14. Oktober 2009
Um seinen Beruf beneidet ihn jeder Auto-Fan: Valentino Balboni, 60, ist der dienstälteste Lamborghini-Mitarbeiter und der wohl berühmteste Testfahrer der Welt.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich zum ersten Mal meine Hand auf die Kühlerhaube eines Lamborghinis legte: Der Traktorenhersteller Ferrucio Lamborghini hatte in Sant'Agata, dem Nachbarort meines Heimatdorfes, erst einige Jahre zuvor mit der Produktion von Sportwagen begonnen. Aus Rache - denn Enzo Ferrari, der mit seiner Firma ebenfalls in der Gegend saß, hatte ihn wohl ein paar Mal als Bauern und Traktorenschrauber verspottet.
Von einem Tag auf den anderen änderte sich damals mein ganzes Leben. Ich war gerade mit der Schule fertig und fuhr am Werksgelände vorbei, als ich sah, wie dort Karosserien des legendären Miura geliefert wurden. Ich wollte mir diese wunderschönen Autos ansehen und packte deshalb beim Abladen einfach mit an. Nach einer Weile stellte mich ein Pförtner zur Rede, merkte aber schnell, dass ich kein Ganove, sondern ein autobegeisterter Teenager war und drückte mir ein Bewerbungsformular in die Hand. Eine Woche später, am 21. April 1967, hatte ich meinen ersten Arbeitstag - Ferrucio Lamborghini selbst hatte mich, Zigarette im Mundwinkel, eingestellt.
Anfangs war ich nicht mehr als ein Hilfsarbeiter, der Werkzeuge, Motoren und den Fußboden putzte. Erst als ich es zum Mechaniker gebracht hatte, durfte ich mich ab und zu ans Lenkrad setzen - wenn auch nur, um die Sportwagen draußen vom Hof rein in die Werkstatt zu fahren. Statt den direkten Weg zu nehmen, fuhr ich jedoch stets mit heulendem Motor und quietschenden Reifen einmal ums ganze Gebäude. Meine Chefs beschwerten sich bei Ferrucio über mich. Aber ich hatte Blut geleckt, und also bat ich ihn, mich zum Testfahrer zu machen. Keine Ahnung, wie es mir gelang, ihn zu überzeugen, ich schaffte es einfach. Ich war 23, als ich zum ersten Mal alleine am Steuer sitzen und das Werksgelände verlassen durfte: Die Schranke ging auf, die Septembersonne schien und vor mir die Freiheit der Straße - so etwas vergisst man niemals.
Im Lauf der Jahre hat sich mein Beruf sehr stark verändert: In den Anfangszeiten testete ich die Wagen auf den Landstraße der Emilia Romagna und lieferte mir Rennen mit den Testfahrern der anderen Firmen aus der Gegend: Ferrari, Maserati - die Carabinieri drückten oft ein Auge zu. Heute, bei Geschwindigkeiten von über 350 km/h und 600 PS, ist das überhaupt nicht mehr möglich. Da finden die Tests fast nur noch auf Rennstrecken und im Windkanal statt. Wir testen unter extremen Bedingungen im ewigen Eis oder in der Wüste ebenso wie in endlosen Runden auf dem Nürburgring. Auch die Messtechnik spielt heute eine wichtigere Rolle: Früher hing alles an mir als Fahrer. Da kam es nur auf mein Gefühl an - nicht auf Computer und Data-Logger. Inzwischen ist eine neue Generation von Testfahrern nachgewachsen, die ich größtenteils ausgebildet habe und die nun um die ganze Welt reisen, um unsere Autos auf Herz und Nieren zu prüfen.
Die Schranke ging auf, die Septembersonne schien und vor mir die Freiheit der Straße - so etwas vergisst man niemals.
Als Testfahrer braucht man einerseits ein gutes Gespür für das Auto, andererseits aber auch den technischen Sachverstand, um zu verstehen, wie es konstruiert ist. Die meisten Testfahrer bei uns kommen entweder - so wie ich - aus der Mechaniker-Richtung, oder sie sind gelernte Rennfahrer. In meinen Anfangstagen war alles ein wenig wilder und unkontrollierter, heute bracht man viel Verantwortungsgefühl und muss vernünftig mit der Zeit der Ingenieure und den Entwicklungskosten umgehen. Man ist viel mehr international unterwegs als früher, als ich nach den Testfahrten hier im Umland abends nach Hause zu meiner Familie an den Esstisch konnte. Man braucht viel Disziplin als Testfahrer und muss klar kommunizieren können, denn schließlich sind wir die Verbindung zwischen dem, was die Ingenieure entwickeln, und dem, was der Kunde nachher auf dem Fahrersitz erlebt. Wir müssen uns in beide Seiten hineinversetzen können.
Ich mache auch noch Testfahrten, aber längst nicht mehr so viele wie früher. Trotzdem kann ich bis heute noch jedes unserer Modelle am Klang erkennen oder nachts an den Scheinwerfern. Ich nehme viele öffentliche Auftritte wahr und kümmere mich auch um die Fahrertrainings der Lamborghini Academy. Meine große Leidenschaft ist aber die Restaurationsabteilung. Dort schraube ich mit zwei anderen Mechanikern an alten Wagen herum, die uns Kunden von Indonesien bis Los Angeles vorbeibringen. Die alten Modelle aus den Sechzigern wie der Miura sind mir am meisten ans Herz gewachsen. So einen wieder flott zu machen macht fast so viel Spaß, wie ihn eine kurvige Landstraße entlangzujagen. Jetzt, wo ich die 60 erreicht habe, fragen mich die Leute natürlich immer öfter, wie lange ich das alles noch machen will. Aber an Rente will ich gar nicht denken. Dann könnte ich ja all diese wundervollen Autos nicht mehr fahren!