12. Mai 2008
Lange Zeit fristete der Tango in den hiesigen Tanzschulen ein Nischendasein. Zu abgehackt die Bewegungen, zu theatralisch der Ausdruck, zu melancholisch die Gefühle, befand das Publikum. Doch seit ein paar Jahren ist in deutschen Städten das Tangofieber ausgebrochen und erfasst alle, die Lust auf Leidenschaft verspüren - ob stressgeplagte Studenten, frustrierte Büroangestellte oder einsame Singles.
Spannung und Leidenschaft liegen in der Luft. Bei schummerigem Licht gleiten die Paare über das Holzparkett des Saales des Alt-Berliner Wirtshauses Max und Moritz. Sie bewegen sich anmutig zur Tangomusik. Ihre Oberkörper wirken beinahe starr, nur die Unterkörper scheinen in Bewegung zu sein. Da umhakt eine Frau mit ihrem Bein dramatisch das ihres Tanzpartners, sie macht einen p Gancho. Ein anderes Paar scheint einen Fußkampf auszufechten, eine Figur, die im Fachjargon p Sacada heißt. Für Außenstehende ist nicht ersichtlich: Sind diese Tanzpaare, die sich ganz aufeinander konzentrieren, Liebende oder nur flüchtige Bekannte? Zumindest sieht es so aus, als gäbe es für sie in diesem Augenblick nichts Wichtigeres, als sich gemeinsam dem Tango hinzugeben.

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Genau das hatte Hanna vor vier Jahren fasziniert, als sie einen Tangoauftritt bei einer Modenschau sah. Das wollte, das musste sie unbedingt lernen - und legte los. Anfangs wurde sie dabei von ihren Eindrücken überwältigt: Im täglichen Leben passiert es ja nicht oft, dass man so schnell jemandem sehr nah kommt. Irgendwie hat man das Gefühl, den anderen vielleicht schon ganz lange zu kennen, auch wenn man sich gerade zum ersten Mal begegnet ist.
Die Tangomusik tut ihr Übriges, indem sie diese Gefühle von Traurigkeit und Sehnsucht hervorruft, die augenblicklich jeden Tangotänzer in Beschlag nehmen, der sie hört. Wenn herzzerreißende Worte wie Der Spiegel ist beschlagen und sieht aus, als hätte er die Abwesenheit deiner Liebe beweint des großen Tango-Idols Carlos Gardel ertönen, kann es schon mal passieren, dass Augen feucht werden.
Es sind solche mit Liebeskummer getränkten, poetisch anmutenden Texte, die die meisten heute mit dem Tango verbinden. Genauso übrigens wie das Bandoneon mit seinem melancholischen Charakter. Das Instrument gehört so sehr zum Tango, dass es in vielen Liedern sogar besungen wird.
Ursprünglich ging es bei dieser Musik weniger anspruchsvoll und eher unbekümmert zur Sache. Die Texte spiegelten zum Großteil das alltägliche Leben einfacher Leute im Arrabal wider. So nannte man die Vorstadtviertel der argentinischen Hafenstadt Buenos Aires, in denen die Unterschicht lebte und wo europäische Einwanderer aus Italien, Spanien, aber auch aus Deutschland, Frankreich und Russland auf die im Land geborenen, entwurzelten, kreolischen Argentinier trafen. In diesen Vierteln wurde der Tango geboren und drückte das Heimweh und die Enttäuschung seiner Bewohner aus.
Viele Texte aus der Anfangszeit weisen auch auf das Rotlichtmilieu hin: Sie haben anzügliche Namen und Verse wie Berühr sie mir, denn das gefällt mir. Freudenhäuser mit ihren p Milonguitas gab es damals zuhauf im Arrabal: Die Antwort auf den großen Männerüberschuss durch die unzähligen männlichen Einwanderer aus Europa war der Mädchenhandel - mit Vorliebe für hellhäutige Frauen.
Den Tango tanzte man aber nicht nur in den Bordellen, sondern auch an vielen anderen Orten im Arrabal. Er entwickelte sich offenbar durch die sogenannten Compadritos: junge halbstarke Männer aus dem Arrabal, die gerne afrikanisch-argentinische Tanzveranstaltungen aufsuchten. Zurück im eigenen Viertel tanzten sie dann die Milonga und erweiterten sie um Elemente aus dem afro-lateinamerikanischen Candombe. Vor allem die energetischen Cortes, plötzliche Stopps in der Schrittfolge, und Quebradas, improvisierte Verrenkungen, hielten Einzug in den Tanz, den Tango Argentino oder besser den Tango Rioplatense. Denn heute steht fest, dass auch Impulse aus Uruguay und Montevideo den Tango geprägt haben. Und vor allem Europa trug vor knapp 100 Jahren dazu bei, den Tango aus Argentinien hoffähig zu machen. In Paris tanzte man ihn zu der Zeit, als sich die argentinische Oberschicht noch naserümpfend davon distanzierte. So erklärte damals der argentinische Botschafter in Paris, Enrique Larreta, dass der Tango in Buenos Aires ausschließlich ein Tanz schlecht beleumdeter Häuser und Tavernen der übelsten Art wäre. Doch was von der geschätzten Pariser High Society getanzt und geliebt wurde, konnte auf Dauer so übel nicht sein: Langsam, aber sicher fand die argentinische Elite Gefallen am gezähmten Tanzstil der Pariser, die den Tango eher elegant und längst nicht mehr so wild und anzüglich tanzten wie im Ursprungsland.
