Von Lisa Zeitz
30. Mai 2009 Ein Rundgang durch die Galerien in Chelsea lässt junge Kunst von alten Künstlern gegen neue Kunst von jungen Künstlern antreten: Dabei empfiehlt sich, die Malerei des späten Picasso bei Gagosian als Letztes zu besuchen, denn wer mit dieser Schau anfängt, wird für einige Stunden geblendet sein von so viel ungezähmter Wucht.
Eine beißende Kritik des aufgeblähten Kunstmarkts der vergangenen Jahre erlaubt sich der Brite und Wahl-Berliner Jonathan Monk, Jahrgang 1969. Mit seiner Ausstellung The Deflated Inflated bei Casey Kaplan auf der 21st Street vertieft er sich in die Appropriation eines Werks von Jeff Koons: Fünfmal taucht der auf Hochglanz polierte Edelstahlhase hier auf, jedoch hat sich der Charakter der nach einem aufblasbaren Spielzeug gefertigten Plastik stark verändert. Abgeschlafft sackt das Tier immer mehr in sich zusammen und liegt schließlich bäuchlings auf seinem Sockel. Monk haucht dem Objekt mit seiner Darstellung mehr Seele ein, als Koons dies 1986 mit der prallen Habachtstellung des Originals getan hat. Monks Figuren kosten 90.000 Dollar, sind aber schon alle verkauft.
Alice Neels Beharren auf der Figuration
Auf der 19th Street widmet David Zwirner der amerikanischen Künstlerin Alice Neel (1900 bis 1984) eine Ausstellung mit Porträts ihrer Freunde, Söhne und Liebhaber. Während die Welt um sie herum abstrakt wurde, blieb Neel beharrlich figurativ und verewigte immer wieder die schrägen Typen, die ihr begegneten, benachbarte Familien, Intellektuelle, Kommunisten, schöne Künstler und eine alternde Stripperin. Die meisten wirken linkisch und trotzdem elegant: So auch Mrs. Paul Gardner and Sam von 1967, eine Blondine in gelbkarierter Hose, die mit ihrem kleinen Sohn in einem blauweißgestreiftem Sessel klemmt.
Extravagant präsentiert sie die feministische Stripperin Annie Sprinkle 1982, rotblond und halb nackt mit langen roten Fingernägeln im Lederoutfit einer Domina. Die Preise liegen zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Dollar. Alice Neels Nudes of the 1930s sind gleichzeitig bei Zwirner und Wirth auf der 69th Street zu sehen. Die sexuell aufgeladenen Motive dieser frühen Aquarelle und Gemälde von Liebespaaren im Bett oder im Badezimmer bilden einen seltsamen Kontrast zu ihrem naiven Charme.
Der Kürbis als Alter Ego
Bei schönem Wetter leuchtet ein von Yayoi Kusama gestalteter Raum der Gagosian Gallery zur 24th Street hin. Er ist knallgelb gestrichen und ebenso wie die drei monumentalen Kürbisse in seinem Inneren mit schwarzen Punkten übersät. Anlässlich des achtzigsten Geburtstags von Kusama, die im Kürbis ihr Alter Ego gefunden hat, zeigt Gagosian neue Werke der Künstlerin gleichzeitig in New York und in Los Angeles. Die meisten der Arbeiten sind Leinwände aus den Jahren 2008 und 2009, die Kusama über und über mit ihren typischen, meditativen Kringeln bedeckt und zu wabernden Farbfeldern verdichtet, in Blau auf Rot, Gelb auf Schwarz oder Gold auf Blau. Die Preise für die Bilder liegen zwischen 200.000 und 500.000 Dollar.
Friedrich Petzel präsentiert zwei Ausstellungen in seinen Räumen an der 22nd Street, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Die eine von der New Yorker Performance-Künstlerin Andrea Fraser, Jahrgang 1965, die andere von Dirk Skreber, der 1961 in Lübeck geboren wurde und in New York lebt. Fraser projiziert lebensgroße Videosequenzen auf die Schmalseiten eines abgedunkelten Korridors. Dort ist sie jeweils in einem eiförmigen Sessel zu sehen, einem Design-Klassiker der fünfziger Jahre, und spricht wie eine Psychoanalytikerin mit dem Betrachter, um dringende Beziehungsfragen mit ihm zu klären. Die Dialogstücke stammen aus Sitzungen mit ihrem eigenen Psychotherapeuten, die sie aufgezeichnet und redigiert hat und nun auf das Verhältnis von Künstler und Konsument ummünzt.
Schwebende Autowracks von Dirk Skreber
Eine Tür weiter regiert Testosteron. Hier hat der von Autounfällen und anderen Katastrophen beeindruckte Dirk Skreber zwei bombastische Skulpturen installiert. Bei Untitled (Crash 1) handelt es sich um einen roten Mitsubishi, Modell Eclipse Spider, den eine brutale Gewalt gegen einen Pfeiler geschleudert zu haben scheint. Das Auto schwebt wie eingefroren im Moment des Aufpralls über dem Boden, so dass der Betrachter wie ein Voyeur - oder ein Versicherungsangestellter - um die Skulptur herumgehen und den Schaden, aber auch den Reichtum der Oberflächen, in allen Details begutachten kann: glänzender Lack neben splitternder Scheibe, faltiges Metall, weiches Polster neben Gummireifen.
Nach dem selben Prinzip ist in Untitled (Crash 2) ein schwarzer Hyundai mit der Unterseite um einen Pfeiler gewickelt. Als Kulisse dient diesem Skulpturenpaar eine Reihe von fast drei Meter hohen Bildern barbusiger Schönheiten. Sie sind aus dünnen Streifen gelblichen Schaumstoffs entstanden, der erst auf Holz geklebt und dann wieder teilweise abgezupft wurde, um auf diese Weise ein schimmerndes Relief zu bilden. Je näher man an das Bild herantritt, desto weniger kann man erkennen. So wird aus Kate oder Fannie je eine Metapher für unerfüllte Sehnsucht. Die Bilder kosten 150.000 bis 200.000 Dollar; Preise für die Skulpturen auf Anfrage.
Ein absolutes Muss ist schließlich die museale Schau Picasso: Mosqueteros in der Gagosian Gallery auf der 21st Street. Durch ihren unbändigen Erfindungsreichtum und ihre ungezügelte Lebensgier vermögen es die rund hundert Werke aus Picassos letzten Jahren, auch im 21. Jahrhundert dem Betrachter noch den Atem zu verschlagen.
Jonathan Monk The Deflated Inflated bei Casey Kaplan bis 20. Juni.
Alice Neel bei David Zwirner bis 20. Juni.
Yayoi Kusama bei Gagosian bis 27. Juni.
Andrea Fraser Projections bis 13. Juni und Dirk Skreber bis 27. Juni bei Friedrich Petzel.
Picasso: Mosqueteros bei Gagosian bis 6. Juni.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Friedrich Petzel/Lamay Photo, Gagosian, Jonathan Monk/Casey Kaplan, The Estate of Alice Neel/David Zwirner