Gegenwartskunst in Berlin

Archive und Akkorde

Von Swantje Karich

Die tönenden Skulpturen, zur Session vereint wie auf der Bühne: die Schau „Varieté“ von Saâdane Afif bei Mehdi Chouakri (Preise 2200 bis 25.000 Euro).

Die tönenden Skulpturen, zur Session vereint wie auf der Bühne: die Schau „Varieté“ von Saâdane Afif bei Mehdi Chouakri (Preise 2200 bis 25.000 Euro).

26. Mai 2009 Reduziert präsentiert die Berliner Galerie Neu die neuesten Werke des amerikanischen Konzeptkünstlers Sean Snyder, Jahrgang 1972. In das White-Cube-Ambiente fügen sich seine erstmals abstrakten Bilder und die karg bestückten Vitrinen wie architektonische Ornamente ein. Snyders aktuelle Ausstellung bezieht sich auf sein Projekt „Index“, das er bis Mitte April in der ICA Gallery in London gezeigt hat.

Vor fünf Jahren begann er, sein eigenes Archiv zu edieren; alles, was sich angesammelt hatte, wurde digitalisiert. Alles passt nun auf einen USB-Stick mit einem Gigabyte Speicherplatz - eine jedenfalls effiziente Befreiung vom Datengerümpel; das Register kann man auf der Website des Künstlers durchforsten. Snyders aus diesen Fundstücken entstandene, abstrakte C-Prints (Auflage 3; je 9000 Euro) sind als extremste Form der Distanzierung vom Betrachter zu verstehen, Gegenbewegung zur Öffnung des Archivs: Es gibt keine Anhaltspunkte für einen realen Bezug dieser letzten Schatten eines einmal existiert habenden Inhalts.

Potential für absurdes Theater

Ohne einen Verweis auf Snyders digitale Informationsansammlung kommt seine Videoarbeit „Exhibition“ von 2008 aus (Auflage 3; 20.000 Euro). Der Film beruht auf Israel Goldsteins sowjetischem Propagandafilm „Noble impulse of Soul“ aus dem Jahr 1965. Dieser preist die Bemühungen eines Provinzmuseums in Parkhomivka, im Osten der Ukraine, Schülern die zeitgenössische Kunst aus Mexiko nahezubringen.

Darin steckt schon viel Potential für absurdes Theater. Snyder hat aber zusätzlich die Szenen neu zusammengesetzt, die Chronologie zerstört und die Erzählerstimme entfernt. Später sieht man Bauern zu, die einer Kunstgeschichtevorlesung folgen. Der Film handelt von der Sehnsucht der Kunst nach Diskurs und ist gleichzeitig eine Hommage an das Scheitern ihrer Vermittlung.

Der Computer als Gitarist

Auch für Saâdane Afifs Auftritt in der Galerie von Medhi Chouakri spielt eine Ausstellung eine Rolle. Mit der Schau „Varieté“ gibt der Franzose sein Debüt in Berlin. Bekannt wurde er mit seinem Beitrag zur letzten Documenta: Er ließ dreizehn schwarze „Les-Paul“-Studiogitarren und dreizehn schwarze Verstärker mit dreizehn verschiedenen Akkorden, die computergesteuert angeschlagen wurden, ein seltsames Konzert spielen. Bei Chouakri sind jetzt neun von vierzehn Arbeiten zu sehen, die Afif 2008 im Witte de With Museum in Rotterdam gezeigt hat. Aber es handelt sich nicht um eine Wiederholung der Schau „Technical Specifications“ dort.

Denn Afif präsentiert die Arbeiten, dicht beisammen, auf einem schwarz lackierten Podest, wie auf einer Konzertbühne. Der Klotz drängt sich massiv in den Galerieraum, ohne dass sich das Publikum an einer zentralen Stelle davor versammeln könnte. Neben dem Podest hängt das Plakat zur Ausstellung im Witte de With Museum. Dieser direkte Verweis auf das Vergangene vollendet das Konzept. Dem Besucher wird bewusstgemacht, etwas verpasst zu haben - nämlich die Erfahrung, die in Berlin symbolisch aufgebaut, aber nicht mehr erlebbar ist. Afif sagt, die Zeit läuft weiter, und dieses Konzert ist schon längst Geschichte: Aus einem Polyeder auf der Bühne hört man das Ticken einer Uhr (Preise 2200 bis 25.000 Euro).

Ausdruck einer konzeptuellen Collage

Im zweiten Ausstellungsraum stehen auf einem hohen musealen Sockel ein Zylinder, ein Kubus und eine Kugel aus Carrara-Marmor. Afif hat für „Vice de Forme“ (Auflage 25+7; 2500 Euro) zwei Werke miteinander verbunden, Man Rays „Presse-Papier à Priape“ und die schematisierte Darstellung eines Atomkraftwerks aus einem Comic des französischen Zeichners Reiser. An den Wänden des Raums hängen Liedtexte, die der Künstler von verschiedenen Autoren erbeten hat.

Sie beziehen sich auf die Skulptur in der Mitte, zehn Versionen eines Themas, das selbst schon Konzept ist: Afif interessiert die Form, für die es eine Interpretation nicht geben kann. Alles ist nur in der Vielzahl der Möglichkeiten zu denken. Im hinteren, dritten Raum sind alle Künstler der Galerie vorgestellt: Afif mischt sich dort mit John Armleder, Hans-Peter Feldmann, Sylvie Fleury, Gerold Miller, Gerwald Rockenschaub und einigen mehr.

Saâdane Afif „Varieté“ bei Mehdi Chouakri bis 13. Juni.

Sean Snyder bei Neu bis Juli.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Neu, Jan Windszus/Mehdi Chouakri

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