15. Dezember 2009
Business-Knigge 

Kulturtipps

Von Florian Vollmers



22. Juni 2009 
reingelesen :: Bücher



Johannes Groschupf: Hinterhofhelden Eichborn Verlag, 218 Seiten, 19,95 Euro



Hans ist 20, kommt vom Land und will, „weil er sonst nichts vorhat“, in Berlin studieren. Zeit: die achtziger Jahre. Ort: der Berliner Stadtteil Neukölln. Hans zieht in eine kleine Hinterhofwohnung und merkt schnell, dass das deftige Leben seiner Straße ganz anders ist als das, was man ihn an der Uni lehrt. Er verliebt sich, kommt in Konflikt mit dem Gesetz und wird schließlich erwachsen. Mit trockenem Humor, aber nie albern, sondern ungeheuer lebensnah erzählt der 46-jährige Johannes Groschupf in seinem zweiten Roman von den Lebenserfahrungen eines jungen Studenten. Sehr zu empfehlen.



http://www.eichborn.de



Nicolas Dickner: Nikolski Frankfurter Verlagsanstalt, 302 Seiten, 19,90 Euro



In verschiedenen Winkeln Kanadas wachsen drei Jugendliche auf, die - ohne voneinander zu wissen - miteinander verwandt sind. Alle drei landen irgendwann in „Petite Italie“, einem belebten Stadtviertel von Montreal, und laufen sich dort über den Weg - was nicht ohne Folgen bleibt. Der erste Roman des in Kanada als neues Wunderkind gefeierten Nicolas Dickner (Jahrgang 1972) ist ein geradezu berauschendes Leseerlebnis. Denn „Nikolski“ erzählt nicht einfach nur eine Geschichte. Das Buch ist zudem prallvoll mit Gedankenblitzen und kleinen Ausflügen in die Fischkunde, die Mathematik, zu Piraten und Computer-Freaks.



http://www.frankfurter-verlagsanstalt.de



Richard Corben, Rich Margopoulos: Welt des Schreckens: Edgar Allan Panini Verlag, 116 Seiten, 19,95 Euro



Dass 2009 ein Edgar-Allan-Poe-Jahr ist, geht auch an der Comicszene nicht spurlos vorüber: Zu Ehren des vor 200 Jahren geborenen Schriftstellers von Albtraumgeschichten und Schauergedichten haben sich der Zeichner Richard Corben und der Autor Rich Margopoulos einiger Poe-Werke angenommen. Acht Gedichte und zwei Kurzgeschichten - darunter der Klassiker „Das verräterische Herz“ - haben sie sehr frei in expressive moderne Comic-Bilder übersetzt: Ein stimmungsvoller Beitrag zum Horror-Genre, passend in klassischem Schwarzweiß gehalten.



http://www.paninicomics.de





reingehört :: Hörbücher



Régis Loisel, JB Dijan, Vincent Mallié, Franois Lapierre: Der große Tote Ehapa Verlag, 60 Seiten, 12 Euro



Eigentlich wollte die Studentin Pauline in die Bretagne fahren, um auf dem Land für die Uni zu lernen. Doch mitten in der Pampa bleibt ihr Auto liegen. Ein Fremder bietet ihr ein Obdach in seinem Häuschen an. Dort erzählt er Pauline vom „kleinen Volk“, das in einer Art Parallelwelt lebt. Zunächst lacht die Studentin. Aber schon wenig später befindet sie sich selbst unter dem „kleinen Volk“ und muss aufregende Abenteuer bestehen. Zu dieser opulenten neuen Serie hat sich eine ganze Garde französischer Comic-Autoren zusammengefunden und einen für das Fantasy-Genre angenehm zurückhaltenden, wunderbar faszinierenden ersten Teil geschaffen. Teil 2 erscheint im Juni.



http://www.ehapa-comic-collection.de



Jochen Malmsheimer: Flieg Fisch, lies und gesunde oder: Glück, wo ist dein Stachel? Roof Music, 2 CDs, 17,95 Euro



Der Bochumer Kabarettist Jochen Malmsheimer wurde in diesem Jahr mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Passend dazu ist sein aktuelles Bühnenprogramm „Flieg Fisch, lies und gesunde“ auf CD erschienen. Malmsheimer liefert einen wohltuenden Kontrast zur allseitigen Comedy-Blödelei: Seine Monologe sprühen nicht nur vor Witz, sondern auch vor Intelligenz. Ob er dabei vom Brot spricht, das früher besser schmeckte, oder die Entwicklung der Alterspyramide kommentiert: Malmsheimer spielt kunstvoll mit der Sprache, baut grandiose Sätze und zelebriert das Absurde bis hin zur Poesie.



http://www.roofmusic.de



Heinz Strunk liest Fleckenteufel Roof Music, 4 CDs, 19,95 Euro



Als männlicher Gegenentwurf zu Charlottes Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ wurde Heinz Strunks „Fleckenteufel“ bei Erscheinen im Frühjahr angepriesen. Weil der episodische Roman um einen pubertierenden Spätzünder im Schleswig-Holstein der siebziger Jahre alles andere ist als das, sondern vielmehr das schaurig-schöne Bild einer gewöhnlichen Jugend, fiel er womöglich bei der Kritik durch. Man sollte „Fleckenteufel“ eine zweite Chance geben und sich das grandiose Hörbuch zu Gemüte führen: Heinz Strunk liest selbst in seiner unnachahmlichen, leicht gequälten Art, die wunderbar zu den Nöten seines Helden passt, und muss selbst zwischendurch lachen, wenn erotische Irrungen, peinliche Gruppenspiele und alkoholische Exzesse penetrant genau beschrieben werden.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 96