19. Dezember 2009
Blumen statt Autos: Ob die Setzlinge auf dem Parkplatz angehen werden, weiß keiner so genau. Dafür wird die Farbe halten.

Kampf der Betonwüste

Guerilla-Gärtner

Von Frauke Proganatz



14. Oktober 2009 Urbane Untergrundgärtner gibt es mittlerweile in fast allen deutschen Großstädten. Die in Berlin lebende Studentin Nina ist eine von ihnen. Ihr bislang größter Coup: Die friedliche Besetzung und Bepflanzung eines brachliegenden Grundstücks - mitten in der Stadt.

Gleich werden Bomben fliegen. Nina und ihre ? Guerilla Gardeners haben die p Seedbombs schon vor zwei Wochen gebastelt. Ihr Ziel: eine riesige Konzerthalle in Berlin, für Nina der Inbegriff des Betons. Bomben? Guerilla? Geht es um Krieg? Die 26-Jährige wirkt zumindest überhaupt nicht aggressiv oder zerstörungswütig. Im Gegenteil: Sie studiert Restaurierung auf Diplom. Und tatsächlich will sie mit ihrer geballten Samenmischung aus blauer Kornblume, Senf und Bohnen nichts zertrümmern, sondern vielmehr verschönern. Blumen und Bäume statt Asphalt und Beton, so stellt sie sich ihre Stadt vor:
Bedenken, dass sie eventuell mit ihren Einpflanzungen oder geworfenen Seedbombs etwas Illegales anstellt, hat sie nicht: „Wer sollte wirklich etwas gegen Blumen haben? Ich fände es geradezu lächerlich, wenn man unsere kleinen, eher symbolisch gemeinten Aktionen ahnden würde.“ Doch ganz so sicher scheint sie sich nicht zu sein, sonst würde sie nicht darum bitten, ihren Namen im Hochschulanzeiger zu ändern.

Geschafft: Glücksmomente einer Guerilla-Gärtnerin.

Auf ihrer Bombentour per Drahtesel wird Nina heute von Martin (auch er möchte anonym bleiben) begleitet. Er ist neu und hat bisher noch keine Ahnung, was ihn als Guerilla-Gärtner so alles erwartet. Auf dem Weg zur Konzerthalle macht Nina einen Zwischenstopp bei einem Autohaus. Sie will ein Blümchen pflanzen und in roter Signalfarbe ihre Botschaft auf einen großen Steinblock malen: „Blumen statt Autos!“ Martin findet die Idee zwar gut, zögert aber: „Wäre das nicht besser eine Aktion für die Nacht? Ich steh' lieber nur Schmiere!“

Schon buddelt Nina ein Loch direkt vor die Autos, legt dort eine Wildblume hinein und pinselt gehetzt los. Wie rotes Blut als Beweis ihrer „Tat“ klebt die Farbe an ihren Händen fest. „Eigentlich wäre es ja ganz interessant, wenn mich jetzt jemand ansprechen würde. Dann könnte ich erklären, worum es mir geht“, sagt sie. Trotzdem beeilt sie sich, wieder aufs Rad zu steigen.

Recycling: Aus alten Autoreifen werden im Hand - umdrehen Blumentöpfe.

Es geht zur riesigen O2-Arena, einer Konzerthalle, die mit ihren Wachmännern an der Grundstücksgrenze an einen Hochsicherheitstrakt erinnert. „Das wirkt bedrohlich“, sagt Nina und schiebt hinterher: „Wir haben uns vor ein paar Tagen auf das Dach der Konzerthalle geschlichen - angeblich um die Aussicht zu genießen - und haben dort ein paar Seedbombs abgeworfen.“ Jetzt will die Guerilla-Gärtnerin nachschauen, ob der Samen auch aufgegangen ist, und gegebenenfalls die Aktion wiederholen.

Doch der geplante Dachbesuch fällt heute flach: Die Balkone der Halle sind voll mit Besuchern, vermutlich eine Konzertpause. Martin und Nina packen ihre Seedbombs wieder ein und setzen sich auf die Wiese vor der Arena. Sie tun so, als ruhten sie sich aus. Stattdessen graben sie mit kleinen Schippen drei Löcher ins Gras: Für einen Apfelbaum, eine Tomatenstaude und eine Ringelblume. „Immer wieder ein schönes Gefühl, einen Baum zu pflanzen!“, freut sich Martin. Nina wirft vor dem Heimgehen noch eine Bombe auf den Parkplatz neben der Halle und hofft, dass die Samen dort zu Pflanzen werden können.

Seedbomb-Rezept:Man nehme eine Handvoll Erde, mische sie mit einem Teelöffel Samenkörner und forme das Ganze zu kleinen Kugeln.

Wirklich gedeihen hingegen kann alles Grüne auf ihrem gekaperten Stück Land mitten in Berlin. Letztes Jahr besuchte Nina einen Guerilla- Gardening-Workshop zum Thema Nutzpflanzen und war sofort begeistert. Ihr gefiel die Idee, sich durch Eigenanbau selbst versorgen zu können - unabhängig vom Supermarkt. „Die Parks in der Stadt sind einfach viel zu künstlich. Weder Kräuter noch Gemüse oder Obstbäume sind zu sehen. Nutzpflanzen sind hier einfach kein Thema“, kritisiert Nina das Berliner Grünanlagenkonzept.

