Lovis Corinth und der Kunsthandel

So viel Geld für ein bisschen bemalte Leinwand

Von Peter Kropmanns

19. Juli 2008 Besonders im Vergleich zu München war die Reichshauptstadt vor 1890 bekanntlich allenfalls ein Nebenschauplatz des deutschen Kunstlebens. Doch bis sich der am 21. Juli 1858 in Tapiau bei Königsberg geborene Lovis Corinth 1901in Berlin niederließ, hatte sich die junge deutsche Kapitale zu einer ernstzunehmenden Kunstmetropole gemausert. Und als der Maler und Graphiker am 17. Juli 1925 starb, konkurrierte Berlin längst mit Paris und New York um den Titel des führenden Kunsthandelsplatzes weltweit.

Mit seinem Umzug nach Berlin hat der gebürtige Ostpreuße, der nach Stationen seiner Ausbildung in Königsberg, München, Antwerpen und Paris viele Jahre lang an der Isar wirkte, aber stets mit einem Leben an Spree und Havel liebäugelte, rückblickend die richtige Entscheidung getroffen. Denn hier hatte sich eine komplexe Infrastruktur entwickelt; simultan hatten Privatsammlungen und Museen sowie Verlage an Bedeutung zugenommen. Die Gründung von Künstlervereinigungen, allen voran die Berliner Secession, aber auch zahlreicher Galerien, die bei der Präsentation neuer Kunst oft federführend waren, ermöglichte einen dauerhaften Aufschwung des lokalen Kunsthandels, der bald schon nationale und internationale Dimensionen annahm.

Verbindungen bis nach Königsberg

Zu den von Kunstinteressierten angesteuerten Adressen gehörten die Schauräume von Hermann Pächter an der Dessauer Straße, Fritz Gurlitt an der Leipziger Straße, Eduard Schulte Unter den Linden oder von Martin Keller und Karl R. Reiner (Keller & Reiner) an der Potsdamer Straße. Corinth hat erste Kontakte zum Kunsthandel in Königsberg gepflegt, wo er 1891 in Bon's Kunstsalon ausstellte; einige Jahre später stand er in Kontakt zur Kunsthandlung Riesemann & Linthaler von Paul Riesemann und Max Linthaler - doch naturgemäß blieb das Echo darauf auf den äußersten Nordosten Deutschlands beschränkt.

In seiner Münchner Zeit stellte Corinth zwar oft aus, so in Kunstvereinen, aber dauerhafte Kontakte zu Münchner Galeristen kamen nicht zustande. Dagegen wurde seine Kunst schon 1892 bei Eduard Schulte, 1894 bei Fritz Gurlitt und 1899 bei Keller & Reiner präsentiert. Besonders häufig zu sehen war sie jedoch bei Paul Cassirer.

Der Künstler und sein Galerist

Der seit ihrer Gründung bei der Berliner Secession stark engagierte Cassirer war der erste bedeutende Galerist Corinths. Dessen Malerei war seit 1899 regelmäßig und oft mehrmals im Jahr in Cassirers Geschäftsräumen an der Victoriastraße zu sehen. Eine Fotografie zeigt Künstler und Kunsthändler an Pfingsten 1900 inmitten einer großen Gartengesellschaft bei den Sammlern Richard und Bianca Israel auf Gut Schulzendorf bei Berlin-Schönefeld. Cassirer organisierte für Corinth auch auswärtige Ausstellungen: Partner waren Wilhelm Suhr von der Commeter'schen Kunsthandlung in Hamburg und Heinrich Thannhauser in München; Interesse an Corinths Kunst zeigten ferner Franz-Josef Brakl in München sowie Ludwig W. Gutbier von der Galerie Ernst Arnold in Dresden und Breslau.

Cassirer hat mit Corinth frühzeitig entsprechende Vereinbarungen getroffen und verfolgte nicht nur die nach verhaltenem Anfang stetig wachsende Nachfrage mit Genugtuung, sondern auch, wie selbst ein höchst kritischer und vornehmlich der französischen Avantgarde zugewandter Geist zum Corinth-Anhänger wurde: „Meier-Graefe ist hier und zum schwärmerischen Bewunderer Ihrer Kunst geworden“, ließ Cassirer 1912 Corinth wissen und setzte fort: „Ich will nicht wiederholen, mit wem er Sie verglichen hat, sonst werden Sie übermütig, und vor allen Dingen verlangen Sie dann zu viel Geld für das bisschen bemalte Leinwand.“

Corinth und seine Frau Charlotte pflegten auch privat Kontakte zu dem, der eine Art Protektor, allmählich aber auch ein Konkurrent wurde: Dies hat mit dem Engagement beider Männer für die Secession zu tun, besser noch mit ihrem Ehrgeiz, dort eine führende Position zu übernehmen, was Corinth 1911 gelang. Es kam schließlich zum Bruch. Welcher Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte, ist nicht ganz klar. Genaueres wird von der mit Spannung erwarteten, 2009 beim Schweizer Verlag „Nimbus Kunst und Bücher“ erscheinenden Dokumentation der Geschichte des Kunstsalons Cassirer zu erwarten sein. Doch steht jetzt schon fest, dass die Beziehung durch einen Brief Cassirers an den erkrankten Corinth auf eine harte Probe gestellt wurde.

