15. November 2009
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Was Berufstätige gegen Streß empfehlen



Vier mal Tips gegen Streß
18. Oktober 2004 
Streß ist nicht nur ein unangenehmes Gefühl - zu viel Streß kann sogar krank machen. Ein Leben ohne Streß ist aber vor allem im Berufsleben kaum vorstellbar. Wie soll man also mit Streß umgehen? Wir haben vier Young Professionals nach ihren Rezepten gefragt.

DIE JURISTIN

Die Stressoren
Angeklagte, die einem nicht genügend Respekt zollen? Das ist eher ein geringes Problem bei der Arbeit in der Staatsanwaltschaft. Mehr Streß verursachen da schon die Aktenberge und die damit verbundene Monotonie. Man sitzt in seinem Büro, ein Mann kommt mit einem Teewagen voller Akten rein, und die Sachen werden nach Buchstaben auf die Staatsanwälte verteilt. Im Durchschnitt 20 Stück pro Tag. Man muß nun reinschauen, sich die Verhöre der Polizei durchlesen, sich den Ermittlungsstand vergegenwärtigen und dann entscheiden: Ob man den Fall zum Beispiel wegen Geringfügigkeit einstellt oder weiterverfolgt. Besonders anstrengend: Wenn es sich um Verbrechen handelt, die einen persönlich sehr berühren, zum Beispiel sexueller Kindesmißbrauch. Sich die Bilder vom Ort des Geschehens anzuschauen, die Fotos von den Angeklagten und den Opfern, das macht ein solches Verbrechen extrem real.

Maja Menzel, 28, Volljuristin

Die Mittel dagegen
Um mit Verbrechen wie Kindesmißbrauch umgehen zu können, hilft es mir, wenn ich nach Feierabend mit Freunden darüber sprechen kann. Aber auch: die Phantasie zurückschrauben, nicht an die zwischenmenschlichen Folgen eines solchen Verbrechens denken und sich nur auf die Fakten des Falls zu konzentrieren. Und was die Bewältigung der Aktenberge betrifft: sich auf keinen Fall zu sehr in Details verlieren, mit Satzbausteinen arbeiten, wenn man die Schriftsätze zu den Fällen verfaßt und immer das Wesentliche im Auge behalten.
Maja Menzel, 28, Volljuristin



DER LEHRER

Die Stressoren
In der ersten Stunde hat man eine Klasse fünf in Englisch, gleich danach einen Leistungskurs und wieder gleich im Anschluß Sport bei Jungs aus der Acht. Täglich bis zu sechsmal umschalten, sich vom Sprachniveau her anpassen, genau wissen, was man in der letzten Stunde gemacht hat und welche offenen Hausaufgaben im Raum stehen, das alles kann sehr anstrengend sein. Bei über 150 verschiedenen Schülern, und keinem, der freiwillig wegen einer Aufgabe zu einem kommt. Und dann will man ja die Dinge auch möglichst gut machen, alle fair behandeln, die richtigen Noten vergeben. Anfeindungen nicht persönlich zu nehmen oder mit Zweifeln umzugehen, ob man jemanden gerecht beurteilt hat, das finde ich auch nach ein paar Jahren im Job nicht leicht. Denn letztlich will man tatsächlich das Beste für die Schüler, auch wenn die und einige Eltern einem das selten glauben. Ach ja, und wenn man als Lehrer bei jemand Außenstehendem über die anstrengenden Seiten des Berufs klagt, wird man nur selten ernstgenommen - auch das nervt ungemein.

Jens Kraemer, 30, Gymnasiallehrer an einer Schule in Langenfeld

Die Mittel dagegen
Am besten wäre es natürlich, man könnte sich nach jeder Stunde über jeden Schüler eine Notiz machen. Dann hätte man für seine Urteile gegenüber Schülern, Eltern und sich selber etwas in der Hand. Leider ist das jedoch nur in den seltensten Fällen möglich und man kann dieses Defizit nur durch Leistungsüberprüfungen zu kompensieren versuchen. Außerdem mache ich mir täglich auf dem Weg zur Arbeit Notizen und einen Plan: An was genau muß ich in jeder Unterrichtsstunde denken? Wer hat noch etwas vorzuzeigen? Was war in der letzten Stunde los? Und, ganz wichtig: den Austausch mit den Kollegen im Lehrerzimmer zu suchen. Bei uns hat es sich eingebürgert, daß an jedem Tag irgendwer etwas für die Allgemeinheit mitbringt: Kuchen, Süßigkeiten, Getränke. Dann wird das Lehrerzimmer zu einer Art Oase, bevor man außerhalb wieder unter permanenter Beobachtung steht.
Jens Kraemer, 30, Gymnasiallehrer an einer Schule in Langenfeld