Zusammen mit den Workshopteilnehmern machte sie sich also auf die Suche nach einem möglichen Gartenplatz. Bald entdeckten sie hinter Baubretterzäunen ihre zukünftige grüne Oase, auf die locker zwei typische Berliner Altbauten passen würden: zentral und direkt an der Spree gelegen. Und zudem würden sie mit diesem Ort gleichzeitig ihre politische Botschaft demonstrieren können, dass sie gegen eine komplette Bebauung an der Spree in Berlin sind. „Wenn wir die Fläche gut nutzen und viele Nachbarn vom Garten profitieren, wird der Protest gegen die Bebauung hoffentlich größer sein“, erklärt Nina.

Der Anfang gestaltete sich zunächst zäh. Von den ursprünglich zwölf Gartenkämpfern blieben am Ende nur Nina und Petra über. Auch die Sache mit der Komposterde war nicht so einfach wie gedacht. Sie schrieben alle Nachbarn des Grundstücks an und baten um ihren Biomüll. Nur wenige kamen dieser ungewöhnlichen Bitte nach. Am Ende brachten Nina und Petra den eigenen Biomüll von daheim mit und kauften zusätzlich Muttererde ein.

Immerhin sprach sich das ungewöhnliche Gartenprojekt schnell im Freundes- und Bekanntenkreis herum. Im Frühling waren plötzlich an die zehn Leute mit von der Gartenpartie. Nina erzählt, dass es auch Tage gibt, an denen sie sich allein auf dem Grundstück aufhält. Das sei aber völlig in Ordnung, denn alle anstehenden Arbeiten basierten ja auf Freiwilligkeit, versichert sie. Wer gerade Lust auf den Garten habe, käme eben vorbei. Nur einen festen Gießplan gibt es, damit die Pflanzen nicht vertrocknen. Wasser ist in ihrem Garten kein Problem. Sie holen es sich mit einem Eimer am Seil direkt aus der Spree - ganz natürlich und kostenlos. Als Klo dient ein beliebiges Plätzchen im Garten irgendwo zwischen Busch, Baubretterzaun und Gebüsch.

Von Unannehmlichkeiten wie Ärger mit Anwohnern oder Vandalismus sind Nina und ihre Freunde bisher verschont geblieben. Lediglich die Angst, dass man sie irgendwann aus ihrem Paradiesgarten vertreiben könnte, ist immer präsent. Komplett von der Bildfläche verschwinden musste beispielsweise schon der Nachbarschaftsgarten „Rosa Rose“ in Berlin Friedrichshain in der Kinzigstraße. Vor fünf Jahren hatten ein paar Bewohner der Straße angeregt, einen Gemeinschaftsgarten zu entwickeln. Eine 2.000 Quadratmeter große, stark vermüllte und seit vielen Jahren brachliegende Fläche wurde bepflanzt. Doch dann fand sich ein Käufer für das Grundstück. Wo einst Gemüse, Kräuter und Obstbäume wuchsen, befindet sich jetzt eine Baustelle. Die Rosa-Rose-Gärtner mussten sich wohl oder übel eine Ersatzfläche suchen - wieder ohne zu wissen, wie lange sie diesmal bleiben können.

Nina und die anderen stehen noch ganz am Anfang, sie sind in ihrem ersten Jahr und hoffen auf weitere Mitstreiter. Wilder Klatschmohn und wilde Margeriten blühen. Und sogar jede Menge Schilf, in das sich ab und zu die Enten verirren, wächst auf der Fläche. Die Idylle mitten in der Stadt ist perfekt und lässt sogar die Baubretter ringsum vergessen. Nina, die Untergrundgärtnerin, liegt in der Hängematte. Im Einklang mit der Natur, von Aggression keine Spur. „Für mich hat es etwas Therapeutisches, fast wie Meditation. Und man beschäftigt sich mit etwas Sinnvollem.“

Phänomen Guerilla Gardening

In den 1970er Jahren kam der Begriff „Guerilla Gardening“ in New York auf. Grob gesagt geht es darum, an Orten zu gärtnern, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Dabei werden große Grundstücke zu Gärten umgestaltet. Oder die Gartenfreunde pflanzen hier und da in der Stadt ein Blümchen oder schmeißen einfach ein paar Samen ab. Eine - zumindest im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg - immer häufiger zu bewundernde Variante ist der sogenannte Baumscheibengarten: Der Platz rund um einen Baumstamm auf einer öffentlichen Straße wird zu einem Beet umgestaltet.

Guerilla-Links:

Die ersten Guerilla-Gärtner:
http://www.greenguerillas.org

Geschichte und „Kampf“ des Nachbarschaftsgartens „Rosa Rose“ in Berlin:
http://www.rosarose-garten.net

Ein guter Überblick in fünf Sprachen über Guerilla Gardening:
http://www.gruenewelle.org

Seedbombs selbst gemacht!

Zutaten und Mengenanteil:
1 Teil Samen (zum Beispiel Wildblumen und Kräuter), 3 bis 5 Teile Kompost oder Blumenerde, 3 bis 5 Teile Tonpulver (alle Zutaten trocken und gesiebt verwenden)

1. Samen vermischen.
2. Samen mit der Erde vermengen.
3. Danach das Tonpulver einmischen.
4. Dann nach und nach Wasser hinzugießen, und zwar nur so viel, dass die Masse leicht zu Kugeln zu verarbeiten ist. Tipp: Ist sie zu flüssig, wieder etwas Tonpulver, Samen und Erde hinzufügen.
5. Nussgroße Kugeln - die Seedbombs (auch Samenbomben oder Seedballs genannt) - mit den Händen formen.
6. Die fertigen Seedbombs zwei Tage in der Sonne trocknen lassen. Tipp: Keine Heizung o. ä. zum schnelleren Trocknen verwenden, da die Samen sonst unbrauchbar werden könnten.
7. Die Seedbombs „ausstreuen“ und wenn möglich ab und zu wässern.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 94
Bildmaterial: Frauke Proganatz
 
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