Sogar die Finnen haben den Tanz für sich entdeckt und den finnischen Tango entwickelt, der sich durch tieftraurige Texte und die konsequente Anwendung von Moll-Tonarten auszeichnet. Einmal im Jahr findet in der Stadt Seinäjoki der Tangomarkkinat statt - ein fünftägiges Tangofestival, dessen Höhepunkt der Tangogesangswettbewerb ist, bei dem ein Tangokönig und eine Tangokönigin gekrönt werden.
Ein Jahrhundert später feiert der argentinische Tango bei uns in Deutschland sein Comeback. Man tanzt ihn von München über Köln bis Berlin. Viel ist bereits über das neu ausgebrochene Tangofieber geschrieben worden. Manche sehen darin die sich widersprechenden Sehnsüchte des einsamen Großstadt-Singles einerseits nach Nähe und Geborgenheit, andererseits nach Freiheit und Anonymität. Beides vermag der Tango zu geben. Wer beispielsweise in Berlin nach einem anstrengenden Tag an der Uni oder im Büro die Seele baumeln lassen will, wem gerade danach ist, einfach mal für ein paar Stunden große Leidenschaft und intensive Gefühle auszuleben, der hat jeden Abend die Möglichkeit, irgendwo zu einer Milonga zu gehen, um sich für ein paar Stunden seinem Tanzpartner und der Musik hinzugeben - völlig unverbindlich und ohne anschließende Verpflichtungen. Sonntags können die Berliner schon seit sieben Jahren das Wochenende im Saal des Max und Moritz ausklingen lassen. Egal welche Nationalität oder Religion, die Tangogemeinde hat bei uns eine Heimat, beschreibt Inhaber Michael Kuhlmann sein Publikum. Wer will, kommt einfach früher und nimmt an einem Kurs teil. Danach ist das Parkett für alle Tänzer freigegeben. Für Hanna ist Tango ein Gefühl, dem man mit Bewegung Ausdruck verleiht. Neben Traurigkeit kann das auch Freude, Zärtlichkeit, Erotik, Spaß, Wut, Ironie, Lust, Sehnsucht, Liebe, Glück und Lebendigkeit sein. Und natürlich auch Entspannung: Das Tangotanzen ist für sie ein guter Gegenpol zur Kopfarbeit an der Universität. Gerade in Prüfungszeiten kann sie auf einer Milonga richtig abschalten.
Hanna und ihr Tanzpartner Daniel, der seine ersten Tangoschritte über den Hochschulsport gelernt hat, schieben sich elegant durch die anderen Paare; alle bewegen sich gegen den Uhrzeigersinn. Mal tanzen sie eine Volcada, darauf eine Colgada, dann macht Hanna einen p Boleo. Sie gehen vorwärts, rückwärts, dann drehen sie sich. Nie machen sie oder die anderen p Tangueros komplett einstudierte Schrittfolgen: Sie lassen sich vom Augenblick überraschen. Hanna gefällt das sehr beim Tango: Jede Bewegung ist improvisiert. Abhängig vom Führenden, Folgenden, der Musik, dem Raum, den anderen Anwesenden, der Zeit. Ich weiß in keiner Sekunde, was passieren wird. Umso erstaunlicher, dass sie beim Tangotanzen manchmal sogar die Augen schließt, ihren Blick nach innen richtet: Das ist etwas Schönes, weil man so mehr in den Körper kommt.
Como dormida, wie im Schlaf, sollen die Frauen dem führenden Tänzer im Tango folgen. Im Max und Moritz sieht man jedoch vor allem sich anschauende Paare, mal mit sehnsüchtigen Blicken und mal mit lachenden Gesichtern. Aber alle sind sie voller Hingabe bei der Sache, gehen für die Dauer eines Musikstücks eine Art Beziehung ein. Nach drei Tänzen ist Partnerwechsel, so schreibt es die Tangoetikette vor. Dann kommt die theatralische p Pose final, und das Paar geht auseinander. Die gemeinsame Zweisamkeit ist vorbei. Aus Nähe wird wieder Distanz.
Hören, sehen und tanzen
Carlos Gardel singt Mi Noche Triste (meine traurige Nacht):
http://www.youtube.com/watch?v =i2EIHyWXWEE
In Eigenregie das Tanzen lernen kann man mit Tangocity: Learn How To Dance Tango In Youtube:
http://www.youtube.com/watch?v =TE3oJkrsZwk&feature=related
Tango an den Hochschulen
Berlin: http://www.tu-sport.de
Stuttgart: http://www.hochschulsport.uni-stuttgart.de
Köln: http://www.hochschulsport-koeln.de