Gegenwartskunst

Zärtliche Umarmung für ein lächelndes Krokodil

Von Lisa Zeitz, Berlin

18. Juli 2008 Die Sommertage in Berlin eignen sich bestens zu Spaziergängen durch die wachsende Kunstlandschaft, zum Beispiel südlich des Landwehrkanals, zwischen den Stadtteilen Tiergarten und Schöneberg. Von der Neuen Nationalgalerie ist es nicht weit. Wo sich die Kurfürstenstraße mit Kopfsteinpflaster und stuckierten Fassaden ganz altmodisch und bürgerlich gibt, verbirgt sich in einem Hinterhof gegenüber der weiträumigen Galerie Giti Nourbakhsch die Galerie Sassa Trülzsch. In dem leicht asymmetrischen, neonbeleuchteten Raum läuft die erste Einzelausstellung der in London lebenden Münchnerin Martina Schmücker, Jahrgang 1975.

Sie hat unter dem Titel „The Problem of Error“ aus einer Performance fiktive Messinstrumente entwickelt, die nun wie lange Wurfspieße oder überdimensionierte Szepter die Galerie dominieren. Sie sind aus wohlgeformtem Holz und haben individuelle Spitzen, wie um sie in die Erde, ins Wasser oder in andere Elemente stecken zu können (je 2000 Euro). Schmückers mehr als drei Meter hohe Bauzeichnungen auf Pauspapier hängen gebündelt an einer Wand und rollen sich auf dem Boden. Daneben gibt es streng lineare Zeichnungen, die an Theaterkulissen oder Maschinenteile erinnern (je 250 Euro).

Eine Reise ins Unbewusste

Giti Nourbakhsch präsentiert gegenüber im Erdgeschoss unter dem Titel „Confusion and Illusion“ textile Skulpturen des in Berlin lebenden Franzosen Vincent Tavenne, Jahrgang 1961. Man wird hier mit einer übermannshohen, aus blauen Stoffdreiecken gebildeten Kugel konfrontiert, die mit winzigen Gucklöchern versehen ist (20.000 Euro). Der Blick hinein gibt nur den blauen Hohlraum preis. Ist das ein Gehirn? Was müsste dann zu sehen sein? Die Reise ins Unbewusste geht für den Besucher weiter, wenn er sich durch die Schlitze in einer bunten Stoffwand bewegt, die sich auf einer Länge von achtzehn Metern durch den Raum zieht.

Als Nächstes gilt es, eine schwarze Stoffwand hinter sich zu lassen. Dahinter steht eine Art roter Koralle, die an erstarrte Blutgefäße denken lässt, und verschiedene Vitrinen, in denen mit Draht und Papier gebildete Objekte zwischen kurvigen Schlingen verharren (je 16.000 Euro). Im Obergeschoss stellt Giti Nourbakhsch Papierarbeiten von Peter Böhnisch aus, die unter dem Titel „Humus“ zusammengefasst sind. Der Künstler ist 1977 in Waiblingen geboren und hat eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, bevor er Meisterschüler von Andreas Slominski wurde.

Ländliche Romantik

Auf einer großen Pastellkreidezeichnung spritzt der Schlamm unter einem Motorrad vor bunter Landschaft (9000 Euro). Auf einem anderen Bild träumt eine liebliche Traktorfahrerin in einem Pappdeckel über plastischen Ackerfurchen (2500 Euro). Eine andere Bleistiftzeichnung sitzt im smaragdgrünen Inneren eines aufgerissenen Schuhkartons, in dem ein abgeriebener Fleck als Stütze für das Knie einer androgynen Gestalt dient, die zärtlich ein lächelndes Krokodil umarmt (1500 Euro). (Bis 26. Juli.)

Nebenan, in einer ehemaligen Bettfederfabrik auf der Kurfürstenstraße 13/14, hat die Galerie Sommer & Kohl Revier bezogen. Hier wird die Gruppenausstellung „You just keep me hanging on“ gezeigt. Ausgangspunkt ist „Origine“, eine Installation der vierundachtzigjährigen Italienerin Carla Accardi mit Schwarzweißfotos, die sowohl sie selbst als auch ihre Mutter als junge Frau darstellen, mal Badenixe, Künstlerin oder Touristin. Daneben wacht das strenge Bild der Urgroßtante in einem alten Bilderrahmen. Die Installation aus dem Jahr 1976 ist unverkäuflich. Accardis abstrakte Gemälde „Verde Grigio“ und „Arancio Grigio“ von 2008 kosten je 25.000 Euro.

Geometrie der Frauenbeine

Dagmar Heppner, Jahrgang 1977, nimmt mit ihrer Installation „Nur noch Prosa“ aus einem Buchenholzgerüst mit blauer Vase und einem dunkelblauen Stück Stoff auf diese weibliche Ahnengalerie Bezug. Die Streben verbinden unterschiedliche Objekte, Hierarchien und Podeste lassen sich auch als Familienstruktur deuten (7000 Euro). Die 1972 geborene Italienerin Deborah Ligorio, deren Hauptmedium der Film ist, hat für die Ausstellung aquarellierte Collagen geschaffen, in denen sportliche Frauenbeine dynamische Räder bilden und übereinandergelegte Farbkreise an Zellen und genetische Abfolgen erinnern (je 800 Euro). (Bis 16. August.)

In einem Eckhaus auf der Kurfürstenstraße 156 zeigt Tanya Leighton die Amerikanerin Sharon Hayes, Jahrgang 1970. Projektoren werfen Bilder an die Wände, auf denen die Künstlerin einsam inmitten von Menschen auf den Straßen von New York, London, Warschau oder Wien zu sehen ist. Sie demonstriert mit politischen Protestschildern aus vergangenen Zeiten, etwa „Who approved the War in Vietnam?“ (Bis zum 2. August.) Arbeiten der Künstlerin sind derzeit auch in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen. Wer nun zurück zur Neuen Nationalgalerie spaziert, sollte noch Michael Riedels rätselhafte „Vier Vorschläge zur Veränderung“ bei Isabella Bortolozzi am Schöneberger Ufer 61 besuchen. (Bis 2. August.)


Carla Accardis Acrlybild „Arancio Grigio” aus diesem Jahr hängt bei Sommer & ...

Carla Accardis Acrlybild „Arancio Grigio” aus diesem Jahr hängt bei Sommer & Kohl (25.000 Euro).

Martina Schmückler bei Sassa Trülzsch (Bis 25. Juli). Vincent Tavenne und Peter Böhnisch bei Giti Nourbakhsch (Bis 26. Juli). Carla Acardi, Dagmar Heppner und Deborah Ligorio bei Sommer & Kohl (Bis 16. August). Michael Riedel bei Isabella Bortolozzi (Bis 2. August).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Giti Nourbakhsch, Isabella Bortolozzi, Sassa Trülzsch, Sommer & Kohl

 
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