DER AUSSENDIENSTMITARBEITER

Die Stressoren
Im Außendienst verursachen vor allem drei Dinge potentiell Streß: Termine - in meinem Fall vor allem Gespräche mit Ärzten oder Krankenhausmanagern - die ich trotz Staus auf der Autobahn einhalten muß. Umsätze, die ich jeden Monat erfüllen muß und die anfangs fast immer in meinem Kopf präsent waren und unweigerlich zur Frage führten: "Welche Mittel kannst du noch einsetzen, um mehr zu verkaufen und wo in deinem Zeitplan kannst du noch zusätzliche Termine einbauen?"
Erst jetzt, nach Jahren, habe ich gelernt, schlechte Zahlen auch einmal für eine Zeit zu vergessen - was sehr gut ist für Stressor Nummer drei: Immer sympathisch zu wirken, gut drauf zu sein. Denn nur, wenn man seinen Streß, Launen und private Sorgen verdrängen kann, ist man in der Lage, sich wirklich auf sein Gegenüber zu konzentrieren und das Wichtigste in meinem Beruf zu erfüllen: die Wünsche der Kunden zu erfassen.


Die Mittel dagegen
In Verkaufstrainings wird einem erzählt, man solle vor den Gesprächen mit Kunden an schöne Dinge denken, dann bliebe der Druck schon vor der Tür. Möglich, daß das einigen hilft - mir nicht. Das beste Mittel, um sich vor Streß zu schützen, ist ein guter Plan. Den schreibt man am besten am Anfang der Woche. So realistisch wie möglich, was die Anzahl der Termine angeht. Und bei jedem Termin läßt man mindestens eine Stunde Luft. Das gibt einem Sicherheit, Kontrolle und Struktur. Vor schlechter Laune schützt er einen jedoch nicht. Deshalb mein Rat: Wenn es irgendwie geht, bleibt man am besten an diesen Tagen im Büro. Man verschiebt seine Termine. Und fährt nur im Notfall los. Denn schlechte Stimmung vergeht in der Regel am nächsten Tag. Ein mißratener Termin hingegen wirft einen unter Umständen um Monate zurück, was das berufliche Selbstbewußtsein betrifft.
Dirk Paßmann, 39, Geschäftsstellenleiter im Außendienst der Medizintechnologiefirma Biotronic



DER UNTERNEHMENSBERATER

Die Stressoren
Wenn man gerade eine Präsentation oder etwas Ähnliches abgeliefert hat und plötzlich der Anruf mit der Hiobsbotschaft kommt, das müsse alles ganz anders aussehen, merkt man natürlich schon, wie der Puls kurz beschleunigt. Das kann wohl niemand abstreiten. Genauso können einen "extrem dringende" Anrufe stressen, die grundsätzlich frühmorgens oder spät am Abend stattfinden und sofortige Lösungen, Ideen oder Geistesblitze erfordern. Streß produziert manchmal natürlich wieder neuen Streß, zum Beispiel wenn man so unter Druck gerät, daß man die Unterlagen für einen wichtigen Termin vergessen hat - oder plötzlich nicht mehr genau weiß, wo dieser Termin stattfindet.

Till Erdmann, 31, Manager bei der Pharma-Unternehmensberatung Type Two Ltd.

Die Gegenmittel
Bei vielen dieser Horror-Szenarien, bei denen man kurz den Boden unter den Füßen verliert, hilft es mir, kurz anzuhalten und mich zu fragen: "Wann habe ich das letzte Mal etwas derartig in den Sand gesetzt, daß ich dafür gefeuert, verhaftet oder für immer als Versager abgestempelt wurde"? Die Antwort fällt ja dann meistens ungemein beruhigend aus. Bei Streßanrufen ist es wichtig, selbst extrem ruhig und freundlich zu bleiben, auch wenn es zunächst nur gespielt ist. Das wirkt sich direkt auf den Anrufer aus und der schaltet auch erstmal einen Gang runter. Da sich gute Ideen nun mal nicht erzwingen lassen, finde ich es dann wichtig, erstmal ein bißchen Zeit zu gewinnen. Also: Auflegen, meinetwegen unter einem Vorwand und das unterbrochene Frühstück weiterführen. Wenn man damit fertig ist, hat man in den meisten Fällen schon eine rettende Idee gehabt. Außerdem hat man etwas im Magen und bessere Laune.
Till Erdmann, 31, Manager bei der Pharma-Unternehmensberatung Type Two Ltd.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 74, 2004
Bildmaterial: privat