrennbar mit dem „Blutkopf“ verknüpft. Mit seinem ersten Selbstporträt aus tiefgekühltem Eigenblut machte der britische Bildhauer im Jahr 1991 auf der Londoner Schau „Sensation“ von sich reden - jener Ausstellung mit Werken aus dem Besitz von Charles Saatchi, die von jenen Künstlern um Damien Hirst stammten, die als „Young British Artists“ in die Geschichte eingehen sollten. Seither lässt sich Quinn alle fünf Jahre literweise den roten Saft abzapfen, um eine aktuelle Fassung der Bildnisse zu frosten, die leicht als Sinnbild für die nackte menschliche Existenz am dünnen Fädchen - hier in Gestalt der zur Kühlung ständig notwendigen Stromversorgung - zu entschlüsseln sind.

Das Phänomen Leben und die Stoffe, aus denen es gemacht ist, verfolgt Marc Quinn, geboren 1964, in einem Großteil seiner Arbeiten, für die er neben üblichen Bildhauermaterialien wie Marmor, Bronze oder Kunstharz auch Quecksilber einsetzt, Plazenten und sogar isolierte Biomoleküle: Mit den DNS-Profilen von fünfundsiebzig Pflanzen, einem Mann und einer Frau, sämtlich in Gelatine gebettet, schuf er einen Garten Eden im Kleinformat. Hier, gewissermaßen im genetischen Ursumpf, setzen einige der neuen Plastiken an, zu deren Präsentation sich die Galerien Daniel Blau in München und Thaddaeus Ropac in Salzburg in einer Parallelaktion zusammentaten.

„We Live in a World of Continuing Transformation“ von 2009, verchromte Bronze, 82 cm hoch
„We Live in a World of Continuing Transformation” von 2009, verchromte Bronze, 82 cm hoch

Visionen des Biologischen

Daniel Blau zeigt bronzene Selbstporträts, aus denen prächtigste bronzene Vegetation wuchert. Wie im mythischen Garten unserer Herkunft, wo alle Lebewesen problemlos koexistierten, wachsen Orchidee und Narzisse, Banane und Apfel aus demselben Quinnschen Haupt, als gebe es tropischen Sorten ebenso die gerechten Lebensbedingungen wie dem Holsteiner Boskop. Auch gibt es Blumentöpfe, in denen der Kopf als Teil einer seltsamen Pflanze gedeiht, deren Zweige viele Spezies vereinen.

Solche Evolutionswunder, die Quinn schließlich auch aus Totenschädeln sprießen lässt, lesen sich als blumiges, durch seine Patinierung giftig schillerndes Resümee: Der gemeinsame Ursprung allen Lebens steckt ebenso in diesen „Carbon Cycles“ wie der Tod als Bedingung neuen Seins und die Zukunft neuer Arten. (Die Bronzen kosten je nach Größe zwischen 70.000 und 89.000 Euro.)

Ein Mahnmal der Menschenrechtsverletzung

Auch bei Ropac in Salzburg zirkulieren die Kohlenstoff-Kreisläufe, hier verharren ganze Skelette im Lotussitz, umwuchert von den lüsternen Gewächsen aus Quinns Hybridengärtlein (je 140.000 Pfund). Aber beim Betreten der Galerie- Villa schlägt zunächst eine Plastik ganz anderer Art in Bann: Das Foto jenes Folteropfers im irakischen Abu Ghraib, das mit verhülltem Kopf und an den Händen befestigten Elektroden die Arme ausbreitet, hat Quinn in eine lebensgroße Bronzefigur übertragen. Aus dem Dokument des Horrors, das sich ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt hat, ist dieses Mahnmal der Menschenrechtsverletzung geworden (Auflage 5; 280.000 Pfund).

Es ist Quinns bislang politischste Arbeit, aus einer Betroffenheit heraus entstanden, wie sie schon einmal - in der Ära des Vietnam-Kriegs - Künstler zu unheimlichen, lebensechten Environments animierte. Duane Hanson schuf damals sein „War (Vietnam Piece)“, das höchst naturalistisch tote und verwundete Soldaten am Boden versammelt; im selben Jahr 1967 entstand auch George Segals drastische „Execution“, und in Deutschland formte Siegfried Neuenhausen eine ganze Serie von Folteropfern mit verhüllten Köpfen in erbarmungslosem Realismus.

In Quinns eigenem Œuvre knüpft die „Mirage“ betitelte Figur am ehesten bei jenen Gegen-Denkmälern an, die er mit Herz und Chuzpe dem klassischen Skulpturenideal perfekter Schönheit und körperlicher Intaktheit entgegenhält. Die berühmteste dieser weißen Marmorfiguren, welche die ohne Arme und mit verkümmerten Beinen geborene Alison Lapper als Hochschwangere darstellt, saß eine Zeitlang auf einer Säule des Londoner Trafalgar Square. Versehrungen durch Amputation oder angeborene körperliche Anomalien sind Marc Quinns bedeutender Beitrag zum Kanon figürlicher Darstellung, der diese Möglichkeit im menschlichen Leben stets als Makel ausklammerte.

Die Ausstellung bei Daniel Blau dauert bis zum 31. Juli, die bei Thaddaeus Ropac bis zum 11. Juli.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Blau, Thaddaeus Ropac

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