Die Konkurrenten in der Secession

Die Nachricht von Corinths gesundheitlicher Krise - obwohl sich die Krankenakten nicht erhalten haben, oft als „Schlaganfall“ bezeichnet - hatte sich vor Weihnachten 1911 einem Lauffeuer gleich im ganzen Reich verbreitet. Corinth und seine Frau Charlotte hatten daraufhin von vielen Seiten Zuspruch erhalten. Als Cassirer 1912 zur Feder griff, begann auch er mit gutgemeint klingenden Empfehlungen: „Mir sagte mein Bruder (Nervenarzt Richard Cassirer), daß es nur noch eine Frage der Nerven ist und daß die Schwierigkeit bei Ihnen nur darin besteht, daß Sie ein etwas ungestümes Temperament haben und sich nicht recht dazu entschließen können, mal alle ernsten Gedanken über Bord zu werfen und nur Ihrer Gesundheit in vollem Stumpfsinn zu leben. Sie müssen es aber tun; es ist viel wichtiger, daß Sie Ihre Nerven wieder ganz in Ordnung bringen, als daß die Ausstellung der Secession gut wird.“ Im gleichen Brief fügte Cassirer dann noch hinzu: „Arbeiten Sie schon? Wissen Sie noch, daß Sie mir noch ein großes Stilleben schuldig sind, das ich vor Jahren bestellt habe, und Sie mir erst drei geliefert haben? Sie müssen mir das schuldige noch liefern, und zwar ungefähr zum alten Preis.“

Gerangel um einen Posten

Corinth begriff, dass Cassirer auf seinen Posten des Vorsitzenden der Secession spekulierte und die Gunst der Stunde nutzen wollte. Ihn in dieser Situation anzutreiben und Forderungen zu stellen grenzte an Schamlosigkeit. Doch den Mann aus Ostpreußen mit dem „Körper eines Herkules“, der wie eine „Eiche, die der Orkan ausgerissen hat“, umgefallen ist, richteten Bosheiten dieser Art nicht zugrunde. So wie es Corinth im Traum nicht einfiel, aufzugeben und das Malen zu lassen, so wollte er auch das Heft bei der Secession nicht aus der Hand geben - und schon gar nicht Cassirer übergeben.

Corinth blieb kunstpolitisch an vorderster Stelle aktiv, konnte aber Cassirers Ambitionen nicht bremsen und fand sich später an der Spitze einer geschwächten Künstlervereinigung, der sogenannten „Rumpf-Secession“, wieder. Aus dem Förderer, der noch 1913 eine große Corinth-Ausstellung ausrichtete, war ein Gegner geworden - was den Künstler nicht daran hinderte, zu Pauls Vetter Bruno Cassirer, seinerseits mit Paul verkracht, Kontakt zu behalten, zumal nicht nur Paul, sondern auch Bruno Schriften Corinths verlegt hatte.

Als Honorar einen Bauernschinken

Ersten Weltkrieg, Untergang des Kaiserreichs, Revolution und Ausrufung der Republik erlebte Corinth weitgehend in Berlin. Im Wandel Deutschlands erkannte er Unheil: „Da es von Tag zu Tag rapide dem Untergang entgegen geht, kann auch auf Bürgerkrieg und all die Schrecken in Gefolgschaft fest gerechnet werden. Selbst der Trost der Arbeit bleibt einem nicht, und die Malerei wird auf absehbare Zeit als Erwerb vollständig hin sein. Da auch das Sparen nicht hilft und die paar Überbleibsel dem Staat in Form von Steuern zum Opfer fallen, so ist es mir unerforschlich, wie man sich aufrichten soll“, notierte er 1918.

Kurz zuvor hatte er als Honorar für ein Porträt einen Bauernschinken erwartet oder für ein Stillleben eine Ente und einen Hahn. Bilder tauschte er damals auch gegen Kakao, Reiszucker und Kaffee. Doch von Lebensmittelknappheit und ihn umtreibenden Einkommensteuererhöhungen abgesehen, hatte das Leben Corinths seinen gewohnten Gang genommen. In der Zwischenzeit hatte er sich Wolfgang Gurlitt zugewandt, der 1907 in das nun an der Potsdamer Straße gelegene Geschäft seines Vaters Fritz Gurlitt eingetreten war. 1917 porträtierte Corinth den jungen Galeristen, aber ein herzliches Verhältnis entwickelte sich nicht.

Nach den Erfahrungen mit Cassirer, mit dem er manche Rotweinflasche geleert hatte, blieb er wohl auf Distanz, was hernach die Konflikte vereinfachte, die unterschiedliche Honorarvorstellungen vor allem für Radierungen hervorriefen. Corinth beschwerte sich bei Gurlitt über seitenlange Briefe, bat ihn, sich kürzer zu fassen und seinen Pflichten pünktlicher nachzukommen. Denn die Inflation sorgte für eine tägliche Geldentwertung, und Corinth klagte zunehmend über den Verfall der Mark und horrende Rechnungen für Kohlen oder Bilderrahmen. Unterdessen aber stieg die Nachfrage nach sicheren Werten, und viele Sammler erkannten diese gerade in der Kunst Corinths. Am wenigsten irrten sich jene, die in den Jahren 1918 bis 1925 in am bayerischen Walchensee entstandene Bilder investierten, die sich gut wieder verkaufen ließen.

Peter Kropmanns ist Verfasser der Biographie „Lovis Corinth - Ein Künstlerleben“, die jetzt im Hatje Cantz Verlag erschienen ist und 22,80 Euro kostet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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