14. Oktober 2009
Sagen Sie uns, was Sie tun, und wir sagen Ihnen, wer Sie sind. Zwei weitere Beispiele aus unserer Typenkunde.
Die Innenarchitektin:
Wenn sie bei Freunden zu Besuch ist und auf den Ikea-Kunstdruck an der Wand starren muss, wenn sie bei Kundenterminen auf einem billigen Ebay-Imitat eines Designklassikers sitzt oder wenn sie erfährt, dass Bekannte sich einen blauen, dünnen Teppichboden ins Schlafzimmer haben legen lassen, nur, weil er so schön strapazierfähig ist, dann - ja dann verkrampft sich ihr Kiefer, die Muskeln spannen an und ihr Lächeln wirkt wie eine anstrengende Fratze. Hört sie dann noch Menschen sagen, beim Geschmack gibt es kein richtig oder falsch, einrichten kann sich doch im Grunde jeder selbst, fängt sie endgültig an zu zweifeln: An der Menschheit. An sich. Und vor allem: an der Daseinsberechtigung ihres Berufs. Nur noch eine kleine, sinnlose Spritztour mit ihrem alten, Sprit saufenden Jaguar, im edlen Hosenanzug und im Fahrtwind rauchend, kann sie jetzt beruhigen.
Dabei hätte sie mit ihrem Einserabitur Jura oder Medizin studieren können, etwas Klares, Solides, so wie es ihr Unternehmervater ihr geraten hatte. Doch das wäre zu einfach gewesen und der Erfolg zu vorhersehbar. Sie wollte etwas Schönes und gleichzeitig Karriere machen, außerdem hatte sie schon früher gerne die Möbel in ihrem Kinderzimmer verrückt. Ständig jettet sie nun um die Welt. Nicht im Auftrag von Kunden, sondern um sich auf Messen in Mailand von neuen Tapetenmustern inspirieren zu lassen, um in Südindien die neusten SPA-Trends in kleinen Boutique-Hotels zu erkunden oder um die neusten Einrichtungsstile in Stockholms Nachtleben aufzuspüren. Schon lange fressen all diese nachhaltigen Investitionen ihren Umsatz aus kleinen Aufträgen für wohlhabende Bekannte und die örtliche Sparkasse auf. Dass ihre beiden Kollegen in ihrer Bürogemeinschaft sie dabei erwischen, wie sie heimlich auf ihr Online-Konto starrt und dabei murmelt Scheiß-Geiz-ist-geil-Gesellschaft, ist daher alles andere als unüblich.
Das legt sie im Supermarkt in ihren Korb: Illy Espresso und zwei Flaschen Champagner auf Vorrat.
So macht sie mit ihrem Partner Schluss: indem sie ihm beichtet, sie versuche es nun schon seit einiger Zeit mit einer Frau.
Das macht sie auf ihrem zehnjährigen Abiturtreffen: ausloten, wer Beratung beim Einrichten seiner ersten Zahnarztpraxis braucht.
So verbringt sie eine Party, auf der sie niemanden kennt: heimlich Wackelbilder von den Tanzenden mit ihrer Handykamera schießen, die sie später großformatig abzieht und Kunden für teures Geld verkauft.
Das hält sie für schön: japanische Kimonos.
Ihr Lieblingsgetränk: Ingwertee.
Das hängt über ihrem Bett: eine Reitgerte, besetzt mit Swarovski-Kristallen.