Iranische Gegenwartskunst

Ein Ort inmitten von Nichts

Von Angelika Heinick, Paris

Im Glaskasten: Morteza Ahmadvand, geboren 1981, lebt in Iran. Sein Video „Flight“ von 2008 zeigt gefangene Tauben beim Flugversuch.

Im Glaskasten: Morteza Ahmadvand, geboren 1981, lebt in Iran. Sein Video „Flight“ von 2008 zeigt gefangene Tauben beim Flugversuch.

21. Juni 2009 Von Neun schwarze und blaue Farbfelder werden auf eine Wand projiziert. Am unteren Rand einiger Rechtecke sitzt eine weiße Taube. Bei jedem Versuch, sich in die Höhe zu schwingen, stößt sie oben an und kehrt zur Ausgangsposition zurück. Dabei läßt sie Federn. Jeder Flügelschlag hinterlässt ein Abbild auf dem schwarzen und blauen Hintergrund, bis am Ende alle Felder fast hell sind und der Zyklus von Neuem beginnt.

Es ist kaum möglich, in „Flight“, der dreiminütigen Videoarbeit des iranischen Künstlers Morteza Ahmadvand, keinen Bezug zur Situation der Menschen seines Heimatlands zu erkennen. Die Farbfelder erscheinen als Käfige, in denen die Sehnsucht der Tauben nach Freiheit zum unerfüllten Traum gefriert. Die Arbeit Ahmadvands ist Teil der Ausstellung „Iran sans frontière“ mit Werken von zehn iranischen Künstlern, die gerade in der Pariser Galerie Almine Rech eröffnet hat.

Ausgewählt von Negui und Kamran Diba

Sehnsuchtsbild: Mehdi Farhadian, Jahrgang 1980, träumt auf „Presents for Landscape“ aus dem Jahr 2009 von der Zeit vor der Revolution.

Sehnsuchtsbild: Mehdi Farhadian, Jahrgang 1980, träumt auf „Presents for Landscape“ aus dem Jahr 2009 von der Zeit vor der Revolution.

Zeitgenössische Kunst aus Iran ist in Mode. Die Londoner Saatchi Gallery zeigte schon im Januar in der Schau „Gegenwartskunst im Mittleren Osten“ Werke von elf iranischen Künstlern. Im Februar folgte Thaddaeus Ropac in Paris mit der Ausstellung „Raad o Bargh“ (Donner und Blitz), die siebzehn iranische Künstler zeigte. Nun hat Almine Rech das Kuratorenpaar Negui und Kamran Diba mit der Auswahl der Künstler beauftragt.

Sie haben sich auf Konzeptkunst, Skulptur, Malerei, Fotografie und Video beschränkt und versucht, ein Gleichgewicht zwischen Künstlern und Künstlerinnen herzustellen, und zwischen denen, die in Iran leben, und solchen, die im Ausland arbeiten. Kamran Diba war an der Entstehung des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran, das 1977 eröffnet wurde, als Architekt beteiligt und hat auch beim Aufbau der, mit westlichen Künstlern von Pollock bis Bacon gut bestückten Sammlung dieses Museums mitgewirkt.

Indirekte Kritik

Alltag unter den Augen von Chomeini und Chamenei: Für Mitra Tabrizians monumentale Fotografie „Tehran“ aus dem Jahr 2006 bat die Künstlerin die Menschen, die in den Häusern wohnen, um Mitarbeit. Sie selbst lebt in London.

Alltag unter den Augen von Chomeini und Chamenei: Für Mitra Tabrizians monumentale Fotografie „Tehran“ aus dem Jahr 2006 bat die Künstlerin die Menschen, die in den Häusern wohnen, um Mitarbeit. Sie selbst lebt in London.

Die Schau bei Almine Rech hat einen deutlichen politischen Unterton: Zensur im Iran beziehe sich vor allem auf die Nacktheit, erklärt Diba, aber auch auf politische Aussagen. Die meisten Künstler dort kritisieren die Regierung auf indirekte Weise und vermeiden die offene Konfrontation. Mandana Moghadam, die - wie alle anderen - zum ersten Mal in Paris ausstellt, lebt in Göteborg. Sie trägt bei der Eröffnung einen grünen Sticker mit der Aufschrift „Where is my vote?“ und ist äußerst besorgt über die aktuellen Vorgänge in Iran.

