19. Dezember 2009

Wir behaupten

Das ist ja mal wieder typisch: Die Controllerin

Von Mathias Irle und Christoph Koch



Die Controllerin
22. Juni 2009 
Sagen Sie uns, was Sie tun, und wir sagen Ihnen, wer Sie sind. Zwei weitere Beispiele aus unserer Typenkunde.

Die Controllerin:

Schon zu Schulzeiten verhandelte sie bei Urlauben an der südfranzösischen Atlantikküste noch mit dem Campingplatzbesitzer über einen Mengenrabatt, während die anderen schon bekifft vor ihren Zelten lagen. Und auch heute noch ist sie es, die bei Reisen mit Freunden in fremde Städte den Stadtplan in der Hand hält, U-Bahn-Tickets für alle löst und vorschlägt, ob man nicht vorher noch günstig bei Aldi was einkauft - schließlich habe man ja noch Platz im Kofferraum. Dass sie sich während ihres BWL-Studiums in einer bayrischen Kleinstadt von Beginn an auf das Controlling festlegte, war so gesehen keine Überraschung. Zudem eine Wahl, die ihren Vater - einen Steuerberater mit eigener Kanzlei - mehr als erfreute. Mit gelbem Polohemd und einem kinnlangen Bob-Schnitt mit Pony sitzt sie nun „ganz gezielt“ in ihrem Büro in einer Werbeagentur - schließlich wittert sie hier „maximale Verschwendung“. Während die Kreativen beim Kickern „brainstormen“, rechnet sie mit spitzem Bleistift, ob nicht zu viele Farbausdrucke gemacht worden sind oder was es „unterm Strich“ bringen würde, wenn die Art-Direktoren in Zukunft zweiter Klasse fahren würden. Geliebt vom Geschäftsführer, erstickt sie auf diesem Weg so manchen vermeintlichen kreativen Höhenflug im Kern und konfrontiert die Jungwerber „endlich mit der Realität“. „Von nichts kommt nichts“, sagt sie gerne. Doch so verbissen sie ihre Mission gegen „Gedöns“ und „Schnickschnack“ beim Beruf führt, so ehrgeizig kann sie gleichzeitig feiern. „Natürlich ganz ohne Alkohol“ tanzt sie dann bis zum frühen Morgen, lacht, flirtet und nimmt noch „einen Kerl“ mit nach Hause. Doch wehe, dieser schläft alkoholbedingt - miefend und schnarchend - noch in Klamotten auf ihrem Sofa ein. Resolut setzt sie „den Schlaffi“ dann vor ihre Tür. Und selbst wenn er darum bettelt, gibt es kein Taxi, sondern höchstens ein Ticket für die U-Bahn.

Das legt sie im Supermarkt in ihren Korb: Brillenputztücher und einen günstigen 10-Kilo-Sack Kartoffeln.

So macht sie mit ihrem Partner Schluss: Sie zieht eine negative Bilanz unter ihre immateriellen Beziehungskosten und trennt sich.

Das macht sie auf dem zehnjährigen Abiturtreffen: mit dem ehemaligen Mathelehrer verschwinden.

So verbringt sie eine Party, auf der sie niemanden kennt: andere Gäste anhalten, dass sie erst ihr Bier leer trinken sollen, bevor sie ein neues, frisches öffnen.

Das hält sie für schön: Brunchen gehen.

Ihr Lieblingsgetränk: ein Wasser mit viel Kohlensäure.

Das hängt über ihrem Bett: eine Autogrammkarte von Friedrich Merz.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 97
Bildmaterial: Dana Zimmerling