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| Und was ist mit Tee? |
18. Oktober 2004
Mittelurinstrahltrinker, morgendliche Eisduscher und Eigelb-in-die-Haare-Schmierer wollen vor allem eins: Mitmenschen, die nach Erholung, Heilung und Regeneration dürstest, in die Arme der Schulmedizin und Pharmaunternehmen treiben.
Die Hautreizung maß ungefähr zwei mal einen Zentimeter, sie befand sich auf der Innenseite meines Unterarms, und gelegentlich fing sie an zu jucken. Sie war von einem auf den anderen Tag aufgetreten. Sie war nicht schön, und nach einer kurzen Zeit fing sie an, mich zu nerven. Ich wollte den Grund für ihr Auftreten verstehen, das Warnsignal, das sie ausstrahlte, ihren tieferen Sinn. Deswegen ging ich nicht sofort zu einem Arzt. Bis zu dem verhängnisvollen Treffen. Es war an einem Sonntagmorgen. Gemeinsam mit Freunden traf ich mich zu einem Brunch. Wir lachten. Wir diskutierten. Wir hatten Spaß. Da entdeckte ein Bekannter eines Freundes meine Reizung. Ganz fest ummantelte er mit seiner Hand mein Handgelenk, drehte meinen Arm hin und her, schaute mir in die Augen (oder war es meine Iris?), dann stand die Behandlung fest: "Morgens mit dem Mittelstrahl auf die Reizung urinieren, sieben Mal die Woche", rief der selbsternannte Retter lauthals aus. Alle glotzten nun auf meinen Unterarm. Einige wollten nichts mehr essen. Jemand guckte mich erschrocken an, und ich hörte das Wort "Mitleid". Der Bekannte lachte laut, sagte: "Das ist nicht schlimm. Das mache ich auch. Das ist Natur."
Hatte er auf diese Hand am Morgen uriniert?
Dann hörte ich sein dröhnendes Lachen, und er schlug mir mit seiner Hand auf die Schulter. Hatte er auf diese Hand am Morgen uriniert? Eilig verließ ich das Cafe. Am nächsten Morgen ging ich als erstes zu meinem Arzt. Um mir ein möglichst scharfes Mittel gegen die Reizung verschreiben zu lassen. Von einem bekannten Pharmahersteller. Am besten mit Cortison. Der tiefere Sinn der Krankheit? War mir plötzlich egal. Sanfte Medizin? Interessierte mich nicht mehr. Ich haßte nur den Bekannten. Für die Bloßstellung. Für das überhebliche Getue. Für das Einmischen in meine Krankheit. In meiner Nase roch es nach Urin. Doch während ich die cortisonhaltige Creme auf meinen Arm schmierte, wurde ich stutzig: Warum hatte der Bekannte so laut gelacht? Aus Freude über sein Wissen? Aus Gehässigkeit, weil er mich erniedrigt hatte? Oder war es ein Lachen des Triumphs, weil er meine Reaktion schon erahnte? Weil er wußte, daß ich nicht so sein wollen würde wie er. Weil er ahnte, daß ich deshalb nicht zur sanften Medizin griff. Weil er mich in die Arme der Schulmedizin treiben wollten - wahrscheinlich bekam er eine Provision. Von der Pharmaindustrie. Oder der Vereinigung der Kassenärzte. Dafür, daß er als abschreckendes Beispiel, als abzulehnendes Rollenmodell fungierte. In meiner Rage beschloß ich, fortan Menschen wie ihn zu beobachten. Und registrierte eine Vielzahl von verschiedenen Exemplaren: Da waren die Menschen, die morgens eiskalt duschten und von der Stärkung ihres Immunsystems begeistert erzählten. Sie hatten meistens aschweiße, fahle Haut und waren häufig krank. Andere, vor allem Frauen, erzählten, wie sie sich Eigelb in ihre Haare schmierten, angeblich gegen Spliß. Fast alle von ihnen waren solo und hatten brüchiges Haar.
Ich hätte Mundfäulnis, erklärte ich dem Heiler.
Und ich entdeckte starke Raucher, die an den Fingernägeln kauten und in ihrer Fahrigkeit häufig Dinge aus Versehen auf den Boden warfen. Sie schwärmten von der beruhigenden Kraft des Yogas. Meine These schien sich zu bestätigen. Doch nur meine Beobachtungen waren noch kein Beweis. Ich versuchte deshalb mit Hilfe eines befreundeten Computerexperten, ihre Kontobewegungen zu durchleuchten - von wem erhielten sie ihre Gelder und vor allem: Wonach wurden sie bezahlt? Per Gewinnbeteiligung? Je nach Schwere der Krankheit? Oder pro Patient? Doch wir scheiterten an ihren Sicherheitsvorkehrungen, als Paßwörter versuchten wir "Brennessel", "Amalgam" und "Feng-Shui". Da kam mir eine Idee. Eine durchtriebene. Eine raffinierte. Eine, die klappen mußte. Ich rief alle meine Freunde und den Bekannten an, wir sollten mal wieder zum Brunch. Im Café setzte ich mich sofort neben den ungesund aussehenden Heiler, und als er gerade die Wurst anschnitt, zückte ich eine Sigg-Flasche. In ihr hatte ich angeblich Urin. Großzügig goß ich es in mein leeres Sektglas, nahm einen tiefen Schluck, dann gurgelte ich noch ein wenig im Hals. Ich hätte Mundfäulnis, erklärte ich dem Heiler, und ich dankte ihm noch einmal für den Hinweis mit dem Urin. Ihm mache das ja sicherlich nichts aus. Schließlich handele es sich um Natur. Schon nach wenigen Minuten verließ er das Café. Der Freund von ihm erzählte mir wenig später, der Bekannte mache plötzlich Sport, hätte kürzlich zum ersten Mal nach einer Feier eine Kopfschmerztablette genommen und sehe blendend aus. Auch habe er einen anderen Job. Ich hingegen fing an, meine Hautreizung mit meinem Mittelstrahl zu behandeln. Jeden Morgen. Sieben Tage die Woche. Kurze Zeit später war sie verschwunden.