12. Dezember 2009
Business-Knigge 

Dirty dying

Wie wird man eigentlich Tatortreiniger, Herr Heistermann?

Von Christoph Koch




22. Juni 2009 
So durchgestylt wie in der Fernsehserie „C.S.I.“ sieht es in Wahrheit selten aus, wenn jemand stirbt. Im wirklichen Leben ist der Tod im wahrsten Sinne des Wortes ein schmutziges Geschäft. Christian Heistermann, 40 Jahre alt und selbständiger Berliner Gebäudereiniger, hat sich auf Tatortreinigung spezialisiert.

Zum ersten Mal habe ich schon mit zwölf Jahren in der Gebäudereinigung gejobbt. Das war in den Ferien, und meine Aufgabe bestand hauptsächlich im Wasserholen und Grundreinigen. Auch als mein Vater, der vorher Teppichreiniger im Bristol Hotel Kempinski am Kurfürstendamm gewesen war, sich 1985 mit einer Reinigungsfirma selbständig machte, half ich mit, wann immer ich konnte. Leider musste er 1989 Insolvenz anmelden - alles futsch. Immerhin hatte ich inzwischen die Ausbildung zum Gebäudereiniger, später kamen noch der Meistertitel, der Betriebswirt sowie diverse Fortbildungen bis zum Fachwirt für Gebäudemanagement dazu.

Nachdem ich im Fernsehen eine Dokumentation über Tatortreiniger in den USA gesehen hatte, stellte ich schnell fest, dass es so etwas auf dem deutschen Markt in qualifizierter Form noch nicht gab. Also entschloss ich mich, Deutschlands erster zertifizierter Tatortreiniger zu werden. Auftraggeber sind meistens Hotels oder Hausverwaltungen. Bei dem Begriff „Tatort“ darf man dabei nicht immer sofort an Mord und Totschlag denken, viel häufiger machen wir sauber, wenn jemand bei einem Unglück oder eines natürlichen Todes gestorben ist. Was es ja nicht weniger dramatisch macht, wenn man zum ersten Mal einen Fuß in die Wohnung setzt, in der wochenlang eine Leiche vor sich hinverwest ist.

Was die wenigsten wissen: Wer mit Leichen hantiert, muss erst einmal Gesetzestexte lesen: vom Infektionsschutzgesetz (IfSG) bis zum Bestattungsgesetz (BestG). Schließlich besteht bei jeder Leiche Infektionsgefahr, da ist es wichtig, gut vorbereitet und ausgebildet zu sein. Dass manchmal einfach nur der Hausmeister zur Reinigung gerufen wird, ist verantwortungslos. Ich arbeite mit maximalem Arbeitsschutz, das heißt Vollkörperanzug, Atemschutz, Hand- und Überschuhe und Desinfektionsdusche - dieselben Standards wie bei der Seuchenbekämpfung.

Man muss Blut sehen und mit Dreck umgehen können - man muss hart sein, aber auch Herz haben.

Das Ekligste, was ich bisher in meiner Laufbahn zu Gesicht bekam, war die Wohnung eines Heroinabhängigen, der sich einen goldenen Schuss in eine Arterie gesetzt hatte und anschließend verblutet war: Die ganze Wohnung war von oben bis unten mit Blut verspritzt - und auch schon vorher vollkommen verwahrlost und verdreckt gewesen. Ebenfalls schlimm ist es, wenn alte Leute wochenlang unbemerkt tot in ihrer Wohnung liegen. Eine Couch zu entsorgen, auf der vier Wochen eine Leiche lag, ist nicht unbedingt ein Picknick. In solchen Momenten muss man dann aufpassen, dass einem nicht nach zwei Schritten alles hochkommt.

Wenn es ganz hart wird, versuche ich mich dann immer zu beruhigen und rational zu denken: Dreck ist erst einmal nur Materie am falschen Platz, sage ich mir dann. Und mein Job ist es, diesen Dreck restlos und sachgemäß zu entfernen. Dafür kann je nach Situation eine Menge Ausrüstung und Technik erforderlich sein: Enzymreiniger, Ozongeräte, Sprühkannen, Geruchsneutralisatoren, Sprühextraktionsgeräte. Aber egal, wie technisch man die Reinigung eines Tatorts betrachtet, man kommt immer an den Punkt, wo man das Schicksal hinter der Leiche sieht und es einen berührt. Man fragt sich dann zum Beispiel, warum ein junger Mensch Selbstmord begeht. Warum sich einer zu Tode säuft. Oder sich ein anderer mit Heroin einlässt. Dann stellt man sich manchmal für einen Moment die Person in der Vergangenheit vor: lachend, lebendig, glücklich. Und dann macht man den Fleck weg, den sie hinterlassen haben. Gott sei mit ihnen.

Natürlich muss ich auch manchmal mit Angehörigen sprechen. Das ist immer eine sehr schwierige Situation, auf die ich mich jedes Mal neu einstellen muss. Beim Mitfühlen und -trauern darf ich nicht zu weit in die Privatsphäre eindringen. Ich bin kein Lebensberater, kein Psychologe, sondern kann am Ende nur - meist technische - Ratschläge geben. Dieses Feingefühl in solch schwierigen Situationen versuche ich auch meinen Auszubildenden beizubringen. Momentan werden sieben meiner 40 Mitarbeiter auf dem Gebiet der Tatortreinigung geschult. Um einen möglichst realistischen Eindruck von den Gegebenheiten vor Ort zu übermitteln, haben wir auch schon einen Filmrequisiteur beauftragt, ein Badezimmer mit Kunstblut und lebenden Maden herzurichten - als Übungstatort. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass es nicht einfach ist, jemanden zu finden, der geeignet für den Job ist. Man muss Blut sehen und mit Dreck umgehen können - man muss hart sein, aber auch Herz haben.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 98
Bildmaterial: Lydia Leipert