23. Juni 2008
Sagen Sie uns, was Sie tun, und wir sagen Ihnen, wer Sie sind. Zwei weitere Beispiele aus unserer Typenkunde.
Die Sinologin
Geheimnisvoll, intelligent, weltoffen, weiblich, stark: So wollte sie, angefeuert von ihren Alt-68er-Eltern, schon in der Pubertät auf ihre Umwelt wirken, weshalb sie ihre Haare hennarot färbte, sich einen Ring durch die Nase zog, Hermann Hesse las und im Religionsunterricht den Lehrer mit permanenten Sticheleien an den Rand der Verzweiflung trieb. Selbstverständlich schied anschließend ein Jura- oder BWL-Studium aus Gewissensgründen aus. Doch auch ein normales Magisterstudium schien ihr - nach exzellentem Abitur und drei Jahren als Schulsprecherin - zu schluffig. Als sie sich für Sinologie anstatt für Medizin entschied, erklärte sie ihren Eltern, dies sei weltweit die kommende Region, ohne selber daran zu glauben.
Heute besteht sie auf Businessflüge erster Klasse, wenn sie Manager internationaler Konzerne bei ihren Geschäftsreisen nach China begleitet - wie sonst sollte man ohne entsprechende Beinfreiheit die zehn Stunden nach Shanghai überstehen? Sie überlegt, einen MBA draufzusatteln, selbstverständlich nicht an einer deutschen Uni, das System sei einfach zu antiquiert. Und ihr Umfeld nervt sie noch immer - allerdings jetzt, indem sie permanent den Satz zitiert: Wenn der rote Drache erwacht, bebt die Welt. Bei Verwandtschaftsbesuchen, etwa an Weihnachten, lässt sie sich erst von ihren Tanten und Onkeln für ihre Weitsichtigkeit loben, bevor sie sie korrigiert: Es heißt nicht Peking, sondern Beijing. Derweil wartet der Vater die ganze Zeit auf seine Gelegenheit, den Anwesenden konspirativ zu verkünden: Es war nicht immer leicht, unsere Tochter so behutsam Richtung Fernost zu schubsen.
Das legt sie im Supermarkt in ihren Korb: ein Stück Gouda - Die Asiaten vertragen ja keinen Käse.
So macht sie mit ihrem Partner Schluss: zwischen zwei Business-Trips, mit einem Spruch von Konfuzius.
Das macht sie auf ihrem zehnjährigen Abiturtreffen: den Jungs erklären, dass die mit den Schulmädchenuniformen die Japaner sind.
So verbringt sie eine Party, auf der sie niemanden kennt: wenn sie zehn Minuten lang niemand anspricht, Leuten ungefragt erklären, dass aus Europa langsam die Luft rausgeht.
Das hält sie für schön: Paravants in jeder Ecke des Zimmers.
Ihr Lieblingsgetränk: Reiswein, auch wenn sie eigentlich findet, dass er nicht schmeckt.
Das hängt über ihrem Bett: ihre eigene hennarote Dreadlock von früher.