Geister über der Lagune

Vera Lutter bei Hetzler in Berlin

Von Lisa Zeitz, Berlin

Venedig im Auge der Camera obscura: ''Ca del Duca Sforza, Venice I: January 8...

Venedig im Auge der Camera obscura: ''Ca del Duca Sforza, Venice I: January 8, 2008'' (85.000 Dollar)

06. Oktober 2008 Kaum eine Stadt ist so fotogen wie Venedig. Wenn jeder der jährlich rund zwanzig Millionen Touristen hier zwei Filme verknipst, kommt man auf eine Milliarde Fotos. In diesem Bilderwust ist es Vera Lutter gelungen, ungewohnte Motive der Stadt des Lichts zu schaffen. Die in New York lebende Künstlerin bedient sich dazu der Urform des Fotoapparats, der Camera obscura, mit der sie neben berühmten Bauwerken auch schon Flughäfen, Werften und Industriedenkmäler festgehalten hat. Durch das kleine Loch in der Kammer fällt Licht direkt auf große Bögen empfindlichen Fotopapiers. Jede Aufnahme ist so ein Unikat.

Lutters Bilder, die jetzt in der Galerie Max Hetzler in Berlin zu sehen sind, zeigen die Stadt im Negativ: Die hellsten Elemente sind schwarz, die dunkelsten weiß, und die Topographie gibt sich seitenverkehrt. So muss das Auge altbekannte Motive neu erforschen. Ihre monumentalen Fotos von Venedig, die sie jeweils in den Wintertagen von 2005 bis 2008 geschaffen hat, sind auf unheimliche Weise berauschend. Die Ansichten der barocken Kirche Santa Maria della Salute und des Fischmarkts wirken wie Röntgenbilder der Lagunenstadt.

Mit einer gespenstischen Unschärfe

''Campo Santa Sofia, Venice, XXIX: December 21, 2007'', auf 254 mal 284,5 cm

''Campo Santa Sofia, Venice, XXIX: December 21, 2007'', auf 254 mal 284,5 cm

Das jüngste Foto ist mit drei Tafeln von je rund 250 mal 140 Zentimetern auch das größte. Es heißt "Ca del Duca Sforza, Venice I: January 8, 2008" und zeigt im Vordergrund eine Bootsanlegestelle mit aus dem Wasser aufragenden Pfählen, die so scharf getroffen sind, dass man einzelne Splitter erkennen kann. Sie bilden einen starken Kontrast zu den nebelweichen Konturen des Canal Grande, dessen Wasserstand sich während der Belichtungszeit änderte. Nur schemenhaft sind die schwankenden Gondeln zu erahnen. Doch auf der anderen Seite des Kanals sind die Profile der gotischen Palazzi wieder klar bis ins Detail der Balustraden, des geschwungenen Maßwerks und ihrer ewigen Baugerüste. Geisterhaft leuchten die Fensterhöhlen der dunklen Paläste am Canal Grande.

"San Marco, Venice XXXVII: December 14, 2005" präsentiert den Markusplatz durch die lange Belichtungszeit unter schwarzem Himmel, menschenleer und frei von Tauben. Nur was sich nicht bewegt, hat sich auf dem Fotopapier niedergeschlagen. Wer genau hinsieht, kann vor dem Dogenpalast sogar die Souvenir-Stände mit den gestreiften Hemden der Gondolieri erkennen. Ein anderes Bild verwandelt die einfachen Holzstege, die hier bei Aqua Alta aufgestellt werden, in fremde, neonleuchtende Bahnen.

Die Preise liegen zwischen 55 000 und 85 000 Dollar. Bis 18. Oktober.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Max Hetzler

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