„Millionen Menschen riskieren ihr Leben, weil sie sich mehr Freiheit wünschen“, sagt sie, „es kann nur schlimmer oder besser werden.“ Alltag und Politik sind für sie so eng verwoben, dass sich beides in ihren Arbeiten widerspiegelt: So ist die Installation „Chelgis II“ von 2005 Teil einer Serie von vier Arbeiten, die auf das Märchen von Chelgis zurückgreift, dem „Mädchen mit den vierzig Zöpfen“, das von einem Dämon in einem wunderbaren Garten gefangen gehalten wird. Chelgis wartet auf ihre Befreiung durch den, der das Lebenselixir des Dämonen findet und zerstört. „Chelgis II“ ist ein roher Betonklotz, der an vier mit roten Bändern geschmückten Zöpfen aus echten Haaren aufgehängt ist - Sinnbild weiblichen Widerstands in der Gefangenschaft.

Eine Aufnahme vom Moment des Vergessens

Die Liebe von König Sasanian: großformatige Mischtechnik „Shirin & Khosrow“ vom Teheraner Künstler Reza Derakshani

Die Liebe von König Sasanian: großformatige Mischtechnik „Shirin & Khosrow“ vom Teheraner Künstler Reza Derakshani

„Wie überleben die Menschen in Iran?“ Dieser Frage geht Mitra Tabrizian, die in London lebt, mit ihren Fotografien nach. Das Foto „Tehran“ von 2006 (Auflage 5+2; 55.000 Euro) zeige eine jüngst erbaute postrevolutionäre Landschaft, so erklärt sie, die immer noch einem „Ort inmitten von Nichts“ ähnele. Sie hat die „echten Menschen“, die dort noch leben, gebeten an dieser Stelle hin- und herzugehen. Tabrizian hat den Auslöser gedrückt, als ihre Figuren die Fotografin nicht mehr wahrnahmen.

Am linken Bildrand ist ein Plakat mit den Köpfen der religiösen Führer Chomeini und Chamenei zu sehen, wie sie in Iran von jeder zweiten Häuserfassade herabschauen. „Wir wissen selbst noch nicht, in welche Richtung unser Land gehen wird“, sagt Mitra Tabrizian, die mit ihren Bildern das „Überlebenskonzept als Strategie des Widerstands“ illustrieren will: „Trotz allem, was uns widerfährt und widerfahren ist, gehen wir weiter in der Realität des Alltags.“

Erinnerungen an den ersten Golfkrieg

Shoja Azaris und Shahram Karimis Installation „Burning Moon“ von 2009 (Aufl. 3)

Shoja Azaris und Shahram Karimis Installation „Burning Moon“ von 2009 (Aufl. 3)

Das in New York lebende Künstlerpaar Shoja Azari & Sharam Karimi prangert mit seinen, an Werner Herzogs Dokumentarfilm „Lessons of the Dark“ erinnernden, Werken die Zerstörungen des ersten Golfkriegs an: Sie projizieren Videos auf hyperrealistische Gemälde; „Burning Moon“ und „What remains“ von 2009 werden gezeigt (Auflage 3; von 31.000 Euro an). Die in Teheran lebenden Künstler scheinen mit der politischen Situation weniger vehement ins Gericht zu gehen und vielmehr ihren Wurzeln in der persischen Kultur nachzuspüren.

Mehdi Farhadian erweckt auf seinen Gemälden, die von Fotos inspiriert wurden, eine geträumte Welt aus vorrevolutionärer Zeit zum Leben, als hübsche Damen sich in paradiesischen Gärten ergingen („Presents for Landscape“, 2009; 8500 Euro). Reza Derakshani bezieht sich mit seinen zwischen Figürlichkeit und Abstraktion changierenden Gemälden auf die traditionelle persische Miniaturmalerei, Dichtkunst und Mythologie: „Shirin & Khosrow“ von 2008 liegt die epische Romanze des Königs Sasanian und der schönen Shirin zugrunde, die der Dichter Nemazi im Jahr 1209 verfasste (um 30.000 Euro). Reza Derakshani, der eine Zeitlang in den Vereinigten Staaten gelebt hat, findet Teheran für einen Künstler „trotz des politischen Wahnsinns“ inspirierend.

Er verfüge über ein großes Atelier, die Galerienszene sei lebendig, und Sammler, von denen nicht wenige in Dubai oder London leben, gebe es auch. Die aktuelle Situation könnte eine Wende bringen, sagt er. Doch, was immer auch passiere, die beiden Fronten - Reformer und Konservative - bilden die iranische Gesellschaft. Für Reza Derakshani gehört daher Hafis, dem persischen Dichter des 13. Jahrhunderts, das Wort der Stunde: „Die Nacht ist schwanger.“ Niemand weiß, welchen Tag sie gebären wird.

Bis 25. Juli.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Almine Rech, Mitra Tabrizian/Galerie Almine Rech, Reza Derakshani/Galerie Almine Rech, Shoja Azari & Shahram Karimi/Leila Taghinia-Milani Heller/Galerie Almine Rech

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