Picassos späte Helden

Unter Musketieren

Von Lisa Zeitz

25. Mai 2009 Eine Ausstellung in Chelsea überstrahlt derzeit alle anderen. Um „Picasso: Mosqueteros“ in der Gagosian Gallery zu sehen, stehen geduldige Kunstpilger Schlange. 50 Gemälde und 49 Radierungen aus seinem letzten Jahrzehnt werfen ein helles Licht auf Picassos Spätwerk - und lassen viele Zeitgenossen blass aussehen. Allein deshalb war es richtig, die Ausstellung nicht in Gagosians Räumen uptown an der feinen Madison Avenue zu zeigen, sondern downtown die junge Kunst geradezu in Stierkampfmanier herauszufordern.

John Richardson, der mit Picasso befreundet war und derzeit am vierten Band seiner umfassenden Biographie arbeitet, hat die Ausstellung kuratiert und, wie übrigens auch Jeff Koons, einen Aufsatz für den Katalog geschrieben. Leihgaben aus dem Museum of Modern Art, der Fondation Beyeler und dem Picasso-Museum in Malaga vervollständigen eine Gruppe von Werken aus der Sammlung von Bernard Ruiz-Picasso, dem Enkel von Picasso und Olga Kokhlova, und anderen Privatsammlungen. Blassblaue Akte mit Nilpferdfüßen und schwarzem Haar, grisailleartige Porträts und schwarzweiße verknotete Liebespaare begegnen Leinwänden, auf denen die Farben zu explodieren scheinen, und immer wieder Musketieren mit langen Locken, Pfeife und Hut - schamlose Bilder und pure Malerei von herrlicher Unverschämtheit.

Picassos Abschied vom Tabak

Picassos Muse dieser Zeit war Jacqueline Roque, die er kennenlernte, als sie 27 und er siebzig Jahre alt war. Sie war, wie Richardson schreibt, bereit, „sich auf dem Altar der Kunst für ihn zu opfern“. Anfang der sechziger Jahre waren die beiden nach Mougins gezogen, wo er malte und Besuch empfing und sie sich um den Mann, seine Kunst und den Haushalt kümmerte. Der dann Vierundachtzigjährige musste sich einer Operation unterziehen, von der er sich nur langsam erholte. Seit seinem zehnten Lebensjahr hatte er geraucht, jetzt war Schluss mit diesem Laster, dessen Utensilien so viele Stillleben inspiriert haben: „Es ist das Alter, das uns zwingt, damit aufzuhören, aber wir wollen es immer noch“, sagte er zu seinem Freund Brassai, „das Gleiche gilt für die Liebe.“

Anfang 1966 nahm Picasso die Malerei wieder auf. Während seiner Rekonvaleszenz hatte er Klassiker und Comics gelesen: Shakespeare, Balzac, Dickens, aber auch die Abenteuer von „Tim und Struppi“. Vor allem wirkten sich „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas auf sein Schaffen aus: Immer wieder malte er diese heldenhaften theatralischen Kämpfer, die Pfeife rauchen dürfen und Frauen lieben können - zum Beispiel am 7. November 1968 jenen rund 130 mal 90 Zentimeter messenden „Homme à la pipe“ auf gelbem Hintergrund, der aus der Sammlung des Hedge-Fonds-Managers Steven Cohen ausgeliehen ist. Um hier einen Eindruck vom finanziellen Wert dieser Schau zu vermitteln: Ein ähnlich großer „Mousquetaire à la pipe“ vom 17. Oktober 1968 kostete gerade bei Christie's in New York inklusive Aufgeld 14,6 Millionen Dollar.

Besonders stark ist das lebensgroße Ölbild „Buste“ von 1970, das, vielleicht von Velázquez inspiriert, einen weiteren barocken Hofmann in rotem Gewand mit grünem Hut und schwarzem Schnurrbart zeigt. Der verschmierte Duktus des weißen Spitzenkragens ist köstlich wie Schlagsahne, aber das Gesicht ist erschreckend: Ein Auge verschwindet in dunkelstem Schatten, während das andere nicht mehr als ein verlaufener orangefarbener Fleck mit großer schwarzer Pupille ist. Und wie so viele von Picassos Bildnissen lässt sich auch „Buste“ als ein Selbstporträt lesen.

Bis 6. Juni.



Text: F.A.S.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Bleiben Sie pausenlos informiert. Mit den RSS-Services von FAZ.NET behalten Sie alle Nachrichten stets im Blick. Alle Informationen unter www.faz.net/rss-service

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche